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Charles Mingus, The Black Saint And The Sinner Lady, 1963

Produzent/ Bob Thiele

Label/ Impulse

1962 wechselte Charles Mingus zu dem Label Impulse und lieferte dort gleich mit der ersten Veröffentlichung ein Meisterwerk ab – wobei er weniger sein Instrument (den Bass) als vielmehr seine kompositorischen Fähigkeiten in den Vordergrund rückte. Dem reinen Schönklang seines Vorbildes Duke Ellington fügte er eine grosse rhythmische Vielfalt hinzu, dazu kamen deutlich formulierte politische Positionen: 1963 waren Befreiung und Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung in der amerikanischen Gesellschaft noch keineswegs eine vollzogene Realität – aber sie waren dank J. F. Kennedy und Martin Luther King ein Thema. So erklären sich die Untertitel der Suite: Rückbesinnung auf das afrikanische Erbe und Kampf für die Rechte der Schwarzen auf allen Ebenen der politischen und kulturellen Gesellschaft.

„The Black Saint And The Sinner Lady“ erzählt aber auch von Mingus‘ persönlichen Auseinandersetzung mit den beiden Polen seiner Kunst: Der Unberechenbarkeit und der formalen Gestaltung. Mit seinen ständige Finten und Hakenschlägen, den überraschenden Brüchen und abrupten Stilwechseln erweckt das Album den Eindruck des Collagehaften. Und tatsächlich fanden die vielen Fragmente der Aufnahme-Sessions ihre letztendliche Form erst am Schneidetisch des Produzenten Bob Thiele. Die Musik erhielt dadurch eine Dichte, die Mingus zuvor noch nicht erreicht hatte. Sie reflektiert einerseits all die Inspirationsquellen, die er mal als Zitat, dann wieder als Stil-Pastiche einfliessen lässt: Blues und Gospel, den Sound Ellingtons, mexikanische Mariachi-Musik, europäische Klassik – andererseits sind all diese Elemente aber nur Fragmente seiner eigenen Sprache. Durch diese Zerrissenheit ist man mitunter an die Sprache des Deliriums erinnert: Ein Faktor, dessen sich Mingus wohl bewusst war. Ganz so als wolle er sich auch über sich selbst lustig machen, bat er seinen Psychiater Dr. Edmund Pollock, den Text für’s Back-Cover zu schreiben.

13 Gedanken zu “

    1. Und ich habe immer geglaubt, dass Jazz den Mächtigen in der DDR die grösste Angst einjagte, weil er von allen Stilistiken der populären Musik den höchsten Grad der Abstraktion aufweist.

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      1. Ein weitverbreiteter Trugschluss. Er stimmte anfang der 50er mal kurz und wurde vom Rock&Roll hinweggefegt, denn der wurdre Bonzenseitig dann richtig gehasst, deshalb galt ab 1955:
        – Jazz= Musik der Schwarzen= Unterdrückte/Ex-Sklaven/Proletarier = Kulturerbe der Werktätigen Völker;
        – Rock/Pop usw. = Kommerz, der die Jugend vom Klassenkampf und Revolution machen abhalten soll.

        Außerdem:
        Jazz= nicht massenkompatibel und meist instrumetal; daraus folgt Duldung von Jazz-Orchestern, (sogar als Beat richtig verboten war 1965-1971/72); AMIGA-Jazz-Plattenreihe seit ca 1970 mit reichlich Veröffentlichungen ranghoher Namen, aber pro Künstler immer nur eine LP (Q.Jones, Ch.Parker, B.Webster, J.Smith, G.Miller, Mahavishnu Orch….. Die lagen auch wirklich immer lange rum. Die wollte die Masse nicht.

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      2. Danke für die Information! Wie gesagt: Das Innenleben der DDR war mir nicht bekannt. Aber hätten nicht die freien Formen, der Nonkonformismus, die intellektuelle Aufgeladenheit und nicht zuletzt die (zumeist) fehlenden Texte den Jazz noch verdächtiger erscheinen lassen müssen als Rock oder Pop, wo man die Songs anhand der Texte leicht auf ihre DDR-Fähigkeit überprüfen konnte?

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      3. Freejazzer wurden nicht unterstützt, bekamen keine LPs erlaubt(oder nur ganzganz selten), aber Jazzfestivals in Peitz und Dresden gab es seit ende der 60er alljährlich und da trat praktisch jeder auf, der wollte.
        Rockmusik wurde zensiert, die unzensiert tingelnden wurden überwacht und ab und an verboten. Die gaben sich dann einen anderen Bandnamen, wechselten ein oder zwei Mitglieder aus und traten neu an.
        Jazzkonzerte (außerhalb der Festivals) waren schlechter besucht, wie gesagt, nicht massenkompatibel.

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      4. Ende der 60er Jahre galten auch hier zu Lande Liebhaber von Jazzmusik als Spinnertypen, die Anzüge trugen, Nietzsche und Schopenhauer lasen und als absolut weltfremd eingeschätzt wurden. Auf Parties war die Auswahl der Jazzplatten der Auswahl an meist Frauen unterlegen, ausser dem beliebten und hochaktuellen „Bitches Brew“ von Miles Davis, das immer wieder gespielt wurde.

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    1. Gern geschehen! Natürlich habe ich nicht immer Lust auf wahnsinnigen, komplexen, alle möglichen Stilecken tangierenden Avantgarde-Jazz, aber „The Black Saint And The Sinner Lady“ ist bei aller Komplexität auch äusserst unterhaltsam.

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  1. Ja, kann ich verstehen, geht mir ähnlich, aber ich liebe es, wenn Begegnungen aus der alltäglichen Konsumierbarkeit heraustreten und ich gezwungen bin, trotz Übeforderung mich komplett einlassen zu müssen, um überhaupt was zu verstehen, seien es Gespräche, Texte, Filme … und Musik, die sich nicht erschließt, wenn ich nicht das Horchen neu erlerne, mag ich besonders!
    Und das ganz unabhängig davon, ob mir das „Resultat“ dann auch gefällt … natürlich nicht immer, denn wer möchte sich denn schon ständig plagen, nicht wahr? Aber ab einem gewissen Alter ist es doch wunderbar, sich auf Abenteuer jeglicher Art einzulassen, damit die Synapsen geschmeidig bleiben!
    Und genau deshalb gefällt mir sehr gut, wie Du Deine Blogbühne hier bespielst … ich bereise in Deinen Stücken auf faszinierenden Klangteppichen fremde Länder und betrete wagemutig Neuland, gute Arbeit machst Du da! Liebe Grüße

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    1. Danke für den Blumenstrauss! Ich bin ja hier nur der Plattenaufleger und Bildchenschieber. Das Problem der heutigen Szene ist, dass die meisten Leute kaum mehr Bescheid wissen über die wahre Herkunft der aktuellen Musik. Der Schwerpunkt von meinen Blog liegt deshalb bei den inzwischen verstorbenen Altmeistern. Doch ich möchte auch zeigen, dass es aktuelle Artisten gibt, die inspirierend und glaubwürdig sind.

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  2. Man, I’m away from you takes and I come back to a wealth of great stuff. Applies to this album. I really dig the ‚Impulse‘ label. Mingus is a fave. A self confessed Duke disciple (like CB). Man you have eclectic tastes. We have very similar ears Fox.

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    1. I’m glad CB likes „The Black Saint & The Sinner Lady“. This is not the sort of record you leave playing in the background, it demands your attention and you can only really enjoy it if you are focusing on it. It’s a great album, but I don’t constantly listen to it.

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