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Bob Dylan, The Cutting Edge 1965- 1966 (The Bootleg Series Vol. 12), 2015

Label/ Columbia

Als Bob Dylan und sein Kumpel, der Folk-Singer Phil Ochs, an einem Abend des Jahres 1966 in einer Limousine durch New York gondelten, merkte Ochs dezent an, dass er den neue Dylan-Song „Can You Please Crawl out Your Window“ nicht so toll finde. Da explodierte Dylan, liess den Fahrer bremsen und schrie wütend: „Raus aus dem Auto, Ochs!“ Die nächsten zehn Jahre sprachen die beiden kein Wort miteinander.

Eine Geschichte, die erahnen lässt, wie aufgeladen die Stimmung damals war. Kein Wunder, denn Mitte der Sechziger war Bob Dylan im Zentrum eines Orkans. Das lähmte ihn aber nicht, sondern befeuerte seine Kreativität nur noch mehr. Die drei Alben, die Dylan damals innerhalb von 14 Monaten, zwischen Januar 1965 und März 1966, einspielte, veränderten nicht nur seine Karriere, sondern modernisierten die Popmusik insgesamt.  All die Superlative aufzuzählen, die mit den Werken „Bringing It All Back Home“, „Highway 61 Revisited“ und „Blonde On Blonde“ in Verbindung gebracht werden, wäre öde. Es bleibt aber, dass jedes einzelne dieser Alben Bob Dylan allein schon zur Legende gemacht hätte.

Als Dylan die Elektrizität für sich entdeckte, hatte er den einsam mahnenden Folk-Singer hinter sich gelassen und sich eine E-Gitarre und Band besorgt. Dass er so die Wut der vermeintlich toleranten Folk-Fans auf sich zog, hielt er aus. Songs wie „Subterranean Homesick Blues“, „Maggie’s Farm“, „Visions of Johanna“ und besonders „Like a Rolling Stone“, machten Dylan – unfreiwillig, aber endgültig – zum Sprecher einer Generation.

Andererseits zelebrierte er seinen Status als unnahbares Phantom: Dylan versteckte sich hinter seiner Sonnenbrille und hielt die nach Deutungen und Erläuterungen lechzenden Verehrer mit schnippischen Kommentaren auf Abstand. Seine Interviews aus jenen Jahren gelten als Klassiker der Auskunftsverweigerung. Auf die Journalisten-Frage, worum es im „Subterranean Homesick Blues“ eigentlich gehe, antwortete er damals knapp: „Um absolut nichts!“

So blieb nur Dylans Musik, aus der sich jeder seine Antworten herausdestillieren musste. Das machte es umso spannender, bei ihm einen Blick hinter die Studiokulissen zu werfen. Die Chance dazu boten lange nur illegale Tonträger mit Musik, die der Meister eigentlich nicht veröffentlicht sehen wollte – Bootlegs also. Diese unerwünschten Veröffentlichungen kontert Dylan seit Jahren mit einer Reihe „offizieller“ Bootlegs, der sogenannten „Bootleg-Series“, die Studio-Überbleibsel bietet. 2015 ist “Bob Dylan – The Cutting Edge 1965-1966 “ erschienen, die wohl wichtigsten Phase in Dylans Karriere.

Was damals im Studio hintenüber fiel, wurde nun frisch aufbereitet. Und so bietet sich die Chance, die Entwicklung einiger spektakulärer Dylan-Songs nachzuempfinden. Natürlich ist es ganz interessant beispielsweise „Mr. Tambourine Man“ mit lärmender Tamburinbegleitung oder „Just Like A Woman“ als latino-getönte Rocknummer zu hören. Aber insgesamt sind auf  „The Cutting Edge“ kaum neue Song-Entdeckungen zu machen. Für sich genommen weichen die Aufnahmen nur in Instrumentierung, Tempo und Timing vom Bekannten ab. Neben dem flüchtigen Aha-Effekt bleibt dann vorallem die Gewissheit, dass die auf den Alben gelandeten Versionen doch die besten waren. Für alte Dylan-Fans dürfte sich „The Cutting Edge“ aber durchaus bezahlt machen.

8 Gedanken zu “

  1. Irgendwann wird die Gelddruckmaschine auch wieder zum Stillstand kommen und der ganze Ausschuss veröffentlicht sein, und dann werden neben Phil Ochs noch ein paar andere Leute merken, dass der ein oder andere Dylan-Song gar nicht so toll ist ;-)))

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    1. Ganz klar liegt diesem Veröffentlichungswahnsinn Dylans auch eine knallharte merkantile Strategie zugrunde. Aber das war schon bei Elvis und Miles Davis so. „The Cutting Edge“ ist eh nur etwas für Leute, die die entsprechenden Endprodukte auswendig kennen.

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      1. Das hat bei Elvis schon nicht gefallen, und beim völlig überschätzten Nervensägen-Getröte von Herrn Davis noch viel weniger. Aber wenn’s die beinharten Dylanologen und Akademiker unbedingt brauchen, sollen sie den Geldbeutel halt aufmachen. Ganz ehrlich: wer braucht ernsthaft die 28. Version von irgendeinem einem Liedlein, das annähernd ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat und bei dem einem heute im Jahr 2017 hinsichtlich Endfassung schon oft der Nerv fehlt, es aufgrund von klarem Fall von „totgespielt“ noch allzu oft aufzulegen.

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      2. Das Projekt „Bootlegs Series“ ist auch ein Lehrstück in Sachen Vermarktung. Das Ganze dient nämlich auch zur Fortsetzung der umstrittenen „Copyrigh Extension“, um damit die 50-Jahre-Limite im (europäischen) Urheberrecht zu verlängern.

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      3. Ah, verstehe. Ein paar brauchbare Nummern waren ja schon dabei, „Vol. 8 Tell Tale Signs“ oder die „Roling Thunder“-Liveaufnahmen etwa. Hinsichtlich Resteverwertung bleibt da halt oft ein Rest-Störgefühl. So ganz ohne ging’s eigentlich nur bei der ersten Velvet-Underground-Archiv-Veröffentlichung (eigentlich eine reguläre, davor nicht veröffentlichte Scheibe) von 1985 und „‚Philosopher’s Stone“ von Van Morrison.

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    1. „His Bobness“ didn’t invent rock’n’roll in 1965. It’s only that the folk music scene had a traditional songwriter character even when out there already over a decade the electrically rock’n’roll was.

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