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John Hiatt, Crossing Muddy Waters, 2000

Produzent/ John Hiatt

Label/ Vanguard

Aufgenommen in nur vier Tagen mit ausschliesslich akustischer Instrumentierung besticht das Album vorallem durch Intimität und Spielfreude. Das Zusammenspiel von akustischen Gitarren und Mandolinen hatte schon immer die Qualität einer spontanen Jam-Session. Auf ein Schlagzeug wurde bewusst verzicht, stattdessen mit dem Fuss gestampft, dass John Lee Hooker seine Freude daran gehabt hätte.

Hiatt und seine beiden Mitmusiker Davey Faragher und David Immerglück gelingt es sehr gut, den Songs unterschiedliche Färbungen zu geben; die Atmosphäre wechselt ständig zwischen der Hitze eines „Juke Joint“ und einem entspannten Abend auf der Veranda. Folk-, Rock-, Country- und Delta-Blues-Klänge verschmelzen hier miteinander und geben den Blick frei auf eine Welt, die von aussen seltsam antiquiert, fast altmodisch wirkt: auf eine Zeit, in der Musik noch mit der Hand gemacht wurde und Herz und Seele hatte: klingende Mandolinenläufe, ab und zu eine wehmütige Slidegitarre „in a rush of wind and a river song“ – es fehlt eigentlich nur noch das knisternde Herdfeuer im Hintergrund und die familiäre Idylle wäre fast perfekt…

John Hiatt wäre jedoch nicht John Hiatt, wenn er dieser nostalgisch-verträumten Perspektive nicht unmittelbar seine realistischen ganz und gar in der Gegenwart verwurzelten Texte entgegensetzen würde. Oft von beissender Ironie und ätzendem Sarkasmus durchzogen, entblösst seine respektlose und ehrliche Analyse schonungslose das Tragisch-Komische alltäglicher Situationen selbst dort, wo den Charakteren augenscheinlich nichts als der vielzitierte Scherbenhaufen bleibt. Dadurch erweitert sich das Gesamtbild der Platte: Im Zusammenwirken von Text und Musik werden Hiatts Charaktere vor einem traditonell anmutenden Hintergrund lebendig, bekommen seine Geschichten aus der Gegenwart eine zeitlose Tönung.Aber trotz der musikalischen „Neuerungen“ zeigt sich bereits im Eröffnungsstück das Gesicht des „alten“ John Hiatt: eingerahmt von arbeitenden Maschinen, Güterzügen und Dieselmotoren, selbstbewusst und zufrieden grinsend, „sitting in a Cadillac, smokin‘ on a big cigar“. Genauso haben wir ihn in Erinnerung, den Mann, der einst auf der Toilette die Sonnenbrille aufbehielt. Auch wenn seine Frau wieder mal spurlos verschwunden ist, wie der letzte Gehaltsscheck, der letzte Schluck Gin oder eine Nixon-Akte ( „Gone“) – sein Humor ist der gleiche geblieben. Trotzdem sind seine Texte nie einseitig oder gar oberflächlich, bleiben seine scharfen Analysen zwischenmenschlicher Beziehunghen immer vielschichtig. Überhaupt nimmt die Liebe und die Probleme, die sie mit sich mit bringt, enorm viel Platz auf dieser Scheibe ein. Damit kommt in Hiatts Songs vorallem ihre Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit zum Ausdruck, nirgends besser als in dem bildgewaltigen Titelstück. Die schlammigen, undurchsichtigen Gewässer des Mississippi, die es zu überqueren gilt, symbolisieren die Unsicherheit alltäglicher Entscheidungen und die Ungewissheit der daraus folgenden Konsequenzen.

12 Gedanken zu “

    1. Gern geschehen! „Crossing Muddy Waters“ ist eine wunderbare Scheibe. Alles drin, vom Blues über Country und Folk. Mir ist schleierhaft wieso ein so begnadeter Songschreiber und Musiker wie John Hiatt nicht mehr Erfolg hat. Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende

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      1. John Hiatt hat sich wohl lange Zeit selbst im Weg gestanden, lt. Wikipedia hat er von Jugend an bis zum Selbstmord seiner Frau extrem getrunken.

        Ja, er macht wunderbare Musik, aber sie ist nicht eben massentauglich, also wird er keine Stadien füllen.
        Aber ich glaube schon, dass er viele Fans hat.

        J.H. hat so viele, schöne Alben gemacht und z.B. Little Village kann man nicht oft genug hören…

        https://de.wikipedia.org/wiki/Little_Village

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      2. Heute hat sich John Hiatt längst mit der Rolle eines „Musician’s Musician“ versöhnt. Der persönliche Rückblick hat ihm auch zu Einsichten, zum einem Ausblick voller Zuversicht geholfen.

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  1. Fantastic review and insight! I think this one ranks up there with his best ever. I’ve always taken the title track as about his first(?) wife who committed suicide when their daughter Lilly was an infant. Lyrics fit but I have never heard him talk about it. So many great songs on this album but my favorite is Before I Go

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    1. I think „Muddy Waters“ is predominantly a melancholy and brooding affair (from a lyrical standpoint) with only a couple of flashes of the patented John Hiatt whimsy and turns of phrase. However, no one has the better ability to cast even a miserable life situation into a toe-tapping good time as John Hiatt. The album has influences of the Southern blues of Sonny Terry, Brownie McGhee, Lead Belly and especially contemporary folk/blues singer Dave Van Ronk was working aside him during the writing and recording of „Crossing Muddy Water“.

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    1. For me one of the best albums from Mr. Hiatt. „Crossing Muddy Waters“ eclipses the so-called „masterpieces“ of his earlier career, such as 1987’s „Bring The Family,“ because it’s the kind of tutorial on the origin’s of American music that he had been working towards for over decades.

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