tunneloflove.jpg

Bruce Springsteen, Tunnel Of Love, 1987

Produzent/ Bruce Springsteen, Jon Landau

Label/ Columbia Records

Als Springsteen nach seinem erfolgreichsten Album „Born In The U.S.A“, 1987 „Tunnel Of Love“ veröffentlichte, befand sich vieles in seinem Leben in Auflösung. Seine Ehe mit Model und Schauspielerin Julianne Phillips war so gut wie gescheitert. Die langwierigen Tourneen mit der E Street Band forderten ihren Tribut und die Marathon-Konzerte liessen Songs wie „Prove It All Night“ oder „Badlands“ im musikalischen Stadion-Korsett erstarren. Die Zukunft des Rock’n‘ Roll schien in der engegengesetzten Richtung zu liegen, im Zweifeln und Zaudern, im Hadern und Zerpflücken des eigenen Star-Status.

In dem aufgekratzten, nur zu Klanghölzchen, Mundharmonika und akustischer Gitarre vorgetragenen Blues „Ain’t Got You“ packt Springsteen die alte Weisheit, dass Ruhm und Reichtum nicht glücklich macht, in wunderbare spöttische Verse: „I got a house full of Rembrandt and priceless art/ And all the little girls they wanna tear me apart/ When I walk down the street people stop and stare/ Well you’d think I might be thrilled but baby I don’t care/ ‚Cause I got more good luck honey than old king Farouk/ But the only thing I ain’t got/ Baby I ain’t got you.“

Nach diesem kurzen Prolog folgt ein bis dato ungehörter Springsteen-Sound. Zum zerdehnten Country-Twang von „Tougher Than The Rest“ klopft er die Rollenklischees ab, die zuvor seine Songs bevölkert hatten: „Some girls they want a handsome Dan/ Or some goodlookin‘ Joe, on their arm/ Some girls like a sweet talkin‘ Romeo/ Well ‚round here baby/ I learned you get what you can get/ So if you’re rough enough for love“.

Den Titel von „All That Heaven Will Allow“ entlehnte Springsteen einem Melodram von Douglas Sirk und die in ihrer Kargheit an „Nebraska“ erinnernde Ballade „Caution Man“ fand er im eigenen Archiv. „Spare Parts“ hat noch ein wenig das Pathos der „Born In The U.S.A“-Phase.

Hier und da wabern auf „Tunnel Of Love“ ein paar Keyboard-Flächen und die Drums klatschen aus Distanz. Das mag sicher der Zeit geschuldet sein, doch die Stücke sind dennoch alle zwingend, vorallem wenn Springsteen die Instrumentierung zurücknimmt und ganz auf seine Erzählungen vertraut. Etwa in „Walk Like a Man“ oder in „One Step Up“. Dass diese lose zwischen Folk und Country flottierenden Songs nicht in Seichtheit verwässern, verdankt sich zum einen der Tatsache, dass Springsteen jegliches Selbstmitleid ausspart, und zum anderen seinem Gespür für die passenden Arrangements.

Die Höhepunkte des Albums bilden schliesslich der bittere Abgesang „Brilliant Disquise“ und der langsame Waltz „Valentine’s Day“, ein melancolisches Nachsinnen während einer Fahrt auf der Route 39, wie ein innerer Monolog aus einem Richard-Ford-Roman. „Is it the sound of the leaves/ Left blown by the wayside/ That’s got me out here on this spooky old highway tonight/ Is it the cry of the river/ With the moonlight shining through/ That ain’t what scares me baby/ What scares me is losin‘ you.“

In der langen Reihe der regulären Studio-Alben, ist „Tunnel Of Love“ zweifellos das ungewöhnlichste, das stillste. Aber es ist genauso packend wie Springsteens typische straighte Rocksongs, nur eben in einem anderen Wortsinn.

17 Gedanken zu “

  1. Eine ganz wunderbare Zusammenfassung – danke dir!
    Was für ein metaphorisches Highlight, deine Zeile:“ein melancholisches Nachsinnen während einer Fahrt auf der Route 39, wie ein innerer Monolog aus einem Richard-Ford-Roman“. Werde mir gleich, auf der Fahrt zum Schwimmbad, nach langem mal wieder „Valentine’s Day“ anhören.
    Liebe Grüße aus München von Natascha

    Gefällt 2 Personen

    1. Gern geschehen! Was mir an Springsteen gefällt, ist die Art wie er über seine Arbeit reflektiert. Er spricht dann niemals von Muse, von Berufung oder Ingenium – er spricht von der Aufgabe, den Menschen Momente des Glücks zu vermitteln, der Entgrenzung, des Sich-gehen-Lassens. Er nennt es „Tanzen“. Ich wünsche Dir einen schönen Tag!

      Gefällt 1 Person

  2. Es scheint mir das Bilanzalbum zur gescheiterten Ehe Nr. 1 zu sein. Ich hab das damals gemocht. Aber ich hätte nie zu einem Konzert von ihm gehen solln.

    (Leipzig 2013 ließ mich mit einem Bruce-Trauma zurück: Soundmäßig das übelste, was mir bis dahin um die Ohren gehauen wurde. Der Stadion-Boss! Und dann so eine Flugzeughangardüsentestbeschallung für Taube und solche, die es werden wollen. 300 km Anreise und 300 km Heimfahrt und 90 weggeschmissenen Euronen Schaden… Näää, der is‘ bei mir durch.)

    Gefällt 1 Person

    1. Wow, das ist bitter! Leider können wohl selbst Künstler wie Springsteen, die legendär für ihre Konzerte sind, einen schlechten Tag haben.

      Ich habe Springsteen zweimal gesehen – ca. 1987 in Frankfurt und ein Heimspiel im August 2017 im MetLife Stadium in New Jersey – und würde ohne Zögern beide Shows zu den besten zählen, die ich bisher gesehen habe – und ohne jetzt angeben zu wollen waren dies Dutzende.

      Beide Konzerte dauerten mehr als 3 1/2 Stunden, und Springsteen gab wirklich alles. Die E Street Band spielte allererste Sahne – beim ersten Konzert noch mit dem Killersaxophonisten Clarence Clemons. Auch am Sound gab es nichts auszusetzen.

      Gefällt 3 Personen

      1. Ja, das ist bitter, wenn einem ein Rock-Star jahrzehntelang als Projektionsfigur utopischer Phantasien und Bilder gedient hat und man dann ein enttäuschendes Konzert erlebt. Ich habe Springsteen 1988 in Basel gesehen. Es war ein langes, wuchtiges, aber nicht immer überzeugendes Konzert. Ich denke, es gibt zwei Möglichkeiten, Bruce Springsteen zu lieben. Die eine ist, man liebt diesen Sänger und Superstar für seine Nahbarkeit zum Publikum, für seinen Spass am stundenlangen Spiel. Die andere Art ist immer am besten dann, wenn er auf der Bühne von hinten gefilmt wird, hoch über der Menschenmenge stehend, die Fender Telecaster nonchalant am Rücken hängend. Dann sieht man sie, die Ikone der amerikanischen Rockmusik.

        Gefällt 2 Personen

    2. Das ist einfach blöd und unglücklich gelaufen mit dem Sound in Leipzig und bei ein paar anderen Konzerten…
      Von den fast 30 Springsteen-Konzerten, die ich besucht habe, ist mir das echt nur 1x passiert – so gesehen schade, dass Du ihm nur diese eine Chance gegeben hast. Aber noch ist ja nicht aller Tage Abend!
      Viele Grüße, N.

      Gefällt 2 Personen

      1. Gut gemeint, aber: Selbst wenn mir einer ne neue Konzertkarte schenken würde, würde ich sie flux weiterreichen. Nee, der sieht mich nicht wieder. Fast hätte ich hinterher nur noch mono hören können.

        Gefällt 1 Person

    1. „Tunnel Of Love“ wurde eher respektvoll als euphorisch behandelt. Das wirkt gerade in Anbetracht der beiden verkrampften Folgealben „Human Touch“ und „Lucky Town“ ungerecht.

      Gefällt mir

  3. Ich kaufte mir das Album seinerzeit als CD. “Born In The USA” war die Scheibe, die Springsteen ursprünglich auf meinen Radarschirm brachte, sodaß ich “Tunnel Of Love” zunächst etwas gewöhnungsbedürftig fand. Nun ja, ich war halt noch ein paar Jährchen jünger!😀

    Nach all dem Trubel um “Born In The USA” und dem damit einhergehenden Over-Exposure von Springsteen im Radio und auf anderen Kanälen kann man gut nachvollziehen, daß der Boss “müde“ war und bewusst etwas anderes machen wollte. Ich denke dies ist ihm sehr gut gelungen, und man kann sich dieses Album auch heute nach mehr als 30 Jahren noch gut anhören.

    Gefällt 1 Person

    1. „Tunnel Of Love“ gehört zu den ganz grossen Springsteen Platten, auch wenn zwischen diesem eher introspektiven, melancholisch-romantischen Album und dem rockigen-eingängigen „Born In The U.S.A“ Welten liegen. Aber es gibt eben nicht nur die „Glory Days“, wo man alles geniesst, sondern es gibt auch Tage wo man sich denkt „When you’re alone you ain’t nothing but alone“.

      Gefällt 4 Personen

  4. Fox you just featured two albums (‚Jubilee‘) that when they were released had a big impact on me. I was making some changes in my own life and this album was along for the ride. Fitting in so many ways plus I loved what he did musically on it. Great take on a special record.

    Gefällt 1 Person

      1. I really enjoy your takes and look forward to them. You have varied tastes and we both have a love for music. We happen to listen to a lot of the same stuff. You have also exposed me to music I’ve overlooked or have not heard of. Keep it coming Fox and yes we will have a chat over a drink one day. Later. CB

        Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.