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The Who, The Who By Numbers, 1975

Produzent/ Glyn Jones

Label/ Polydor

Es ist das unbekannteste Album von The Who und wahrscheinlich auch das am meisten unterschätzte. Nach den wegweisenden Alben „Who’s Next“ und „Quadrophenia“ schlagen sie hier eine neue Richtung ein. In den frühen 70er Jahren produzierten The Who einen bombastischen, durch Synthesizerarrangements aufgefüllten monumentalen Sound, der auch live gespielt Massstäbe setzte. Ganz anders nun „The Who By Numbers“: Das Spiel der Band ist zurückgenommen, fast verhalten, die Synthesizer werden ganz weggelassen, die Stimmung ist melancholisch, fast depressiv, die Songs werden kürzer, klarer, prägnanter und persönlicher.

Jeder der vier Musiker stellt sich in den Dienst, die Songs in ihrer Eigenart herauszuarbeiten. Besonders herausragend ist dabei der Gesang von Roger Daltrey – auf keinem anderem Album der Band singt er so gefühlvoll, dynamisch und variabel. Ebenso herausragend: Pete Townshends Gitarrenspiel. Wer bisher der Meinung war, dass Townshend nur Rhythmus kann und kein herausragender Leadgitarrist ist, der sollte sich in „Who By Numbers“ anhören: die Soli sind Masswerk vom Feinsten, unterstreichen die Individualität der Songs ohne aufgesetzte virtuose Schaustückchen zu sein. Insbesondere die letzten beiden Songs des Albums „How Many Friends“ und „In A Hand Or A Face“ sind in dieser Hinsicht herausragend.

In der Diskographie bleibt dieses Album ein Aussenseiter, ein einsames Dokument der Zeit, in der The Who vor der Auflösung und mindestens Townshend und Schlagzeuger Moon auch vor ihrem persönlichen Niedergang standen. Mit der Ausnahme von „Squeeze Box“ wurden die Stücke nie ins Live-Programm der Gruppe aufgenommen, auch dies eine Indikation für die Sonderstellung des Albums. Das Cover stammt übrigens vom Bassisten der Band John Entwistle.

16 Gedanken zu “

    1. Bei “Squeeze Box“ gefällt mir vorallem der Refrain: „Mama’s got a squeeze box. Daddy never sleeps at night“. Aber „The Who By Numbers „ ist ein Album ohne Schwachpunkte. Mir gefällt auch „Success Story“ von John Entwistle, der von seinem Dasein als neureicher Rockstar derart angewidert zu sein schien und sich derart über sich selbst lustig machte, dass er ein Video drehen liess, in dem er einige goldene Schallplatten von den Wänden seines Wohnzimmers in seiner riesigen Luxusvilla nahm und sie draussen im Garten genüsslich mit Axt und Gewehr zerstörte.

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  1. Guter Beitrag, der mir sehr aus dem Herzen spricht. Die Scheibe ist in der Tat weitaus besser als ihr Ruf. Unterm Strich das letzte rundum gute Who-Album. „How Many Friends“ ist großes Daltrey-Drama.

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    1. Wie in allerbesten Zeiten mit „Who’s Next“ klingt das Album vielleicht nicht gerade, aber es beweist, dass sich Townshend, Daltrey, Entwistle und Moon nicht darauf beschränkten alte Kamellen neu aufzuwärmen sondern versuchten, ihrer Musik neue Impulse zu geben. Und mit „Slip Kid“, „Squeeze Box“, „How Many Friends“ und „In A Hand Or A Face“ hat es einige grandiose Songs darauf, die mir heute noch beim Hören Freude bereiten.

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      1. Dafür, das sich die Truppe damals wieder einmal alles andere als grün war, ist das Ergebnis sehr ordentlich. Die Experimente mit Konzept-Alben und Townshends Auseinandersetzung mit dem Synthie waren für’s Erste Geschichte, ein relativ straightes Rock-Album wie „The Who By Numbers“ passte damals weit mehr in die Zeit, in der Punk, Pub-Rock und Power Pop bereits im Anmarsch waren. Bass, Gitarre, Schlagzeug, und ein wenig Geklimper von Nicky Hopkins, fertig war die Laube.

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      2. Es gab damals auch jede Menge gescheiterte Projekte, Erfolge und Misserfolge, Drogen und noch mehr Drogen, bandinterne Auseinandersetzungen mittels Fäusten, biographische Wendungen und Neubesinnungen: The Who waren eine ganz normale Bande von zerstrittenen Superstars. Superstars allerdings, die von Anfang an nie die Spannungen untereinander verleugnet haben.

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  2. Mit Squeeze box lernte ich sie kennen. Dann gewann Substitute im Musikladen von Radio bremen als Oldie…. Das beste Album der Who aus heutiger sicht: Für mich „Face dances“. Auch ein Aussenseiter, der wenig gemocht wird.

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    1. „Face Dances“ ist auch sehr gut, vorausgesetzt, man kann sich für den damaligen „anderen“ Stil der Band erwärmen. Kenny Jones hat zwar nicht die Wucht eines Moon, spielt dafür aber differenzierter und feiner. Mit „You Better You Bet“, „Don’t Let Go The Coat“, „Cache Cache“ und „The Quiet One“ hat es auch ein paar starke Songs auf diesem Album.

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    1. When I was 21 a friend gave me this album back-on-back with „Odds & Sods“ on a cassette tape. Discovering all the music on that cassette was a great experiences. In these 2 albums The Who really captured all the stupidity, wonder, frustration, angst, and joy of being a young man.

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      1. I think John Entwhistle’s „Postcard“ is a standout track on the album. The song is a living letter home to his wife with complete tails of the difficulties of being on tour. You can play this one hundred times in a row and it wouldn’t lose any of its eternal shine

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