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Neil Young, Rockin’ in the Free World, 1989

Text/Musik/ Neil Young

Produzent/ Neil Young, Niko Bolas

Label/ Reprise

Es gibt Leute, die meinen dieser Song sei ironisch oder zynisch. Dabei ist die Aufforderung zum Rocken und die Bezeichnung derjenigen Welt als frei, die sich in ihrer Propaganda so nennt und daher Freiheit als letzten einklagbaren Anspruch ihrer Untertanen wohl oder übel anbieten muss, vor dem Horizont des Rocken, das in seiner Mythologisierung als eine Bewegung zur Freiheit hin verstanden werden will, doch nur logisch. Und das hängt logischerweise wiederum eng mit dem perspektivenlosen Elend und dem Nichtgewähren des wichtigsten, vom Rockin in den letzten Jahrzehnten erkämpften Menschenrecht, nämlich cool zu sein, zusammen.

Neil Young beklagt mit Zwiespältigkeit was die Strasse – als ein mythologischer Ort des Rock, der Arbeiterbewegung und der Gerechtigkeit – für den korrekten Standpunkt bedeutet. Dabei nimmt er angesichts der Situation des kompletten Sieges der kapitalistischen Propaganda, die Position des Wörtlich Nehmens für verbriefte Rechte ein.

Der oft gegen Protest-Sänger erhobene Vorwurf, sie würden sich mit dem Elend anderer Leute schmücken, trifft hier nicht nur nicht zu, sondern umgekehrt hat einer es geschafft, die Verhältnisse so klar zu stellen – ohne sich und seine Beziehung dazu zu mythologisieren, oder sich in die Pose des Aufklärers zu begeben. Die Fakten sind ja hinlänglich bekannt und Neil Young tut auch nicht, als wäre es anders, sondern gibt sich genau als der „Verstärker“ zu erkennen, der der Künstler ist. Es wäre also falsch, von irgendetwas anderem zu sprechen, als wovon dieses Lied spricht: „ Keep on rockin’ in the free world“ – Gültiges Statement für alles, was jetzt noch kommen wird.

12 Gedanken zu “

  1. Wohingegen mir der akustische „stripped back“ Neil Young meistens besser gefaellt der grungeorientierte Rocker, ist er immer wieder gut fuer ein Stueck, das in die letztere Kategorie faellt. In diesen Zusammenhang ist „Rockin‘ In the Free World“ eine Perle, wenn nicht sogar mein Lieblingssong von ihm.

    Was Rock Stars anbelangt, die ueber soziale Missstaende singen und dabei Millionen verdienen, kann ich verstehen, dass dies manche Leute irritiert, insbesondere korrupte Politker, von denen es leider zu viel zu viele gibt! Weiterhin denke ich man muss hier differenzieren, ob es sich um einen authentischen Kuenstler handelt oder jemand, der schnell absahnen will. Neil Young hat seit ueber 50 Jahren Songs mit sozialkritischen Texten geschrieben und setzt sich z.B. als Mitgruender von „Farm Aid“ seit Jahrzehnten fuer die Kleinbauern ein – ihm nehme ich den Text von „Rockin‘ In the Free World“ schlicht ab!

    Zur Zeit hoere ich den Song so wie es am meisten Spass macht, in voller Lautstaerke – mit Ear Buds, sodass die meinen hier nicht aus dem Bett fallen! Es ist eines der Stuecke, die mich zurueck in die Sturm und Drangphase meiner Jugend katapultieren. Heute habe ich leider Hoerverlust! 🙂

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    1. Das was Young mit „cool“ meint, sind nicht diese bürgerlichen oder europäischen Lebensentwürfe und Ideologien von Selbstverwirklichung, Karriere, Hab und Gut und Demokratie, wofür es sich zu leben lohnt, sondern, dass jeder eine Chance haben sollte „cool“ zu sein. Also im Grunde eben gerade auch das Nicht-Machen, Abhängen, auf der Strasse rumstehen.

      Der Song erschien 1989 und hatte damals noch eine bestimmte Subkulturmythologie. Heute werden die Wörter „Freiheit“ oder „freie Welt“ im wahrsten Sinne schon onetrackminded benutzt, von Wirtschaftsmächten, Politiker ebenso wie von Obdachlosen und religiös Wahnsinnigen. Neil Young erinnert mich daran, dass es wirklich um nichts anderes als um „freedom“ und eine „free world“ geht: „Well I keep getting younger/ My lif’s been funny that way/ Before I ever learned to talk/ I forgot what to say.“ Aber Achtung mit der Lautsärke: mit dem Tinnitus ist nicht zu spassen. Einen schönen Sommer-Sonntag (no emoji).

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    1. Ich fand diese 80er Disco/Computer/Kraftwerk-Adaptionen und Mischformen („Trans X“, „Landing on Water“, „Life“) auch nicht so toll, aber Neil Young hat sich damit an der postmodernen Epoche der Popmusik beteiligt und sie nicht arrogant ignoriert, wie die Mehrheit der amerikanischen, alten Helden, die sich in den Schmollwinkel eines authentizitischen Rock-Daseins zurückgezogen haben.

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      1. Das mag sein, aber gebracht hat es auch nicht viel. Irgendwie kam man damals in Bezug auf seinen Auswurf nicht um den „Schuster, bleib bei deinen Leisten“-Spruch rum. Ich denke, es muss nicht jeder zu jeder Entwicklung seinen Senf dazugeben, vor allem, wenn dort nicht die eigenen Kernkompetenzen liegen. Einen Gefallen hat er sich damit jedenfalls nicht getan („Old Ways“ war als Country-Scheibe noch ganz ok, aber das hat damals auch kaum wer werten können).

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      2. Young ist viele Seiten- und Sonderwege gegangen. Er hat sich damit auch gegen die Scheinidyllen des Spezialistentums oder gegen die industriell vorgefertigte Massenwirksamkeit gerichtet. Also versucht sich in einer Lage einzurichten, in der in intergenerationellen Problemen und der daraus folgenden Orientierungslosigkeit fast vergessen worden ist, um was es eigentlich geht, nachdem man sich entschieden hat, lieber auszubrennen als zu rosten.

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      3. Das hat bei „Rust Never Sleeps“ in Bezug auf Punk funktioniert (inhaltlich), in Bezug auf das Synthie-/Elektro-Gedöns der 80er bleib ich dabei: geschenkt. Da waren ja etliche Arbeiten der originären Vertreter der artifiziellen Genres bereits keine erbaulichen….

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