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Elvis Presley, Mystery Train, 1955

Text/Musik/ Junior Parker, Sam Phillips

Produzent/ Sam Phillips

Label/ Sun Records

„Mystery Train“ war die letzte Aufnahme, die Elvis für Sam Phillips machte. Der Song beschreibt einen langen schwarzen Dampfzug, der die Geliebte hinwegführt. Zwar wird am Schluss eine Wiedervereinigung inszeniert, aber das Happy-End klingt unglaubwürdig, es kontrastiert mit der Atmosphäre des Songs. Doch von Kontrasten handelt das ganze Stück. Das Glück ist überschattet in „Mystery Train“, die Trauer exaltiert.

Der Song selbst erzeugt die Bewegung, von der die Rede geht. Elvis‘ Raspeln auf der akustischen, Scotty Moores fast banjoartige Countrylicks auf der elektrischen Gitarre, der hüpfende Bass, das klappernde Minimalschlagzeug suggerieren das Rattern und Rollen des Zuges. Nur die Stimme, scheint es, lässt sich nicht mitziehen. Sie singt nicht vom schnellen, sondern vom langen Zug.

Man muss hören, wie Elvis die Zeilen singt, wie er das Ziehen der Lok und das Rattern der Räder, Abschiedsschmerz und Wiedersehenshoffnung, Ankommen und Fortgehen kollidieren lässt. Das „train I ride“ hat etwas Jubilierendes, man hört das hohe Pfeifen der davonfahrenden Lokomotive, während das „sixteen coaches long“ in der ersten, das „coming round the bend“ in der zweiten Strophe punktiert wird wie die sechzehn Wagen, die von der Lok gezogen werden. Elvis singt „coming do-hown the be-hend“. Die ersten Zeilen verströmen Optimismus, jugendliches Irresein, das später quer zu den Country-Pickings der Gitarre, mit Bluesschwermut überzogen wird.

Der Blues ist endlos wie die Arbeit, und auch der „Mystery Train“ führt nirgendwohin; er hat kein Ziel, weil er keine Richtung hat. Diese Tatsache wird betrauert. Da sie unverrückbar ist, kann sie ebensogut gefeiert werden. Noch ganz im Blues aufgehoben, singt Elvis zum ersten Mal davon, was ihn den Rest seines Lebens ereilen wird.

14 Gedanken zu “

    1. Während der Entwicklung des Country tauchte das Thema Eisenbahn immer wieder auf. Und auch im Rockabilly wurde das Motiv aufgegriffen. Der „Mystery Train“ von Elvis hat tatsächlich Ähnlichkeit mit „Folsom Prison Blues“ und „Hey Porter“ von Johnny Cash. Doch der frühe Elvis war oft ruhelos, energetisch. Bewegung als Tanz für Befreiung, als Erlösung von Zwängen. In „Mystery Train“ wird dieser Ausbruch vorgeführt, auch wenn er nirgendwo hinführt.

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      1. Interessanter Punkt. Man war ja auch zusammen viel auf Tour dieser Tage. Da wird man sich auch hier und da gegenseitig inspiriert haben. Vielleicht auch während der gemeinsamen Fahrt im Zug. Aber das ist nur hineininterpretiert 🙂

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      2. Der Zusammenhang liegt bei Sam Phillips von Sun Records, bei dem Elvis Presley und Johnny Cash unter Vertrag waren. Sam Phillips und Junior Parker hatten 1953 „Mystery Train“ als Blues geschrieben. Hier die Version von Parker:

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    1. Some people tell that Elvis only was making money with watered down versions of Black Blues and R&B songs. But that’s not true. Elvis, Scotty, and Bill, produced by the genius Sam Phillips, made these songs their own, and provided sometimes energy and power that wasn’t in the original versions. I think „Mystery Train“ is a good example for that.

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