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Bruce Springsteen, Something In The Night, 1978

Text/Musik/ Bruce Springsteen

Produzent/  Bruce Springsteen, Jon Landau, Steven Van Zandt

Label/ Columbia

Wenn Songs wie Kinder sind, dann gehört „Something In The Night“ zu den ganz schwarzen Schafen der Springsteen-Familie. Vielleicht musste soviel komprimierte Bitterkeit ohne einen Funken Erlösung (oder wenigstens ein Sax-Solo) selbst einen Mann erschrecken, der sich doch so unerschrocken und konsequent in diese Dunkelheit da am Rande der Stadt aufmacht.

Vielleicht war’s damals schlicht auch ein Nacht-Song zuviel, und Springsteen gab dann doch lieber bewährten Crowd-Pleasern wie „Night“ und „Spirit In The Night“ den Vorzug. Jedenfalls verschwand „Something In The Night“ ziemlich bald von den Setlisten der mehr als 100 Konzerte umfassenden „Darkness On The Edge Of Town“- Tour und ward als einziger Song des Albums auch gleich in der ersten E-Street-Ära bis 1988 nicht mehr gehört.

Piano, Glockenspiel, Bass, Gitarre tasten bedächtig zwei Akkorde ab, dazu suchende Lautmalerei des Sängers, während Max Weinbergs Standtom-Wirbel beständig anschwillt, schliesslich doch aufs Crash-Becken bricht, so dass wir mit einem Snare-Drum-Stop endlich im Song angekommen sind. Da will es der Protagonist nochmals mit den alten Tricks versuchen. Kingsley runtercruisen, das Radio voll aufgedreht, hier ein Drink, da ein Tänzchen. Doch die alten Tricks funktionieren irgendwie nicht mehr. Und unser Mann sieht sich auf Existenzielles zurückgeworfen. „You’re born with nothing, and better off that way“, singt Springsteen. Denn, fährt er fort, sobald man etwas habe, werde doch nur einer geschickt, der versuche, es einem wegzunehmen. Und auf Vergessen oder Vergeben dürfe man selbst in der allerletzten Runde nicht hoffen.

Doch der Clou von „Something In The Night“ ist die letzte Strophe. Da verstummen alle Instrumente, nur Weinberg tritt noch auf 1 und 3 in seine Bass-Drum und schlägt die 4 aufs Standtom, die nur als dunkles Metronom dienen, wenn Springsteen von Dingen erzählt, die man liebte, und die jetzt nur noch zertrümmert im Dreck liegen. Und davon, wie man versucht, sie aufzusammeln und abzuhauen, so schmerzarm wie möglich. Und wie alle Müh dann doch vergebens sein soll an der nächsten Staatsgrenze. Ein letzter Kampf, brennende Autos, blinde Gestalten, dazu verdammt, noch immer dieses „Etwas“ in der Nacht zu suchen… Der beste Rock’n’Roll hat oft keine richtigen Worte gehabt für das, was er da gerade nicht besser sagen kann.

18 Gedanken zu “

  1. Danke danke!! Wegen Dir läuft hier seit ewigen Zeiten mal wieder die „Darkness“ und dann gleich die „Born To Run“, versprochen! All das andere spätere Springsteen-Zeugl hab ich eh längst verscherbelt 😉

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  2. Was für ein Artikel – großartig! (Hab ihn dank Sori entdeckt.)
    Schon immer einer meiner favorites.

    „When we found the things we loved
    They were crushed and dying in the dirt
    We tried to pick up the pieces
    And get away without getting hurt“

    Danke!
    Natascha

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    1. Es sind vorallem die unglaublichen Kulissen, vor denen Springsteen seine Welt errichtet – Genre und Hollywood zugleich -, die Gangs, die Highways, die Nebenstrassen und Sackgassen, Musik in der Nacht für die Einsamen und Verlassenen. Immer „on the edge“, am Abgrund, am Rande der Stadt, am Rande der Welt, an der Grenze.

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      1. Nach „Darkness On The Edge Of Town“ scheint auch das Ende des einsamen Desperados bekommen zu sein. In den achtziger Jahren zählte Springsteen auf die Gemeinschaft der Vernünftigen, entdeckte ein politisches Gewissen, wurde sozial, umweltbewusst.

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  3. Es sind vorallem die unglaublichen Kulissen, vor denen Springsteen seine Welt errichtet – Genre und Hollywood zugleich -, die Gangs, die Highways, die Nebenstrassen und Sackgassen, Musik in der Nacht für die Einsamen und Verlassenen. Immer „on the edge“, am Abgrund, am Rande der Stadt, am Rande der Welt, an der Grenze.

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  4. In der Tat ein “deep cut,” den Du hier gewählt hast, über den ich mir bis dato nicht bewusst war oder ihn vergessen hatte.

    Wenngleich es sicherlich im Schatten von “Badlands”, “The Promised Land” und dem Titelsong des Albums steht, ist dieses Stück gleichwohl “classic Springsteen.”

    Der Mann ist einfach ein Meister, wenn er über die Herausforderungen des Lebens der “Lohnabhängigen” singt – im Gegensatz zu diesem Song häufig verbunden mit einem Funken Hoffnung.

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    1. Vielleicht waren die Geschichten von jenen Verlierern deshalb so faszinierend, weil sie in sich und ihrer Heimat ruhten, auch wenn sie allein im Nichts verschwanden und nur ihren seltsam sturen Vorstellungen von Moral und Gewissen folgten.

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  5. Great piece Fox. The whole guteral thing at the top. Shivers. I seen him right after he released this album. The whole concert was great but it had the ‚Something In the Night‘ vibe. Songs like this are why Springsteen moved me. Again great take Fox.

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