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The Kinks, Phobia, 1993

Produzent/ Ray Davies, Dave Davies

Label/ Columbia

Eine harmonische Band waren die Kinks nie. Ihre Streitigkeiten hatten die Brüder Davies bruchlos in die Band miteingebracht, wo sie sich in jähzornigen Ausbrüchen, in verbalen und körperlichen Attacken gegeneinander und gegen den Rest der Band austobten. Während der stille Beobachter Ray Davies Rock’n’Roll zunächst eher als Kunstform lebte, cool, distanziert, mit einer zur Schau getragenen Neugierde auf die Wirkungen, die bestimmte Handlungen hatten, und erst später mit zunehmender Tourneemüdigkeit die deutlich stärkende divenhafte Züge zeigte, die eine Bandbesetzung nach der anderen sprengten, tobte sich der Rüpel Dave Davies von Anfang an tüchtig aus. Dave agierte die Rock’n’Roll-Rebellion als Lebensform. Als die Band ihrem ersten Millionenhit hatte, war er gerade mal siebzehn Jahre alt und nahm mit, was er kriegen konnte: Sex & Drogen & Alkohol und das Gefühl, sich alles leisten zu können.

Womit sich die Kinks nie angefreundet haben, ist der Schwenk der Rockmusik in industrielle Dimensionen. Zwar hatten sie nichts gegen millionenfache Verkäufe einzuwenden, doch sie liessen sich davon nicht die Form diktieren. Ihre Musik blieb immer eine handwerkliche Angelegenheit, deutlich geprägt von den Unzulänglichkeiten, die beide Brüder auf diesem Gebiet hatten, und nirgends wurde das deutlicher als auf der Bühne, wo sie auf die grosskotzigen Distanzierungstechniken verzichten, die den Rock seit den siebziger Jahren prägten. Die Kinks blieben dem Geist der sechziger Jahre verhaftet, blieben Rock-Veteranen ohne Stadionposen, ohne Videoleinwand, ohne Nebelmaschine und Trockeneis.

Nach mehr als dreissig Alben und ebenso vielen Jahren, in denen die Brüder Davies ihr familiäres Emotionsgebräu und ihre brüderliche Konkurrenz zum treibenden Element der Kinks gemacht hatten, schien sich in den neunziger Jahren die innere Spannung zu vermindern. Beide hatten sie die Geschichte ihrer familiären und musikalischen Verschlingung in der Form autobiografischer Erzählungen druckreif gemacht, beide verfolgten sie auch als Musiker überwiegend voneinander unabhängige Pfade: Dave wie gehabt als Gitarrist und Ray als Multitalent, je nach Bedarf als Filmemacher, Komponist oder „Storyteller“, der mit seinen Büchern und seiner Gitarre durch die Lande zieht, Konzertlesungen gibt und von vergangenen Zeiten erzählt.

So konnten sie die gemeinsamen Arbeitsphasen mit den Kinks dosieren, und mit dieser abgewogenen Zusammenarbeit scheinen sie gut klarzukommen. Nicht, dass sie zur Altersmilde neigten, ihre Musik ist rau und druckvoll geblieben auf eine fast vergessene, trotzige Art. Auf „Phobia“ zieht Ray Davies eine düstere Bilanz. „I’m surviving, that’s all I am“, singt er ernüchtert und in einem apokalypischen Szenario von Blutströmen, schmelzenden Eismassen und dem Untergang der Zivilisation beschwört er die alte Vision: „I’m still searching for my dream“. Etwas Ähnliches hat auch schon Neil Young gesungen. Vielleicht spricht hier die Weisheit der grossen Chronisten des Rock’n’ Roll: in Bewegung bleiben und sich nicht in unbefriedigenden Umständen lebendig zu begraben, auch wenn nichts den Optimismus nährt: sich die Scharfsicht zu bewahren und weiter zu suchen nach dem Traum, „just like a rolling stone/ destination unknown“.

4 Gedanken zu “

    1. Danke! Die Kinks waren halt schon immer Pop-Stars für elitäre Geniesser, die vom breiten Publikum imer wieder vergessen wurden. Sie waren die Band, von der man Hit-Compilations kaufte und nicht Originalalben. Mir gefallen vorallem die Songs, in denen Ray Davies die Absurdität des Alltags, Retrospektive, Verunsicherung und Angst in seinen Texten beschreibt – seine Beobachtungsgabe und das sprachliche Feingefühl haben Qualität.

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