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Bob Dylan, Series of Dreams, 1989 (1991)

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Daniel Lanois

Label/ Columbia

Zuerst hiess er kurz Robert Zimmerman, dann Bob Dylan, lebenslang. Weshalb Dylan, sagte er nie genau. Konnte sich auch keiner vorstellen, was es hiess, lebenslang Bob Dylan zu sein. Ein Mann, der sich jedem Bild entzog. Alle möglichen Spiegel hielt man ihm vor, darin er nur unkenntlicher wurde. Ein Chamäleon, hiess es. Das freilich seine Eigenart weniger nach äusseren Gegebenheiten, sondern von innen nach aussen färbte. Ob darunter wirklich auch viel Wandel stattfand, bleibt ungewiss.

Zeichnet man also ein Bild von „Bob The Zim“, kann man mit Leichtigkeit in Spiegelfallen treten, worunter er eher verschwindet, als zum Vorschein kommt. Zwei Fallen sind fast unausweichlich: Exegese und Mnemosyne – Deutung und Erinnerung. Das erste befördert Geschwätz, das zweite Sentimentalität. Mit beidem konfrontiert, reagiert Dylan meist konsterniert-blasiert; es endet konfus, bestenfalls in Slapstick.

Man führe sich wieder mal die Videos seiner Pressekonferenzen zu Gemüte! Aus der Zeit der Schwarz-Weiss-Kameras, als der spindeldürre hypernervöse Pop-Pierrot sich gelegentlich noch dazu überschnorren liess. Nach jeder Schublade, die einer aufzog, um ihn reinzustopfen – „Protestsänger“, „Folkrocker“, „Troubadour des Beat“ – schluckte Dylan tiefer den Rauch aus seiner Zigarette.

Heute, da er 77 Jahre alt ist, lockt die zweite Falle umso mehr, vor allem bei ramponierten Zeitgenossen: Dylan für sich privat zu inthronisieren anstelle von Mnemosyne, die Göttin der Erinnerung. Ach, wo war er denn nicht dabei? Immer präsent im Kassettengerät, auf Achse zwischen überall und nirgendwo. „Bobby will be back“, sagte Joan Baez jeweils vor der Pause im gemeinsamen Wanderzirkus „Rolling Thunder Revue“. Und tatsächlich: In jedem Jahrzehnt, wenn das Popbusiness eine weitere flüchtige Modeseite aufschlug, kam Bobby zurück – bis heute.

Mochte er uns zeitweise verwirren, namentlich als christlicher Chorknabe, so verband sich doch jede Zeit wieder mit seinen Liedern, Herz und Schmerz stets altvertraut mit neuem Text. Seit mittlerweile 57 verfluchten Jahren! Damals hätte niemand geglaubt, dass jener „blue-eyed Son“ mit Mundharmonika und Pfadilager-Klampfe, jung schon mit einer ganzen „Series of Dreams“ unterwegs, kühner als wir alle, spät damit auch noch besser altert.

7 Gedanken zu “

    1. Bob Dylan hat die Rockmusik in eine Kunstform für Erwachsene verwandelt. Erst unter seinem Einfluss schrieben die Beatles, die Rolling Stones oder die Doors Texte, die man sogar verstehen wollte. Und doch war der Klang der Stimme Vorbedingung für die Texte: Lou Reed, Neil Young oder Elvis Costello hätten 1964 nur ungläubiges Entsetzen ausgelöst. Nach Dylan wurde alles anders. Er hat es verdient, geliebt oder gehasst zu werden. Nichts dazwischen.

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  1. Man kann sicherlich viel ueber Bob Dylan sagen. Wie bereits in vergangenen Kommentaren angedeutet, schwanken meine persoenlichen Gefuehle zwischen Begeisterung, insbesondere was seine Fruehphase anbelangt, und haeufig bestenfalls Gleichgueltigkeit, wenn zu seinem spaeteren Werk kommt.

    Aber eines ist meiner Ansicht nach unbestritten: Die Unberechenbarkeit von Dylan hat ihn nie langweilig gemacht. Darueberhinaus ziehe ich vor jedem Kuenstler meinen Hut, der auch noch bis ins fortgeschrittene Alter neue Musik schreibt und veroeffentlicht.

    Es ist doch im Grunde genommen ein Knaller, dass Dylan nach unzaehligen Songs ueberhaupt noch etwas anfaellt. Klar wird er keine Nummer mehr schreiben with „Like A Rolling Stone;“ genauso wie McCartney kein „Band On The Run“ und die Stones kein „Jumpin‘ Jack Flash“ mehr fabrizieren werden. Die Zeiten sind einfach vorbei!

    Trotzdem ist es bemerkenswert, dass diese Musiker einfach weitermachen. Es ist wohl die Natur des wahren Kuenstlers sich niemals zur Ruhe zu setzen. Moegen sie alle noch lange weiter werken gemaess des Mottos, „Rock & roll will never die!“

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    1. Unser Dylan – auf der zweitägigen Schulreise im letzten Sekundarschuljahr hatte ein Mitschüler einen Kassettenrekorder dabei, auf dem er „Blowing In The Wind“ abspielte – das klang verklärt, verschämt nach „Protestkitsch“, aber es war die Zeit von Mai 68, die Zeit von Persien und Vietnam.

      Damals hatte man nur gefühlt, warum es in Dylans Liedern ging. Wer hatte hierzulande schon von der Geschichte der „American Folk Music“ gewusst. Wer kannte die unzähligen Text- und Musikzitate aus diesen Schelllack-Platten in Bob Dylans Liedern, seine Verehrung für den Blues und dunkle Balladen? Man hätte sich wohl vieles sparen können an Interpretationen, ob seine Texte nun eher politisch, biographisch, sexuell oder religiös zu verstehen seien.

      Das Problem „Bob Dylan“ ist ja unser eigenes: Wollen wir ein musikalische Photoalbum geniessen, wie wir waren? Oder die verblassten Bilder betrachten, die Zeit vorgeführt bekommen, mit all ihren Moden und Falten? Es gibt den inneren Bob Dylan und seine Lieder und den äusseren und unsere Zeit. Sie laufen parallel und kreuzen sich. Hier der Protestsänger, dort der religiöse Musiker und da der surreale Dichter. Eigentlich ist er uns immer noch fremd, Song um Song – ein Wechselbad der Gefühle, der individuellen Geschichte. „There is no success like failure… „ oder lieber doch „… I got nothing Ma, to live up to“, Textfragmente, Refrains, Endwörter die sitzen wie eingefräst im Kopf. Zeilen, die man nie bewusst übersetzt hat, die als Sinnklang eingefroren sind und nur von seiner Stimme wiederbelebt werden können.

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