Love & Peace, Made in USA

„ 3 days of peace and music – woodstock – a film by Michael Wadleigh“ stand auf der Vorderseite des farbigen Filmprogramms „woodstock – the movie from Warner Bros.“ auf der Rückseite. Die Gross- und Kleinschreibung orientierte sich nicht nur an ästhetischen und orthographischen Kriterien, Hippieland war schon 1969 in Hollywoodhand. Im Inneren des dezenten Hefts nur ein paar Photos von Musikern, meist eingefärbt oder zu imaginären Plakaten und Ausschneidebögen verfremdet, als Schwerpunkt aber Photos vom Publikum: badend, kletternd, blumengeschmückt, tropfend, schlafend, nackt, vor allem nackt. Natürlich nackt, selbstverständlich nackt, so wie die Natur uns… Wir guckten mit diesem FKK-Blick, man wusste, hier ging es um etwas anderes, und trotzdem wollte einem diese Nacktürlichkeit nicht so recht einleuchten, das Gefühl einer Symbiose aus Naivität und berechnendem Voyeurismus beizuwohnen, verliess einen während geschlagenen drei Stunden im Kinosessel nicht.

Das Publikum trat als Hauptdarsteller auf – das war schon 1970 überdeutlich. Die Fraktionen waren bereits in Woodstock getrennt, in jene, die um der Musik willen gekommen waren, und in jene, denen Musik im Grunde der blosse Anlass blieb, denen es um „good vibrations“ ging, um die Gelegenheit, mit irgendjemand eine Orange zu teilen. Sicher schön, Country Joe zu sehen, Joan Baez, The Who, Joe Cocker oder Jefferson Airplane, aber der Verdacht wuchs, eine seltsame aufgeblasene und zusammengestückelte Collage auf Grossleinwand zu betrachten, eine Quersumme aus einem Treffen langhaariger, bleichgesichtiger Pfadfinder und einer Frühform der Street Parade. Die nachträglichen Erklärungs- und Beschreibungsversuche des Rockkritikers Paul Williams sprechen für sich: „ Musik hören, ein Brot essen, morgens wach werden – jeder Lebensausdruck wird bedeutungsvoller, wenn Tausende um einen herum dasselbe Leben leben und ein jeder weiss, dass man dasselbe wie der Nächste erlebt.“ Oder: „ Dem Individuum wird bewusst, dass man von all den anderen Individuen verkörpert wird.“ Kein Wunder, dass „Woodstock“ bald als das „Gemeinschaftsgefühl“, als das „dreitägige Lebensereignis“ angesehen wird, dass das litaneihafte „Freedom“ von Richie Heavens oder das zerfetzte „Star Spangled Banner“ von Jimi Hendrix auch den musikpolitischen Geschmack der Jugend in Westeuropa traf. Im Gemeinschaftssinn aufgehen konnte man auch bei Demonstrationen mit „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ auf der Strasse.

Die geblümten Peace-Zeichen, Stirnbänder und Batikhemden, die Militärjacken sowie die Einheitstracht aus Jeans zeigten vorallem eins: wir sind so frei wie unsere Musik, wir brauchen sie nicht mehr. „Obwohl man eigentlich wegen der Musik gekommen war,“ so schrieb Paul Williams weiter, „ stellte sich bald heraus, dass nicht die Musik das wirklich Wesentliche war. Die Leute brachten auch nicht die Erinnerung an die Musik nach Hause und die Sehnsucht danach. Nein. Das Wesentliche waren die Menschen in Woodstock: die Hochstimmung der Energie dieser Menschen, das Gefühl und die Freiheit des Zusammenseins. Es gibt noch mehr im Leben als Musik, und wir werden unser Leben so „high“ gestalten, dass es auch der besten Rockmusik ebenbürtig ist. Wir sind frei!“ Man merkte es dem Film an: Er wurde so langweilig wie der allzu lange, unverstellte Blick aufs unverfälschte Glück – Kunst muss eindeutig gekleidet und inszeniert sein, um nachhaltig zu wirken.

Vor Woodstock war Monterey. P.A. Pennebaker und Richard Leacock drehten einen Film über das Monterey Pop Festival 1967, in der Schweiz kam er erst Mitte der siebziger Jahre in die Kinos. Es war noch nicht Woodstock, das heisst, es ging um beides, um Musik und Menschen. Vielleicht lag es daran, dass Monterey am Meer lag, die Freiluftbühne bestuhlt war oder die Musiker zu Zuhörer werden konnten, wenn sie nicht auf der Bühne standen: Jimi Hendrix, der Ravi Shankar beobachtet, Mama Cass, wie sie mit offenstehendem Mund zu Janis Joplin hinaufschaut, ob Mike Bloomfield oder Garth Hudson von The Band, Monterey erscheint wie ein Film, in dem die Menschen die Musik Ernst nehmen, die sie hören.

Ein paar Momente bleiben einen dann auch deutlich und intensiv in Erinnerung: das Flammenopfer von Jimi Hendrix, der seine Elektrogitarre mit Feuerzeugbenzin bespritzte, sie anzündete und den Rest ins Publikum warf – eine symbolische „Was solls?“-Geste, die uns schon in Antonionis „Blow Up“ bei den Yardbirds begeisterte – , oder die schlussendliche Gewalttätigkeit der Who, die in frühem Punktest ihre materielle Basis in Kleinholz verwandelten. Oder man beobachtete die Fingerfertigkeit und irritierende Freundlichkeit eines Ravi Shankar. Man beobachtete Otis Reeding mit „I’ve Been Login’ You Too Long“, die üppige Mama Cass mit ihrer sattweichen Stimme in „California Dreamin“, lernte beim Auftritt von Jefferson Airplane Grace Slicks Frauenstimme von Martin Balins Männerorgan abzugrenzen.

„California dreaming’ is becoming a reality.“ Eigentlich dokumentierte der Monterey-Film die Flower-Power-Bewegung. Ob es nun die gemalten Blumen auf den Wangen waren oder die echten im Haar, die psychedelischen Muster auf kahlrasierten Schädeln oder auf den Motorhauben der Autos, die Bilder spiegelten die Musik, dienten nicht als Füllmaterial, sondern entsprachen einer gemeinsamen Form: der trägen Leichtigkeit von Country Joe & The Fish, den mäandernden Kollektivgitarren von Jefferson Airplane, dem entspannten Blues von Canned Head. Die Gesichter reflektierten die Musik: mit Skepsis, Innigkeit, Begeisterung oder mit gähnender Langweile. Manche Einstellungen waren endlos gedehnte Grossaufnahmen von Händen, von wippenden Fusssohlen, von Ausdruckstänzern, die fern von dem eigentlichen Geschehen Selbstbefreiung zelebrierten -, aber meist sah man die Musik, auch wenn sie nicht im Bild war. Das Verhältnis von Kunst und Kommerz war noch ausgeglichen, Film und Fernsehen hatten bei Monterey noch nicht die Ästhetikkontrolle übernommen, bestimmten noch nicht die Wahrnehmung von Musik.

„Die Welt wird nun, nach diesem Festival, nie wieder so sein wie zuvor“, schrieb Paul Williams über Woodstock und untermauerte seine Verkündigung mit Statistik: „Mehr Leute auf LSD zusammen denn je zuvor. Mehr Menschen erlebten und hörten zugleich zusammen dieselbe Musik am selben Ort live – denn je zuvor. Geschichtlich gesehen handelt es sich um die grösste Stadt, die jemals ohne Regierung und ohne Kriminalität Bestand hatte. Es gab keine Gewalt, keine Gesetze, keine von oben vorgegebene Ordnung. Es war eine wahre politische Demonstration.“ Man sollte ihnen die Freude nicht nehmen, all den Jugendlichen, die zum erstenmal spürten, dass sie nicht allein waren, welche Macht sie darstellen könnten, wenn die Obrigkeit sie nur liesse. Doch fern von allen ideologischen Überhöhungen wurde Woodstock eben nur zum Mythos, weil Warner Brothers es wollte und damit fünfhundert Millionen verdiente. Das Erstaunen über das Fehlen von Gruppen wie Creedence Clearwater Revival oder Grateful Dead, die nicht im Film auftauchten, erklärte sich erst später, als bekannt wurde, dass sich diese nicht für ein Butterbrot verkaufen liessen und deshalb auf ihre mediale Verdoppelung und Mitwirkung verzichteten. Die übrigen fünfhunderttausend unbezahlten ( ehedem: finanziell ausgebeuteten) Komparsen freuen sich übrigens bis heute, Teil der Geschichte zu sein.

Woodstock revisited: Da waren Festivals in Toronto, in Palm Springs und Newport (mit Verletzten und Verhafteten), in Denver ( mit Tränengasschwaden), auf der Isle of Wight, in Altamont ( mit einem Toten), doch allein Woodstock wurde zum Dokument und Synonym für Befreiung, Brüderlichkeit und Grösse. Und wie jede Chiffre löste sie sich vom Anlass und Inhalt. Weder die grossartige, von der Luftgitarre seiner Hände begleitete Stimme von Joe Cocker noch die musikalische Hommage von Jimi Hendrix über die amerikanische National-Hymne blieben im kollektiven Gedächtnis an erster Stelle – es war der bis heute von jeder Generation neu abrufbare Protestraum von langen Haaren, kuscheligen Zelten, gutem Dope und freier Liebe. Von nun an hatte die Rockmusik Festivals und Stadien zu füllen, je grösser, desto politisch manifester, und es dauerte nicht lange, bis die Synonyme „Jugend“ und „Kommerz“ und „Dabeisein“ die letzten Reste einer Alternativkultur ersetzt hatten. Hunderte von Woodstock-Kopien überzogen ( und überziehen) das Land, wo früher Konzertsäle und Clubs waren, dominieren heute Fussballstadien und Freiluftgelände die Musikszene.

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