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Johnny Cash feat. U2, The Wanderer, 1993

Text/Musik/ Bono, U2

Produzent/ Brian Eno

Label/ Island

In den Achtzigern war Johnny Cash zwar immer noch die Nummer 1 im Country Show Biz, doch er begann die Beziehung zu einem Genre zu verlieren, in dem es in seinen Augen nicht mehr um klare Statements ging, sondern ausschliesslich darum, sich bestmöglichst dem jeweiligen Zeitgeist anzupassen. Cash, der lebendige Monolith, wurde zur Kolossalstatue degradiert. Daran änderte sich auch nichts, als er Mitte des Jahrzehnts das Million Dollar Quartet reaktivierte (mit Roy Orbison anstelle von Elvis Presley). Auch sein 1986 veröffentlichter Roman „Man In White“, der sich mit Leben des Apostels Paulus auseinandersetzte, wurde eher ein Lacherfolg. Nach fast dreissig Jahren fruchtbringender Zusammenarbeit wurde Cash 1986 von Columbia gefeuert. In den folgenden Jahren auf Mercury drohte er in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

1992 dienten die Auftritte des mittlerweile Sechzigjährigen fast ausschliesslich noch karitativen Zwecken. Als Cash jedoch ein Jahr später auf dem U2-Album „Zooropa“ in dem Song „The Wanderer“ auftauchte, war der alte Barde plötzlich wieder in aller Munde. U2 wollten damals einfach mit einem ihrer Vorbilder zusammenarbeiten. Das Cash-Ergebnis unterlegten sie mit elektronischen Klängen, ohne dass es dem Country-Star hätte weh tun müssen. Diesmal wurde Cash von einer Generation entdeckt, die bis dahin mit Country Music höchst wenig am Hut hatte. Die Zeichen standen gut für den Widerspenstigen, der auch im Alter nicht einsehen mochte, warum er sich zähmen lassen sollte. Eine ganz neue alternative Country-Szene war entstanden, deren Flaggschiffe Freakwater oder Lambchop hiessen. Plötzlich war das Interesse an dem Alten mit der tiefen Stimme wieder da.

11 Gedanken zu “

  1. Ich habe ihn als Autor von Songs kennengelernt, die andere interpretierten. Eric Burdon zum Beispiel. Cash war mir lange Zeit zu sehr der Held einer gespenstischen Cowboyszene, eine Art singender John Wayne, bis ich mitbekam, dass er ein Sturkopf war, der sein Ding machte und dabei auf die Branchenregeln pfiff.

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    1. In einer Zeit, wo sich die Frage nach dem ehrlichen Gestus immer wieder aufs neue stellt, steht Johnny Cash tatsächlich da wie Präsident Lincoln. Obwohl ihm am Ende seine Gesundheit zu schaffen machte, liess er sich von seinem Körper genauso wenig bezwingen wie zuvor von einer Vielzahl äusserer Umstände.

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  2. In der Music for the Masses Doku von Depeche Mode 1990/91 kauft der Gore vor allem Johnny-Cash- Kassetten für den Tourbus.Und der Hausfreund von DeMo, der Chef vonThe The bringt in den 90ern sein bestes Album heraus „Hanky Panky“. Hank Williams im DeMo Sound. Abgefahren! Zombie-Country für die Postmoderne. Da wars dann nicht mehr weit zu den american Recordings des CHEFs.

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    1. „The Wanderer“ entstand ja noch vor Johnny Cashs Renaissance, vor der Zeit mit seinen von Rick Rubin produzierten Alben. U2 wollten damals einfach mit einem ihrer Vorbilder zusammenarbeiten. Schon ein paar Jahre später hätte sich das Engagement Cashs wie ein Running Gag angemutet: Das Timbre des alten Herrn schallte durch jede H&M-Umkleidekabine, jeder Teenager mochte und kannte Cashs Versionen von „Hurt“ oder „One“ ohne die Originale zu kennen – geschweige denn ältere Alben von Cash.

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  3. Yeah, as much as I don’t really like U2, it was that track that threw Cash back on my radar (he was there when I was younger thanks to some cassettes my father had). Great track… because of Cash.

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    1. I also never had much affection for U2, but I like „The Wanderer“. I like the idea that it’s the story of a man trying to find God in a post-apocalyptic wasteland. Sure, that seems goofy, but it turns the song into a short story abound with analogies and metaphors nonetheless.

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  4. Wohingegen mir U2 generell gut gefallen, insbesondere die frühen Alben, auf denen die Band noch einen charmant rauen Sound hatte, konnte ich mit Zooropa nie viel anfangen.

    Zwar respektiere ich, wenn Musiker experimentieren und nicht immer das gleiche machen, doch ging mir dieses Album zu weit mit seinem elektronischen Sound.

    Das Stück mit Cash kannte ich bisher nicht. Es hat was und ist wohl der mit Abstand beste Song auf dieser Scheibe.

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    1. Dass U2 ihre LP „Zooropa“ mit einem für Johnny Cash geschriebenem und von Johnny Cash gesungenem Lied, „The Wanderer“ abgeschlossen haben, zeigt doch wie wichtig es für die Band war, mit ihren Vorbilder zusammenzuarbeiten. Cash revanchierte sich später dafür und veröffentlichte eine phantastische Cover-Version des U2-Klassikers „One“ im Zuge der American-Serie. Ich selbst habe mit U2 nie so recht etwas anfangen können. Vermutlich hat das auch etwas mit Bono zu tun. Der Mann hat es einfach nicht leicht. Aber er hat nicht nur Prinzipien, sondern eben Talent – deshalb sind U2 jetzt dort, wo sie heute sind.

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