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Bob Dylan, Desire, 1976

Produzent/ Don DeVito

Label/ Columbia Records

1976, ein Jahr nach „Blood On The Tracks“ überraschte Bob Dylan mit dem Album „Desire“. Er versuchte damit nicht den Erfolg des letzten Albums zu kopieren, sondern brachte Musik heraus, die sich schwer in die Reihe seiner bisherigen Werke einordnen lässt.

Dylan galt bis anhin als Einzelkämpfer. Doch „Desire“ nahm er mit der grössten Anzahl von Musikern auf, mit der er je zusammengearbeitet hat. Eröffnet wird das Album von „Hurricane“; ein klassischer Protestsong über die Geschichte des schwarzen Boxers Rubin „Hurricane“ Carter ( „…one time he could’ve been the champion of the world“), der fälschlicherweise eine Mordes angeklagt und verurteilt wird (wahre Geschichte), voller Rotz und Trotz in der Stimme für die „all-white jury“, die Carter verurteilt. Wahre Kurzgeschichten sind auch „Isis“, „Joey“ und „Black Diamond Bay“, mit hervorragenden Lyrics, stimmig und rund bis zum Ende erzählt. Die musikalische Begleitung auf der Violine von Scarlet Rivera verleiht den Liedern mit ihrer Mischung aus „Bluesfeeling und Zigeunerfiddel“ eine prägende Note. Des Weiteren sind Bekanntheiten wie Eric Clapton oder Emmylou Harris unter den siebenundzwanzig Gastmusikern vertreten.

Andersartig ist auch, dass Dylan den grössten Teil der Lieder nicht alleine geschrieben hat. Sieben der neun Lieder erarbeitete er zusammen mit dem Bühnendramatiker und Theaterdirektor Jacques Levy. Seine Mitarbeit verleiht den Liedern eine „theatralisch-dramatische“ Note. Und auch die Botschaft der Texte ist anders, direkter. Während die Texte bei „Blood On The Tracks“ nach innen gerichtet und persönlich wirken, sind sie bei „Desire“ allgemeinter, politischer und gesellschaftlicher.

23 Gedanken zu “

  1. Dylan wurde von Nelson Algren in „Calhoun“ angekreidet, dass er sein Engagement für Hurricane Carter nur medienwirksam ausschlachtete und ihm das Schicksals des Boxers fern der Kameras egal war. Zuzutrauen wäre es dem Chamäleon allemal gewesen. „Desire“ ist dennoch eine herausragende und musikalisch sehr dichte Arbeit in seinem Gesamt-Œuvre, von ihm selbst nach „Rolling Thunder“ leider live oft stiefmütterlich behandelt bis gar nicht mehr in den Konzert-Setlisten mit einzelnen Titeln vertreten. Heute wäre man mehr als dankbar, wenn die Sinatra-Karikatur sich noch einmal zu solchen Höhen aufschwingen könnte.

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    1. „Calhoun“ von Nelson Algren (in der Übersetzung von Carl Weissner) habe ich damals auch gelesen. Ich fand den Roman zwar interessant, aber mit viel Bitternis und Pathos durchsetzt. Es stimmt, wenn Algren sagte, dass Dylan mit seinem Song die Geschichte rund um den inhaftierten schwarzen Boxer Rubin Carter medienwirksam ausschlachtete. Aber der Fall wurde aufgrund von Dylans Song in der Öffentlichkeit präsent, was nicht zuletzt eine neue Debatte um den Rassismus in der US-amerikanischen Justiz auslöste.

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      1. Calhoun: Bitternis ja, Pathos erinnere ich nicht mehr, aber vielleicht müsste ich das Buch nach vielen Jahren wieder mal lesen zur Revision. Der Fall wurde durch Dylan sicher in der Öffentlichkeit präsenter, der Medienrummel hat Rubin Carter hinsichtlich seines Verfahrens aber eher geschadet als genutzt. Rassismus in der amerikanischen Justiz ist ein Dauerthema, da hat sich bis heute nicht viel geändert.

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      2. Von Algren habe ich „Calhoun“ und „Der Mann mit dem goldenen Arm“ gelesen. Ich finde beide Romane inhaltlich und sprachlich interessant, doch einzelne Figuren sind mir zu übertrieben in ihrer Dramatik des Scheiterns. Sowas mag ja Geschmacksache sein. Ob der Medienrummel Carter eher geschadet als genutzt hat, weiss ich nicht. Jedenfalls gab es eine Wiederaufnahme des Strafverfahrens und Carter wurde 1985 freigelassen.

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      3. Beides für meine Begriffe sehr gute Romane. Das Scheitern ist Grundthema bei Algren, auch in „Nacht ohne Morgen“ (Never Come Morning) und „Wildes Leben“ (A Walk On The Wild Side), von letzterem hat Lou Reed den Titel geklaut, aber die Geschichte dürfte bekannt sein. Mit seinen Kurzgeschichten konnte ich eher weniger anfangen.

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      1. Sehr schöner Song! Vielseitig arrangiert, mit der richtigen Mischung aus thematischem Aufbruch und schleppender Melancholie, dazu die schräge Geige von Scarlet Rivera und perfekt harmonierende Stimmen.

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    1. „The Devil’s Stocking“ by Nelson Algren is a fictionalization of the life of Rubin „Hurricane“ Carter. The novel contains a great deal of thinly disguised factual information, court documents, and personalities surrounding the trial, conviction, release and retrial of Carter for murdering 3 people in a New Jersey bar in 1966. Algren was fascinated by boxing, like Norman Mailer or Hemingway. I saw a few live fights in early times, but I never gonna forget the fight between Sonny Liston und Cassius Clay on TV at three in the morning (because of the time difference) with my dad.

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      1. Thanks. I’ll check that book out. I’ve read a few good ones. I too caught that Liston/Clay fight with my dad but on the radio. It left a mark on me. Couple good books with Sonny in the title, Nick Tosches ‚The Devil and Sonny Liston‘. ‚Sonny Liston Was a Friend Of Mine‘ by Thom Jones.

        One of my favorite books I own is called ‚The Fights : Photographs By Charles Hoff ‚ Check it out Fox If you don’t know it already it is a trip back. All this conversation because you posted that great song. Cool!

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      2. Thanks for your recommendation CB! I remember Joyce Carol Oates’s essay collection ‚On Boxing‘. Well, maybe I should watch „Raging Bull“ again, it’s a great movie about Jake LaMotta with Robert DeNiro.

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