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Talking Heads, Stop Making Sense, 1984

Produzent/ Gary Goetzman

Label/ Sire Records

Zu Beginn betritt er allein die Bühne, Gitarre in der einen, Ghettoblaster in der anderen Hand. Unter dem Hallenlicht singt er dann „Psychokiller“ mit den Anfangszeilen: „I can’t seem to face up through the facts/ I’m tense and nervous and I can’t relax/ I can’t sleep cause my bed’s on fire/ Don’t touch me, I’m a real live wire.“

So beginnt das Konzert und begann die Karriere. „Psycho Killer“ ist der erste Song, den David Byrne mit der Band geschrieben hat; Karriere und Bühnenrolle fallen zusammen. Als Bassistin kommt Tina Weymouth hinzu. Während die beiden zusammen spielen, werden Schlagzeug und Keyboards hereingerollt. Die Techniker gehen von der Bühne, während die Talking Heads und ihre Begleitmusiker die Plätze einnehmen. Im Konzert werden seine Produktionsbedingungen zum Teil der Performance. Bei „Burning Down The House“ fragt Byrne sein Publikum „do you wanna dance?“, das Deckenlicht geht aus und die Konzertbeleuchtung geht an. Es geht los.

Der Sänger zuckt in seiner Mischung aus Gänsemarsch und Veitstanz über die Bühne. Seine Bühnefigur scheint von Angst und Rhythmen geschüttelt. Man weiss nie, ob sie zuckend ihren eksatischen Zustand angibt oder sich mit Ticks und Spasmen dagegen wehrt.

Byrne ist während diesen Konzerten aufgefallen, wie sehr sich die Spannung zwischen Wunsch und Kontrolle überträgt, der Wunsch nach ekstatischer Auflösung und sein Scheitern sich in der Publikumsreaktion abbildet. Die Ambivalenz des Sängers, vermutet er, schaffe „a kind of empathy to the listener… only in the sense that it gives a feeling of solidarity and empathy about what other people are going through.“

Solche Sätze deuten auf ein komplexes Verhältnis zwischen Sänger und Publikum und ihre wechselseitigen Identifikationen. „What other people going through“ zeigt auch, dass Ekstase nur unter Schmerzen möglich ist. Erst am Ende des Konzertes nehmen die Talking Heads Al Greens „Take Me To The River“ wieder auf und tauchen in den Strom des Verlangens.

Bis heute hat David Byrne Schwierigkeiten beim Versuch, sich gehen zu lassen. Doch er gibt sich hartnäckig. Byrne ist ein Sammler von Ekstasen, seine Faszination für vorchristliche Musik, wie er sie nennt, ist ungebrochen, sie erstreckt sich auf keltische, afrikanische und amerikanische Varianten, Amerika Süd und Nord. Bei der leichten Deutbarkeit dieser Musik besteht aber auch immer die Gefahr sich nicht an der Musik, sondern an ihrer Entschlüsselung zu begeistern.

10 Gedanken zu “

  1. Yep. Bei den Ausschnitten dieses Films wäre ich damals beinahe doch noch Fan geworden. Das kam alles sehr gut rüber. Aber ich kannte eben 2 ihrer LPs und da war allerhand Füllselkram drauf.
    „Psychokiller“ mag ich in der a capella Version der Flying Picketts mehr. Die hab ich anno 89 (knapp vor Mauerfall) live in Leipzig in einem unvergesslich geilen Konzert erlebt.

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    1. Früher habe ich David Byrne geschätzt, gerade weil er anders und ein Denker war. Trotz vieler schlechter Platten halte ich ihn für einen fähigen amerikanischen Musiker und Gitarristen. Natürlich sind seine Texte intellektuell abgecheckte Affirmation, aber ich denke da an Grateful Dead, die ich auch am Anfang schätzte für das, was sie versprachen, um es später abzulehnen und stattdessen ihre Musik zu begreifen. Die Hippiehaftigkeit der Grateful Dead steht ja heute nicht mehr zur Diskussion und so sind halt auch die Talking Heads von der damals als neuartig bejubelten Postmodernität beeinflusst. Diese Prägungen kann man niemandem vorhalten, höchstens wie er damit umgeht.

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  2. Wohingegen ich nie ein riessen Fan der Talking Heads war, ist dies schon eine interessante Scheibe. Bis dato wusste ich gar nicht, dass es die Sache auch als Film gibt. Der ist sogar in voller Laenge auf YouTube zu haben – habe eben gerade schon einmal kurz hineingeschaut.

    Zwar klingt mir das Schlagzeug manchmal etwas zu synthetisch und nach Rhytmusmaschine, doch haben die Stuecke insgesamt einen guten Groove. Das Konzept einen Musiker nach dem anderen auf die Buehne zu bringen waehrend im Hintergrund noch aufgebaut wird ist schon originell. Der hiesige Take von Psycho Killer gefaellt mir deutlich besser als die urspruengliche Studioversion.

    Uebrigens schoen nach einer zweiwoechigen Pause wieder von Dir zu lesen!

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    1. „Stop Making Sense“, der Film von Byrne und Jonathan Demme ist eine kongeniale Inszenierung des Auftritts und gehört einfach zu dem Album. Es wäre schade, sich die optische Faszination der Talking Heads entgehen zu lassen: Text, Lichtdesign, Choreographie und Musik erzählen die Geschichte einer „ecstatic emancipation“. Die Kinoversion war in den 80er Jahren ein grosser Erfolg.

      Wir waren zwei Wochen im Süden. Immerhin ist es mir gelungen, nicht am Computer zu sitzen!

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      1. Fantastisch! Die meisten Leute, und dies schließt mich mit ein, verbringen viel zu viel private Zeit vor dem Computer – vom Handy gar nicht zu sprechen!

        Aus heutiger Sicht ist es kaum zu glauben, daß es noch gar nicht so sehr lange her ist, daß wir ohne Computer und Portables gelebt haben und es uns trotzdem nicht langweilig geworden ist!

        Ich habe auf jeden Fall vor, mir den Talking Heads Film anzuschauen – ironischerweise am Computer!😀

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      2. Natürlich leben wir heute in einer elektronischen Normalität und die ohne digitale Medien verbrachte Zeit, ist eine Erfahrung, die wir ohne vorhergehende explizite Absicht nicht mehr machen können. Für mich gibt es zwei grundverschiedene Daseinsformen: den Online- und den Offline-Zustand. Jeder der beiden bietet unterschiedliche Möglichkeiten. Es bleibt jedem selbst überlassen, wie er beide in seinen persönlichen Lebensstil einbindet.

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  3. Der Film ist gut. Die Platte konnte ich irgendwann nicht mehr hören, lief damals in meiner Stammkneipe jeden Abend. Alles hat seine Grenzen. Als Live-Dokument ziehe ich das Doppelvinyl „The Name Of This Band Is Talking Heads“ vor, zeigt es doch auch recht eindrücklich die Entwicklung der Band auf, die zu Zeiten des Film-Soundtracks weitgehend abgeschlossen war und schwer Richtung Massengeschmack neigte.

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    1. Ja, „The Name Of This Band“ ist eine charmante und witzige Platte und bietet ausserdem einen hervorragenden Abriss über die Entwicklung der Talking Heads in ihrer kreativen Phase von 1977 bis 1981, in der ihre Musik von Jahr zu Jahr komplexer und intensiver wurde.

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  4. Den Film gab es damals zur Premiere in der Frankfurter Messe Galeria sozusagen live.

    Der Film war toll, aber die Veranstalter hatte nicht bedacht, dass Musik in einer Halle aus nacktem Glas und Beton vielleicht nicht so gut klingt.

    Der Sound war erbärmlich…

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