71s3cE3Vu5L._SL1425_.jpg

Neil Young And Crazy Horse, Ragged Glory, 1990

Produzent/ David Briggs, Neil Young

Label/ Reprise

Nach fast einem Jahrzehnt „beinahe schrecklicher Alben“ war das „fast brillante“ „Freedom (1989) gut genug, um es als eine Rückkehr zum Niveau der Siebziger zu betrachten. Es zeichnete sich durch wütende Texte und eine Aufteilung in akustische/elektrische Songs aus und war ein Widerhall von Youngs letztem grossem Triumph „Rust Never Sleeps“. Doch etwas fehlte. Es war seine Band Crazy Horse. Sie war gleichzeitig die beste und die schlechteste Band der Welt und bestand aus dem Schlagzeuger Ralph Molina, dem Bassisten Billy Talbot und dem Gitarristen Frank Sampedro.

Crazy Horse waren die Musiker, mit denen Neil Young am längsten zusammengearbeitet hatte, und sie mussten unter ihm viel ertragen. Der bittere Split nach „Life“ (1987) schien von Dauer zu sein, aber offensichtlich erinnerte „Freedom“ Young daran, wie sehr er sie brauchte. Sie waren sicherlich nicht die besten Techniker, aber ihre Magie lag in der unbändigen Fähigkeit zu improvisieren.

Der Produzent David Briggs beschränkte Young auf die Rolle des Sängers, Songwriters und Gitarristen und lehnte Playbacks bis zum Ende der Aufnahmen ab. Obwohl die meist nostalgischen Songs die Wut des Vorgängers vermissen lassen, „Country Line“ und das exzellente „White Line“ entstanden noch in den Siebzigern, ist „Ragged Glory“ dem Vorgänger klanglich überlegen. Die ungestüme Schufterei von Crazy Horse in Verbindung mit Youngs stark verzerrten, aggressiven Soli machen das Album zu einem Highlight der gerade heraufziehenden Ära des Grunge.

23 Gedanken zu “

    1. Alles – sogar die Öko-Hymne am Ende des Albums – ist durch und durch stromverstärkt. Du kannst mit deiner Gitarre und den bis zum Anschlag hochgekurbelten Lautstärkereglern einsteigen, und dort eine geschlagene Stunde wie angenagelt mitjammen.

      Gefällt mir

  1. Danke für den Tipp, gleich mal angeschmissen und hat gefallen. Feines Album. Neil Young wurde von mir irgendwie auch immer eher stiefmütterlich behandelt, auch wenn seine Sachen zu den wenigen aus der Plattensammlung meines Vaters zählten, mit denen ich damals etwas anfangen konnte…

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, der Typ ist schon alt genug um ein uriger Ex-Hippie-Papi zu sein, und der scheppert da eine Melodie raus, die „Fuckin Up“ heisst, und die jedem firmenmässig eingetragenen Metal-Akt, der derzeit in den Charts ist, die Locken vom Haupt sengen würde.

      Gefällt mir

  2. Wohingegen ich generell eher weniger ein Fan des Grunge bin, ist es die Melodik bei Neil Youngs Form, die die Sache für mich “rettet.” Außerdem zählt er zweifellos zu meinen Lieblingskünstlern, und seinen “Helden” vergibt man eben das ein oder andere!

    Selbst Youngs schlechteste Scheiben gefallen mir immer noch besser als die meiste Musik, die die heutigen Charts dominiert!

    Gefällt 1 Person

    1. Viele Songs von Neil Young bestehen vom Aufbau her aus Folkakkorden und haben dadurch eine ansehnliche Melodie, auch wenn sie mit hartem Gitarren-Rock daherkommen. Auf „Ragged Glory“ spielt er noch genauso ehrlich wie in seiner Jugend, aber auch als älterer Mann mit der Erinnerung an etwas, was uns heute als etwas glanzvollere Zeiten erscheinen mag.

      Gefällt 1 Person

      1. Das ohne Zweifel. Mit ihnen hat er seine besten Alben eingespielt, die von Dir erwähnte „Freedom“ vielleicht mal außen vor. Hab ihn zweimal gesehen, immer mit Crazy Horse, war live beide Male hinsichtlich Dröhnung und lärmender Gitarren exzellente Vollbedienung.

        Gefällt 1 Person

      2. Dies hört sich an, als wäre es für dich zwei echt gute Abende gewesen – ich selbst habe Young nur einmal live gesehen und zwar 2008 mit seiner Electric Band. Da gab es neben hartem Gitarren-Rock auch ein Set mit akustische Balladen.

        Gefällt 1 Person

      3. War beide Male sehr ok. 1996 hat er eingangs größtenteils solo ein paar Nummern seiner „Broken Arrow“-Scheibe gespielt, die nicht weiter erwähnenswert waren und dann mit Crazy Horse ein Best-Of-Feuerwerk abgebrannt, bei dem kaum Wünsche offen blieben. 2013 in Stuttgart waren sie mit der „Psychedelic Pill“-Scheibe unterwegs, da war zwar mit „Blowin‘ in the Wind“ und „Heart of Gold“ auch etwas Kirchentags-Geträller beigemischt, aber die ellenlangen Kracher vom damals aktuellen Album kamen schon sehr gut.

        Gefällt 1 Person

      4. Neil Young ist einer der wenigen Musiker, die sich nicht von ihrer Vergangenheit begraben lassen. Leider scheitert er manchmal an seiner Selbstüberschätzung. Bei dem Konzert 2008 im Hallenstadion Zürich z.B war das dominierende Bild im Hintergrund das Friedenzeichen mit den darüberfliegenden Tauben – für mich doch eher eine abgedroschene Signifikation. Zu seiner Ehre muss gesagt werden, dass er in dem Konzert eine fast Drei-Stunden-Retrospektive abgefeuert und die grössten Hits für die Zugabe aufgespart hat.

        Gefällt 1 Person

      5. Das ist wohl im Grossen und Ganzen so, ab und an hängt er halt den Hippie-Sixties nach, dann wird’s musikalisch eher unerquicklich, aber er ist ja Gottlob auch einer, der offen ist für neue musikalische Strömungen. Hat zwar in den 80ern auch nicht immer unbedingt zu brauchbaren Resultaten geführt, im Fall von Grunge-Krach und Sonic-Youth-Feedbacks (um mal eine Hausnummer zu nennen) dafür umso mehr.

        Gefällt 1 Person

  3. Mir haben die stilistischen Wechsel in 80ern riesig gefallen.
    Country, Blues, Techno, Elektro, Grunge.
    Eine träumerische Phase des Erwachsenseins.
    Alles in einem Musikerleben. Immer wieder gibt es viel zu lernen.
    Ganz besonders war das Berlin Konzert in Schlips und Hemd sowie mit Nils Lofgren und seine irren Fender.
    Great here…

    Gefällt 1 Person

  4. Ich find beide Alben klasse, mit leichtem Vorteil für „Freedom“, eben weil die Texte besser sind. Aber da ist überhaupt was in Gang gekommen: Anfang der 90er kamen einige 70er Heroen wieder in Form: Allman Brothers, Hall&Oates, Heart, Van Morrison, Don Henley … da konnte man Geld lassen, und es war lohnend „vergeudet“!

    Gefällt 2 Personen

    1. „Freedom“ ist Youngs Andacht für die Neunziger, eine rauhe Erinnerung, dass man für alles seinen Preis bezahlen muss. Rocken in einer freien Welt nicht ausgenommen. „Ragged Glory“ hingegen ist ein Instant-Klassiker. Fast alle Songs wurden auf Youngs Ranch im nördlichen Kalifornien aufgenommen. Young hatte dort eine vollständig ausgerüstete Open-Air Bühne aufgebaut, auf die er und seine Bandjungs ab und zu für einen Abend raufkraxeln und dort ihre Ampäres ankurbeln.

      Gefällt 2 Personen

      1. Crazy Horse without Neil Young is Crazy Horse without Neil Young. But their debut from 1970 is a fine record that Rocks and Rolls, Boogies, and even throws some shades of Country. It’s a shame that lead singer and guitarist Danny Whitten destroyed himself with heroin (he died at age 29 about a year after the album was released).

        Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.