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Neil Young, Cortez The Killer, 1975

Text/Musik/ Neil Young

Produzent/ Neil Young

Label/ Reprise

Es handelt sich um einen langsamen, rituellen Tanz, den Neil Young hier, rhythmisch unterstützt von Crazy Horse, mit schlichten, aber äusserst präzisen lyrischen Gesten seiner Gitarre beschreibt; ein Tanz mit sieben Schleiern, der Young selbst und alle, die Zeugen dieses Tanzes sind, von jedem gehörverengenden Vorbehalt reinigen soll. Drei Minuten lang konzentriert sich seine Gitarrenmeditation aufschliesslich auf den Aufbau der Melodie; sie ist von kindlicher Einfachheit, kommt aber nach jeder Wiederholung mit leuchtenderen Augen und glänzenderem Fell daher, bis sie so kräftig und lebhaft geworden ist, dass Young keine andere Wahl mehr hat, als den Worten Stimme zu verleihen – auch wenn ihn das, was sie zu erzählen haben, ganz offensichtlich ängstigt:

„He came dancing across the water/With his gallions and guns/ Looking for a new world/ And a palace in the sun.“. Da ist Blau von oben und unten, der Himmel und das Meer – und auf der Grenze zwischen diesen beiden bewegen sich eine Reihe von altertümlichen Schiffen. Elf Schiffe, um genau zu sein, mit 508 Soldaten an Bord, 100 Mann Besatzung, 16 Pferden, zehn Feldgeschützen, vier Kanonen und 13 Musketen, die uns aus den Tagebüchern des Befehlshabers bekannt sind: Hernan Cortés alias Cortez The Killer.

Wenn man allerdings bei Zahlen und anderen historischen Tatsachen stehenbleibt, hat man keine Chance die tiefere Bedeutung des Dramas zu verstehen, das sich in diesem Lied abspielt. „On the shore lay Montezuma/ With his coca leaves and pearls/ In his halls he’d often ponder/ The secrets of the world.“ Man wird 500 Jahre in die Vergangenheit zurückgesetzt, und man steht mit nackten Füssen im weissen Sand an der Ostküste Mexikos und starrt auf den Horizont, wo das, was zunächst aussah wie tanzende Flecken, langsam die Ausmasse eines schwimmenden Dorfes annimmt, und man erinnert sich an die alte Prophezeiung: In „Schiffen so gross wie Häuser“, so stand geschrieben, würde eines Tages Quetzalcoatl wiederkehren, der weisse Gott mit dem Bart, und dem Kaiserreich der Azteken ein Ende bereiten.

„And his subjects gathered round him/ like the leaves around a tree/ In their clothes of many colours/ For the angry gods to see.“ Heissblütig und anspruchsvoll waren sie, die Götter, und keiner verlangte so viel wie Huitzilopochtli, der Sonnengott, der mit immer grösseren Mengen menschlichen Blutes gefüttert werden musste, um sich jeden Morgen aus der würgenden Umarmung des dunklen Schosses von Mutter Erde befreien zu können; und weil Götter kein Herz haben, musste dies bei jedem Opfer mitgeliefert werden. „And the women all were beautiful/ And the men stood straight and tall/ He offered life in sacrifice/ So that others could go on.“ Der Wert des Lebens wird durch das bestimmt, was man für dessen Fortbestand zu geben bereit ist. Das war die eherne Wahrheit, die Montezuma seinem Volk verkündete, und niemand zweifelte an seinen Worten oder machte sich persönlich etwas aus den sich daraus ergebenden Konsequenzen. „Hate was just a legend/ War was never known/ People worked together/ And they lifted many stones/ And they carried them to the flatlands/ But they died along the way/ Then they build up with their bare hands/ What we still can’t do today.“

Durch seine Eroberung verändert der Eroberer das, was er erobern wollte. Und je weiter er mit seiner Eroberung fortschreitet, desto mehr geht die Reinheit, die er suchte, verloren, blieb unerreichbar, irgendwo „there“. Wenn er ein wenig behutsam vorgeht, verirrt er sich auf halbem Weg. Wenn er nicht weiss, was er tut, und immer nur aufgeregt weiter drauflosstürmt auf den Reiz des Neuen und Unbekannten, das ihn in seinen Bann gezogen hat, dann zerstört er am Ende alles. Das ist der Fluch des Quetzalcoatl, den Montezuma in Cortez personifiziert sah und Neil Young in sich selbst.

15 Gedanken zu “

  1. Großartige Nummer und ebenso großartig hier beschrieben.

    Seinerzeit ähnlich missverstandener Song wie sein Rocking in the free world.

    Kuriosität am Rande: Auf HR3 so um 76/77 herum gab es allabendlich „rums“ eine wunderbare Rockmusikalische Jugendsenung unter wechselnden Schwerpunkten. Eines Tages war das Thema: Rockfaschismus! Are you ready for the total Rock? Kommt das jetzt in Mode? Und die Musikbeispiele stammten von Blue Öyster Cult und Kiss, erwähnt aber nicht gespielt wurde auch noch ein Rockmusical „the Fuhrer“ – und dann wurde Neil Young vorgeworfen, einen Massenmörder zu verehren. Cortez the Killer.

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    1. Schon nach dem ersten Hören von „Cortez The Killer“ ist eigentlich klar, dass dieser Song nicht in das Reich der Geschichte gehört, sondern in das der Mythologie. Und dort wurde der Bericht von dem, was damals nun mal passiert ist, solange umgeschrieben und verdichtet, bis er die Bedeutung einer Erzählung bekommen hat. Mit Rockfaschismus hat dieser Epos nichts zu tun, es ist einfach eine klassische Nacherzählung einer amerikanischen Legende, die in Youngs persönlicher Metapher Schlagkraft besitzt.

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      1. und die 3 oder 4 Jahre vorher in der ostdeutschen Comic-Serie MOSAIK drei Hefte lang auch so erzählt wurde (Siehe vor allem Heft Nr. 174.) Neil Young MUSS Mosaik-Fan sein ! Wie ich. 🙂

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  2. Meine Freudin Lucia ist spanischstämmige Peruanerin ihr Sohn Fabricio halbindigen und wir unterhalten uns wann immer wir uns treffen über die Magie und das Leben ihrer wunderbaren Heimat.
    Die Soli von den Live Rust Aufnahmen habe ich mitgespielt auf meiner Stratocaster; vierter Pitch, beide Klangregler ganz klar, Rhythmtonabnehmer und Fingernägel sowie fast volle Verzerrung den Volumeregler ganz auf.
    Das ist Trance pur, die Triolen sind das Herz von Neils Gitarrenmusik.
    Wie das Leben: Kindheit – Erwachsensein – Alter.
    Macht etwas daraus!

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    1. „Cortez The Killer“ ist ein majestätischer, irgendwie unglaublich lebensbejahender Song, den nur ein Mensch so spielen kann. Neil Young selbst. Die Akkorde, Tonfolgen sind einfach nachzuspielen. Aber es geht hier um die Übernahme einer menschlichen Seele in ein Instrument. Und die Les Pauls (Old Black) klingt wütend und wunderschön und verbittert zugleich. Es ist unfassbar, wie dieses Instrument die Gefühle Youngs aufnimmt, wie Young sie abgibt.

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