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Patti Smith, Horses, 1975

Produzent/ John Cale

Label/ Arista

Man hört deutlich, dass Patti Smith Dichterin ist. Auf ihrem Debütalbum legt sie gesteigerten Wert darauf, dass jedes Wort klar zu verstehen ist. Auch singt sie kaum, sondern lässt zu gesprochenem Wort begleiten und definiert damit ihr Markenzeichen. Die Art, wie ihre Sprechstimme in Gesang umschlägt und umgekehrt, erinnert stark an Jim Morrison, von dem sie sich einiges abgeschaut hat. Und wenn sie dann doch singt, dann verzerrt sie ihre Stimme ohne technische Hilfsmittel beinahe zur Karikatur.

„Horses“ ist eine erstaunlich nüchtern und unpathetisch produzierte Platte einer Band, die in der lokalen Szene der New Yorker Lower Eastside schon einschlägige Erfolge gefeiert hat. Trotzdem ist diese Produktion ein weites Experimentierfeld für die Sängerin und die beteiligten Musiker. Patti Smith macht keinen Hehl aus ihren Unsicherheiten, doch diese Schwäche transformiert sie in Stärke, zum Beispiel, wenn sie sich in „Break It Up“ während des Singens gegen den Hals schlägt, um ihrem Timbre grössere Expressivität zu geben. Mit Songs wie „Gloria“ von Them oder Fat’s Dominos „Land Of A Thousand Dances“, das in „Land“ integriert ist, bekennt sie sich offen zu ihrer musikalischen Herkunft. Andere Stücke sind frei improvisiert. Ihre Texte beziehen sich stark auf eigene Erlebnisse oder Begebenheiten aus ihrem persönlichen Umfeld.

„Horses“ ist eine überaus gelungene Mischung aus der hingeworfenen Banalität des Alltags und künstlerischen Ansprüchen. 2005 erschien eine Neuauflage der Platte unter dem Titel „Horses/Horses“. Dafür wurde in London eine zweite CD mit denselben Songs live aufgenommen, auf der Tom Verlaine Gitarre spielt. Aber statt der Punkcoolness ihrer Anfangstage bekommt man nun einen historisch korsettierten Auftritt einer Rockikone, ein Palimpset zum Classic Rock, der sich anfühlt, als würde Frau Smith die Strandliegen der Erinnerung mit einem Handtuch reservieren.

5 Gedanken zu “

    1. Auf die Platte „Horses“ kam man damals zuerst, wenn man die Zeitschrift „Sounds“ las. Gerade in Deutschland wurde ja die „coole Underground-Poetin“ Patti Smith mit der gebührenden Liebe zur amerikanischen Poesie und zur Beat-Generation empfangen. Das Musik und Poesie-Muster war zwar nicht neu, doch sie sang ihre weibliche Version unverfälscht frisch, mit der Aggressivität eines Punks und der Erotik der Mehrdeutigkeit. Jeder konnte sie falsch verstehen und dafür lieben. Lesben, Frauenbewegte, Anarchisten, Androgyne, Sadisten und Romantiker – jedem gab sie ihr Bild.

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  1. Damals der geistige Brückenschlag von den Hendrix-, Morrison-, Rimbaud-Mythen zum 75er-NY-CBGBs-Punkrock. Heute ist Frau Smith aus den Feuilletons nicht mehr wegzudenken. Musikalisch ist spätestens seit dieser unsäglichen Coverversionen-Sammlung „Twelve“ und dem ziemlich unbrauchbaren „Banga“ die Luft raus, ihre letzten von mir gesehenen Konzerte waren auch eher zwiespältige Vergnügen.
    Vor allem „Horses“ wie auch „Radio Ethiopia“ und mit ein paar Abstrichen „Easter“ und „Wave“ bleiben Meilensteine des 70er-Kanon.

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    1. „Gloria“ und die anderen Stücke auf „Horses“ waren stark. Auch das ikonische Coverbild von Robert Mapplethorpe, diese junge, androgyne Frau mit einer Frisur wie Keith Richards. Das Besondere an Patti Smith war die Kombination, dass eine so junge Frau derart poetische und lyrische Texte mit diesem harten Klang zusammenbringt. Das war vollkommen neu. Sie hat in den 70er Jahren, auf mutige Art, die Rocktradition aufgenommen, weiterentwickelt. Aber nach ihrer Rückkehr 1988 stimmt der Sound nicht mehr. Es fehlt den Songs der Charme des Ungelenken und Vorläufigen, aber vorallem die enorm coole Haltung, mit der Frau Smith ihre eigene Wahrheit und Geschichte gegen den offiziellen Stand der Dinge setzte.

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