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Lightnin’ Hopkins, 1959

Produzent/ Samuel B. Charters

Label/ Folkways Recordings

Lightnin’ Hopkins (1912 – 1982) kam aus Centreville, Texas, trotz des Namens alles andere als eine Metropole. Hopkins entstammte bitterarmen Verhältnissen. Sein Vater, ein Trinker und Spieler, wurde ermordet. Hopkins konnte keine Schule besuchen, schuftete als Landarbeiter und bekam den Blues so knüppeldick eingetränkt, dass er ihn unbedingt mitteilen musste. Musik war von Anfang an der einzige Halt in seinem Leben gewesen.

Als Jugendlicher tat er sich mit seinem Cousin Texas Alexander zusammen und tingelte in der Umgebung von Houston. Glücksspiel, Suff und Schlägereien führten immer wieder zu Aufenthalten in Gefängnislagern. 1938 zog er nach Houston. Ein Jahrzehnt später nahm er seine ersten Stücke auf. Sein „Katie Mae Blues“ und „That Mean Old Twister“ machten ihn sofort zu einem Geheimtipp unter Blues-Fans. Keiner hatte eine solche Stimme, keiner spielte so schnell und verzinkt.

Trotz ermutigender Anfänge und zahlreicher Aufnahmen bei unzähligen kleinen und grossen Labels hatte Lightnin’ Hopkins es in den späten fünziger Jahren schwer und musste sich mit einem Status als bestenfalls lokale Grösse bescheiden. Dann änderte sich die Situation. Samuel B. Charters trat auf den Plan und entdeckte ihn, verbittert und vergraben im Ghetto von Houston. Man liess ihn Aufnahmen für Folkways machen, darunter den grossartigen „Penitentiary Blues“, und schleuste ihn in den Folk-Blues-Revival-Zirkus ein, wo er seine immensen Entertainer-Qualitäten in Universitätshörsälen, aber auch in der Carnegie Hall ausspielen konnte. Lightnin’ war der Idealfall des kreativen, aus der Tradition heraus innovativ arbeitenden Spontan-Blues-Sängers. Ein Blues wie „Mojo Hand“ lebte von der angewandten Zitatkunst ebenso wie von den unerwarteten Improvisationen seines Autors. Seine Reibeisen-Stimme, sein eigenwilliger Gitarrenstil, der sich nur selten an das amtliche Blues-Schema halten wollte, machten auch schwächere Auftritte zu einem Ereignis. Und wenn er gut war, war er der Blues in Person.

Das wusste er selbst nur zu gut, wie zahlreiche Anekdoten berichten. Einmal, bei Aufnahmen, blieb er endlos auf der Grundharmonie, während alle anderen wechselten, wie es das Schema verlangt. Hopkins hielt die Aufnahme an. Der Bassist machte ihn auf das Versehen aufmerksam und erhielt die klassische Antwort: „Lightnin’ change when Lightnin’ want to change.“

Hopkins nahm den Blues ernst wie kein Zweiter, doch ohne Selbstmitleid und Bitternis, eher manchmal mit grimmigem Humor. 1966 stieg er aus dem Folk-Zirkus aus und zog sich glänzlich nach Houston zurück, machte aber dann und wann immer noch Aufnahmen für seinen Freund Chris Strachwitz. Als ihn im gleichen Jahr wie Muddy Waters im Alter von siebzig Jahren der Krebs umbrachte, hinterliess er ein unüberschaubares Erbe afroamerikanischer Zeitzeugnisse und persönlicher Kommentare zur Befindlichkeit der untersten Schichten des schwarzen Amerika, in Blues-Form verpackt. Lange vor den Rappern unserer Zeit hatte Lightnin’ die Fähigkeit, alltägliche Anlässe spontan zu kleinen oder grösseren Blues-Dramen, nicht selten auch zu witzigen Satiren, zu gestalten. Man höre sich nur einmal „Coffee Blues“ an, die Geschichte vom aushäusigen Ehemann, der vergass, den Kaffee aus der Stadt mitzubringen, wie er versprochen hatte, oder die aberwitzige Geschichte von „Mr. Charlie“, sein „War Is Startin’ Again“ oder die Story vom „Black Cadillac“, mit den grossen Weisswandreifen, um nur einige herausragende Beispiele zu nennen.

Wer nach einem Blues-Mann sucht, der sich immer und unter allen Umständen treu geblieben ist und sich unter keinen Umständen ausverkauft hat, der wird unweigerlich bei Hopkins landen. Wahrscheinlich ist er genau deswegen nie einer der grossen Stars des Pop-Blues geworden, dafür ist sein Stammplatz in der ewigen Oberliga der Blues-Kreativen sicher ziemlich weit oben.

7 Gedanken zu “

    1. Es waren doch vorallem weisse Journalisten, die sich diese Mythengeschichten über schwarze Blues-Männer zusammenquirlten. Nicht nur die Musik, sondern gleich auch ihre Rezeption wird nun seit Generationen von Hörern darauf konditioniert. Das mag zwar historisch bemerkenswert sein, ist aber ein zunehmend stereotypes Programm.

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      1. Sam „Lightnin“ Hopkins is one of my favorite blues players. I love the soul that comes trough in his playing. His guitar style was influenced by many of the Texas bluesman, mostly Blind Lemon Jefferson and his cousin Texas Alexander. Lightnin played fingerpicking mostly in the key of E and some cool things in A. I’ve tried to smooth out his style somewhat in my playing. But what might sound incredible for Lightnin, would sound like a mistake for me. While it’s cool for him to play 10 1/2 bar blues, it would sound like I didn’t know what I was doing.

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