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Lou Reed, New York, 1989

Produzent/ Lou Reed, Fred Maher

Label/ Sire Records

Ein bescheidener Zeigenosse war Lou Reed nie, doch „New York“ sah der ehemalige Literaturstudent als seine Meisterprüfung an. „Faulkner hatte den Süden, Joyce hatte Dublin, ich habe New York“, gab er nach Veröffentlichung zu Protokoll. Es weht mehr als nur ein Hauch von Selbstüberschätzung durch diese Aussage, in der Reed über sich selbst in einem Atemzug mit den anspruchsvollsten Schriftstellern der Moderne spricht – und das zudem mit Blick auf eine Metropole, in der es sicher nicht an Dichtern mangelt. Hinzu kam, dass Reed auch noch den Hinweis auf das Album drucken liess, dieses doch bitte in einem Durchlauf zu hören, „wie man einen Roman liest“…

Handelt es sich bei „New York“ also um den grossen musikalischen „New York“-Roman? Bei aller Selbstüberschätzung ist zumindest festzuhalten, dass die Platte sicherlich die besten Texte enthält, die Lou Reed je verfasst hat. Sie wechseln zwischen hartem Realismus wie „Dirty Blvd.“ und lyrischer Schönheit wie in „Romeo Had Juliette“, meist aber verbinden sie das eine mit dem anderen mit einer dichterischen Wucht, die in der Rockszene ihresgleichen sucht.

Was eher Anlass zu Kritik geben könnte, ist der Umstand, das die Musik auf den ersten Blick nicht immer mit diesen textlichen Ambitionen mithalten kann. Reed entschied sich für einen extrem trockenen Sound, der zur Blaupause seines beginnenden Spätwerks wurde: knarzende Gitarre, wummernder Bass, monotone Drums mit viel Snare – ein Sound, der einen Klangraum abbilden solle, in dem jeder Lautsprecher und jedes Mikrophon milllimetergenau abgestimmt aufgebaut sein müssten. Nur im scheinbaren Widerspruch dazu stehen die simplen Kompositionen. Wird man langsam mit diesem sehr fordernden Album vertraut, merkt man jedoch, dass es genau diese Mischung aus anspruchsvoller Lyrik, simplen Akkordfolgen und einem nahezu perfekt inszenierten hermetischen Sound ist, welche die wahre Grösse von „New York“ ausmacht.

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