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Bruce Springsteen, Cadillac Ranch, 1981

Text/Musik/ Bruce Springsteen

Produzent/ Bruce Springsteen, John Landau

Label/ Columbia

Der amerikanische Millionär, Künstler und Philantrop Stanley Marsh III war bekannt für seine „Practical Jokes“, seitdem er in den 60er Jahren auf die „Liste der ausgemachten Feinde des Weissen Hauses“ gesetzt wurde, weil er in einem Museum moderner Dekadenz auch die Garderobe der First Lady Pat Nixon ausstellen wollte. Seine Ranch benannte er nach dem Kinderbuch „Toad Hall“. Seinem Hausschwein liess er Flügel auftätowieren, und den Gastank seines Hauses liess er bemalen als überdimensionale Campbell-Suppendose –  als Tribut an Andy Warhol. Marsh trug Anzüge im Muster seines Bürostuhls, liess bei Konferenzen den Lunch schon mal auf einem Bärenfell statt auf einer Tischdecke servieren und definierte sein Kunstverständnis einmal so: „Alle meine Projekte dienen der Theorie, dass die beste Kunst gut und völlig wertlos ist. Man sollte einen Kunstgegenstand weder verkaufen noch bewegen können. Er sollte einfach da sein.“

Das bekanntestes Kunst-Projekt von Marsh dürfte aber die Cadillac-Ranch in der Nähe von Amarillo, Texas sein. Diese Installation auf freiem Feld besteht aus verschiedenen Cadillac-Typen der Jahre 1949 bis 1963, deren Schnauzen halb in der Erde begraben sind und deren Heckflossen in den Himmel ragen. „Der Cadillac repräsentiert mehr als jedes andere amerikanische Auto Freiheit, Geld und Sex. Er ist ein Teil des Traums vom Erwachsenwerden: Eine gut aussehende Blondine, ein Cadillac und auf der Route 66 an die Strände Kaliforniens – das war unsere Idee von der grossen Flucht in die Freiheit. Auf diese Weise sind der Cadillac und der alte Highway 66 zu Monumenten des amerikanischen Traums geworden. Die Cadillac Ranch ist unser Stonehenge“, begründete Stanley March III sein künstlerisches Engagement. „Was Amerika zum besten Land in der Welt macht, ist das Auto. In Deutschland, Afrika, China oder Russland wachsen die Kids mit der Vorstellung auf, dass sie eines Tages ein Haus haben werden. Amerikanische Kids träumen dagegen von einem Auto.“

Die ungewöhnliche Installation wurde schon bald zum Anziehungspunkt von Touristen und inspirierte Bruce Springsteen, einen Song darüber zu schreiben: „I am gonna pack my pa, and I’m gonna pack my aunt, I’m gonna take them down to the Cadillac Ranch.“

12 Gedanken zu “

  1. “Cadillac Ranch” und “The River,” das Album, für den dieser Song aufgenommen wurde, gehören für mich zu den Klassikern von Bruce Springsteen. Dieses Album ist mir fest ans Herz gewachsen, als ich es intensiv hörte als Vorbereitung für ein Boss Konzert im Rahmen seiner sogenannten 2016/2017 River Tour.

    Zum Zeitpunkt “meiner” Show, ein Heimspiel im MetLife Stadium in New Jersey, hatte die Set-Liste allerdings herzlich wenig mit dem Album zu tun. Gleichwohl war das nahezu 4-stündige Spektakel ein unvergessliches Ereignis!

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    1. „Cadillac Ranch“ ist ja nicht gerade der stärkste Song auf „The River“ aber er offenbart die Themen, um die es bei Springsteen geht: Schnelle Autos, schöne Frauen und ein wehmütiges, offen patriotisches Gefühl für das noch ruhige und brave Amerika der 50er und frühen 60er Jahren.

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      1. Klar! Bei Lieder wie „Cadillac Ranch“ geht es um „joy“ und „fun“. Der Rock’n’ Roll sei immer eine enthusiastische Angelegenheit gewesen, sagte Springsteen einmal, der grösste Spass, den man in angezogenem Zustand haben kann – aber er erzählte immer auch von Einsamkeit, Angst und Melancholie.

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  2. Wow, danke für den Beitrag und für die Horizonterweiterung. Zwar ist das Bild von der „Cadillac Ranch“ im Booklet des „The River“-Albums abgedruckt, aber die Hintergrundgeschichte kannte ich noch nicht.

    Kleiner (klugscheißerischer) Hinweis: Es heißt, dass Bruce seinen Pa und dann die Tante in das Auto befördert.
    Fragt sich nur, wo im Auto? Beifahrersitz? Rückbank? Kofferraum?

    Liebe Grüße

    Sori

    PS: Ach ja, mit dem Lied hat Bruce auch dem kürzlich verstorbenen Burt Reynolds ein Denkmal gesetzt.

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    1. Danke für die Korrektur! Die „Cadillac Ranch“ ist nicht nur eine Hommage an die gleichnamige Kunstinstallation in Texas. Das Stück ist auch eine Metapher für die Vergänglichkeit, für die Unabwendbarkeit des Todes. Das begreift auch der amerikanische Strassenkrieger am Ende des Songs: „Don’t let ’em take me to the Cadillac Ranch“.

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    1. Yep! Das lyrische Repertoire des „Boss“ speiste sich halt hauptächlich aus der Ikonographie röhrender Motoren, ausgebrannter Cadillacs, PS-satter Maschinen, schimmernder Chromfelgen und staubbedeckter Motorhauben, auf denen bereits barfüsssige Friseusen warten.

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      1. 🙂 Ziemlich genau meine Meinung: Der Siegelbewahrer all der auf der Strecke gebliebenen Träume der missglückten Helden, die als Beamte, Vodaphonvertreter und Baumarktverkäufer endeten.

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    1. Despite the upbeat feel of the song, „Cadillac Ranch“ always seemed like a metaphor for death to me. The little girlie in the blue jeans so tight is the singer’s last chance at love but she dies before the singer does, crashing somewhere, alone, in the Wisconsin night.

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