vd2501-kevin-coyne-front.jpg

Kevin Coyne, Marjory Razorblade, 1973

Produzent/ Steve Verona

Label/ Virgin

Er war der grosse kleine Mann von der Strasse. Ehemaliger Streetworker und Sozialarbeiter. Und ein grossartiger Songschreiber, der über all die grotesken täglichen Banalitäten, den immer wuchernden bedrohlichen Alltagsirrsinn und die Sorgen und Nöte der kleinen Leute gesungen hat. Er sang von seinem Weltschmerz, von psychiatrischen Kliniken, Ferien in Spanien, von Soldaten-Wehmut und dem Nuttenmilieu. Und all das verpackte er in kleine Songs. Am allerbesten machte er das auf dem 1973 erschienenen Doppelalbum „Marjory Razorblade“.

Zuvor hatte Kevin Coyne mit der Band Siren zwei LP’s und als Solokünstler das wenig beachtete Album „Case History“ veröffentlicht, welches wie die beiden Siren-Alben auf John Peel’s Dandelion Label erschienen waren. John Peel war schon damals einer der angesagtesten Radio DJ’s und der eigentliche Entdecker von Kevin Coyne. Dieser unterschrieb in der Folge beim eben aus der Taufe gehobenen Virgin Label von Richard Branson. „Marjory Razorblade“ war Coyne’s grossartiger Einstand bei der neuen Firma.

Auf dem Album nölt er sich durch allerlei spassige Alltagsgeschichten, bisweilen ziemlich schräg („Mummy“, „Good Boy“), rockt aber auch herzhaft („Eastbourne Ladies“) und baut immer wieder schwelgerisch schöne Songs ein wie „Marlene“ oder „Talking To No One“. Kevin Coyne besitzt viel Sinn für Humor, aber auch enorm viel Feingefühl und Sensorik für all die kleinen und grossen Alltäglichkeiten, die einem ständig durchs Leben begleiten. Er veröffentlichte noch eine ganze Reihe genialer Platten auf Virgin, unter anderem auch das schön schräge Album „Babble“ mit Dagmar Krause, bevor er im Dezember 2004 im Alter von 60 Jahren starb.

8 Gedanken zu “

    1. Kevin Coyne als Morrison-Nachfolger war ja nicht mehr als eine Idee von Elektra-Manager Jac Holzman, die Coyne gerüchteweise mit der Begründung abgelehnt hat, dass ihm Lederhosen nicht gefielen und er darin lächerlich aussehe. Klar, „Millionaires and Teddy Bears“ ist einzigartig. Ich mag auch „Sanity Stomp“ oder „Dynamite Daze“. Kevin Coynes Songs haben alle eine gesunde Wut und genügend Poesie, um über den Wahnsinn zu lächeln.

      Gefällt 1 Person

      1. Ja, ich hab mal irgendwo davon gelesen. Ich denke, Coyne hat das schon alles richtig gemacht. Alles tolle Platten, die Du da erwähnst. Auch viele spätere Sachen, auf denen dann seine Söhne mitgewirkt haben, waren durchaus hörenswert.

        Gefällt 1 Person

  1. Ahh, den hab ich mal live gesehen, und wenn ich ehrlich bin, ich kannte ihn vorher gar nicht. Waren paar Leute aus der Schule, die hingingen, und ich fand, er sah cool genug aus, so dass ich mitging.
    Auf dem Konzert sagte er was, das habe ich mir ins innere Poesiealbum geprägt:
    „Oh, I like kids. Went to school with ‚em.“ ❤ ❤ ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Ich habe Kevin Coyne leider nie live gesehen. Aber ich weiss, dass er seit 1985 in Deutschland lebte und dort oft auf der Bühne gestanden ist. Er war ein Verrückter, der es nicht lassen konnte. Jedes Jahr nahm er praktisch ein neues Album auf, malte wie besessen und schrieb (Kinder) Bücher. „I got nothing against kids.“ – das klingt tief menschlich und versöhnlich.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s