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Pete Townshend, White City: A Novel, 1985

Produzent/ Chris Thomas

Label/ Atco Records

Zu Beginn der 80er-Jahre geriet die Karriere der britischen Rock-Gruppe The Who ins Stocken. Was sicher auch eine Spätfolge des Verlustes von Who-Drummer Keith Moon war, der am 7. September 1978 an den Folgen einer unbeabsichtigten Medikamentenüberdosis starb. Besonders Pete Townshend, Gitarrist und Haupt- Songwriter von The Who, konzentrierte sich damals auf eine Solo-Karriere. Dabei versank er abwechselnd in Depression und Drogen oder in Aktionismus und Tatendrang. Er gründete einen Verlag, einen Buchladen, besass eine kleine Flotte von Themse-Barkassen und half ein Meher-Baba-Zentrum und diverse Studios zu führen bis er mit einer Million Dollar verschuldet war. Nach der erfolgreichen Behandlung seiner verschiedenen Drogenabhängigkeiten, verkündete er 1983 das Ende von The Who und begann als Lektor in einem Verlag zu arbeiten, jenseits des Rock-Business, und an einem Buch mit Erzählungen zu schreiben.

1985 verwirklichte er im Studio ein neues Solo-Projekt: „White City: A Novel“ ist ein durchaus ein typisches Album für die 80er-Jahre, das getragen wird von vielen Keyboards und „sauberen“ Gitarren-, Bass- und Drums-Sounds, die im Gesamtbild ausgewogen platziert wurden. Von Puristen wurde dies auch gerne mal als steril bezeichnet, aus heutiger Sicht beeindruckt aber gerade dieser ausgefeilte Klang, der einen sehr eigenen Retro-Charme ausstrahlt.

Beim Hören all dieser Songs geht ein wenig unter, dass sie eigentlich Teil eines Konzept-Albums sind, dass sich in einer losen Handlung um die schwierigen Lebensumstände in einer heruntergekommenen Wohnsiedlung im West- Londoner Stadtteil White City dreht. Ergänzend zum Album entstand unter der Regie von Richard Lowenstein der 60-minütige „White City: The Music Movie“, der noch im selben Jahr als eine Art „Longform Video“ veröffentlicht wurde. Er verknüpfte in lockerer Form einige Songs des Albums mit teils surreal verfremdeten Grosstadt-Impressionen und Episoden aus dem Leben von Jimmy (gespielt von Andrew Wilde) in der White City, wobei er stets begleitet wird von seinem alten Kumpel Pete (Townshend).

17 Gedanken zu “

  1. Für einen altgedienten Who-Fan eine herbe Enttäuschung, nach wie vor. „Give Blood“ war ganz schmissig, der Rest: da wäre der Welt nichts abgegangen, wenn’s nicht veröffentlicht worden wäre. Typisch 80er halt…

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    1. Na gut, es gibt bessere Platten von Pete Townshend („All The Best Cowboys“ und „Rough Mix“) aber „White City“ macht doch in Sachen Produktion, Spielfreude und Abwechslungsreichtum einiges wett, was den beiden Vorgänger Alben „Empty Glass“ und „Chinese Eyes“ abgegangen ist. Townshend schien sich bei „White City“ offenbar mit dem Älterwerden abgefunden zu haben, statt sich nur im Selbstmitleid zu suhlen…

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      1. Da kommen wir glaub ich dieses Mal nicht zusammen, aber das soll nicht weiter stören. Bei „All the Best Cowboys Have Chinese Eyes“ und „Iron Man“ muss man sicher auch einige Abstriche machen, der Rest geht heute noch gut rein, vor allem „Who Came First“ und „Empty Glass“. „White City“ ging dagegen bei mir noch nie, schon zu Zeiten der Veröffentlichung nicht. Townshend wusste nicht, wo er hinwollte, Du hast es in Deinem Beitrag ja gut umschrieben mit seinen zig Aktivitäten, die irgendwie alle floppten, dazu sein Drogenkonsum, in der Zeit war bei ihm einiges im Argen. Diese „Horse’s Neck“-Short-Stories-Sammlung aus der Zeit war auch eine ziemliche Enttäuschung.

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      2. Pete Townshend experimentierte in den 80er Jahren viel und wirkte für mich gerade deshalb auf „White City“ inspiriert. Die Veränderung der Welt durch seine Musik war in diesem Jahrzehnt in das Stadium der kleinen Brötchen eingetreten, was aber für Townshend kein Grund war, sich nicht weiter an ihr abzuarbeiten. Ich möchte hier noch den Schlusspunkt aus seiner Autobiographie „Who I Am“ zitieren: „Spielt für die letzten Reihen oder – wenn euch das lieber ist – für einen kleinen Haufen Stofftiere. Singt in den Hals einer Wärmflasche oder dreht an den Knöpfen eurer Kommode und tut so, als wäret ihr 20’000 Meilen unter dem Meer. Es ist alles dasselbe, und nur eines ist wichtig: Hört nie auf zu spielen!“

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      3. Kann ich schon so stehen lassen, außer, dass sein Ausprobieren halt in den 80ern ab und an ziemlich gegen die Wand fuhr. Nicht jede Inspiration ist eine fruchtbare. Im Fall von „White City“ darf er gern für die Stofftiere spielen, die können sich nicht wehren, ich hingegen drück da den Ausschaltknopf oder hau das Teil über die Häuser ;-))))

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  2. ich mochte das Album und habe es lustiger Weise am WE noch auf dem Teller gehabt.
    Ja, etwas steril und geleckt, aber mir hat es damals gefallen…und heute schwelgt man dann in Erinnerungen….Gerhard: Tin Machine war dann wohl auch nichts für Dich?

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    1. Doch, Tin Machine waren was für mich. Vor allem die erste Scheibe. Ich mochte diesen stumpfen Hardrock-Ansatz. War mal was anderes für Bowie-Verhältnisse. Hab sie auch mal live gesehen, in relativ kleinem Rahmen, war ein gutes Konzert.
      Viele Bowie-Fans konnten die Band ja nicht ab, dabei hatte er in der Combo exzellente Mitmusiker mit am Start.

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  3. Mir gefällt dieses Album nach wie vor gut, und ich habe es auch gleich in meinem Musik-Streaming Service aufgerufen und höre es, während ich meinen Senf zu Deinem Post gebe.

    Darüberhinaus kann ich generell eine gewisse “Schwäche” für die Achtziger nicht leugnen. Es war eben die Dekade, in der ich aufgewachsen bin mit all den Dingen, die damit verbunden waren. Musik ist zweifellos eng mit bestimmten Erinnerungen verbunden.

    Als ich seinerzeit “Face The Face” das erste Mal im Radio hörte, nervte mich das Schlagzeug etwas. Zwar war ein fetter Schlagzeugsound seinerzeit ja total in, doch empfand ich, daß es Townshend etwas übertrieben hatte. Es war vielleicht auch ein Stück weit einsetzende Müdigkeit bzgl. “Mr. Crash Drummer” Phil Collins, den ich eigentlich mochte, der allerdings Mitte der Achtziger vollkommen over-exposed war.

    Klar ist “White City” nicht mit dem Meisterwerk “Who’s Next” vergleichbar, aber dies kann man sicherlich ebenfalls für die meisten anderen Scheiben sagen, ob von Townshend oder anderen Künstlern. Ich finde mit “White City” hat Townshend wieder einmal gezeigt, daß er ein Ohr für eingängige, gut gemachte Poprock-Songs hat; und daß Pop nicht automatisch ein schmutziges Wort sein muß.

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    1. Für mich hat „White City: A Novel“ einige der stärksten Kompositionen aus Townshend Solokarriere. Auf dem Album spielt David Gilmour von den Pink Floyd nicht nur Gitarre, er hat das Stück „White City Fighting“ auch mitgeschrieben. Fast alle Townshend Soloalben sind Scherben aus seinem gescheiterten „Lifehouse“-Projekt, an dem er fast dreissig Jahre lang bastelte. „Lifehouse“ sollte seine Vision einer Gesellschaft widerspiegeln, in der es möglich wäre, die Musik auf eine Art und Weise zu spielen, die ihre Warenförmigkeit und die Grenzen zwischen Musiker und Publikum aufhebt.

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  4. Ist da dieses nervtötende „Face to Face“ drauf? Fürchterlich. Sehr viel Airplay damals und nervig nach 15 Sekunden. Townshend solo ist sowieso so eine Sache. Enttäuschend wie Jagger. Ich fand anfang der 80er „Scoop“ ganz interessant im Radio, bekam aber das Album nicht ran. Wiederhören um 2010 herum – Bilanz: Inzwischen öde.
    Nö, von den Who brauch ich heute nur noch ein paar der frühen Hits und die „Face dances“. Von townshend solo – nix.

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    1. Zum Glück ist ja Musik Geschmacksache… Für mich ist die Geschichte hinter „White City“ nach 33 Jahren immer noch ganz hörenswert, auch wenn sich Pete Townshend bei der Umsetzung etwas verkünstelt hat.

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  5. You knew I’m going to like this album. Just playing that opening cut makes me want to spin the whole thing. Like the earlier take on the Kinks album I always found Davies and Townsend to be a lot a like with Pete maybe over thinking things but it always came out to make interesting music. I think this is a good example of that. Am interesting mind.

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    1. I think this is Petes best solo album ! ( if you don’t count „Rough Mix“). The whole of it is a fine composition, with tracks linked lyrically and musically. It’s best listened to in its entirety. Townshend layers the music, and fills many „unused spaces“ with surprising sounds.

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  6. Ich hab es damals geschenkt bekommen und fand es viel besser als die damals schon ermüdenden Who Songs. Speziell Face the Face, Give Blood, Brilliant Blues und Secondhand Love beeindruckten mich.
    Townshend schien seine Art des Komponierens zu verdichten (Face the Face), seine Biographie zu kommentieren (Give Blood, Brilliant Blues) und auch sehr persönliches zu kommentieren (Secondhand Love). Auch die anderen Lieder fand ich gut, alles aus einem Guss. Eigentlich ist es vieles in einem: Eine Beschreibung und ein Kommentar über einen Stadtteil, ein Lebensgefühl und eine Zeit, eine persönliche Bestandsaufnahme und ein Aufruf an die besseren Instinkte der Menschheit (Give Blood, Face the Face, Come to Mama).
    Im Vergleich fand ich die Empty Glass wirklich empty. Die Platte, die mir noch besser gefällt ist tatsächlich die Iron Man, die die Art von Komposition der White City fortsetzt. Besser gefällt mir die Starbesetzung der Hauptrollen, die unglaublich viel Gefühl in die Produktion mit einbringen.

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    1. Ich finde „White City: A Novel“ ist das stärkste Album (wenn man einmal „Rough Mix“ mit Ronnie Lane nicht dazuzählt) aus Townshend Solokarriere. Er experimentierte viel mit seinerzeit neuen Recording-Techniken, was den Songs zwar viel Pathos verleiht, aber inspiriert wirkt. Interessant ist auch, dass fast alle Solo-Alben von Townshend konzeptionell durchgearbeitet und Teil seines ambitionierten Grossprojekts „Lifehouse“ sind, das dann nicht zustande kam als grosses Rockspektakel, dass die Rockmusik verändern sollte.

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