Bruce-Springsteen-The-River-e1474299254233.jpg

Bruce Springsteen, Independence Day, 1980

Musik/ Text/ Bruce Springsteen

Produzent/ Jon Landau

Label/ Columbia Records

Irgendwann Anfang der 80er Jahre, inmitten der Benefiz-Veranstaltungen für gute Zwecke aller Art, da sich Mitleid in einen Scheck verwandelt und Musik in einen PR-Auftritt, erinnert sich Bruce Springsteen an die Geschichte hinter dem Lied, holt er die Welt wieder nach Hause. Die Orgel setzt leise eine, und irgendwo beginnt er mit rauchiger Stimme die Einleitung zu dem Song: „In dem Haus, in dem ich aufwuchs, gab es keine Bücher, oder irgend etwas, was man für Kunst halten konnte. Als ich älter wurde sah ich mir meinen Vater an, er schmiss die High School, ging zur Armee, heiratete ziemlich früh, nahm jeden Job an, den er kriegen konnte, arbeitete in der Fabrik, war Lastwagenfahrer. Und ich erinnere mich an meinen Grossvater, er arbeitete in einer Fabrik in der Stadt, in der ich aufwuchs. Wir alle hatten eine Sache gemeinsam. Wir wussten nicht genug, wir hatten keine Ahnung, was mit uns passierte. Ich bin jetzt einunddreissig und hab gerade damit begonnen die Geschichte der Vereinigten Staaten zu studieren. Und plötzlich sehe ich, warum die Dinge so sind, wie sie heute sind, wie man auf einmal zu einem Opfer und Verlierer werden kann, ohne es überhaupt zu merken. Und wie Menschen alt werden und sterben, ohne irgendwann einen glücklichen Tag erlebt oder Ruhe gefunden zu haben. Was ich sagen will, versuchen Sie herauszufinden, wo sie heute stehen. Und versuchen Sie, denen, die nach uns kommen, etwas Besseres zu hinterlassen.“

Und langsam schwillt der Keyboard-Klang, das Schlagzeug tockt im gleichmässigen Rhythmus der Uhr, und „Indepedence Day“ setzt ein: „Well, Papa go to bed now it’s getting late… there’s darkness in this town that’s got us too/ But they can’t touch me now/ And you can’t touch me now/ They ain’t gonna do to me/ What I watched them do to you.“

21 Gedanken zu “

    1. Stimmt! „Independence Day“ ist 1980 auf dem Album „The River“ erschienen. Es gibt da noch ein paar andere Songs, die für mich wirklich Zauber haben („The River“, „Stolen Cars“ und „Point Blank“). Vielleicht finde ich die Geschichten von diesen Verlierern deshalb so faszinierend, weil sie in sich und ihrer Heimat ruhen, auch wenn sie einsam und im Nichts verschwinden.

      Gefällt 2 Personen

      1. Eigentlich wäre schon 1979 „The Ties That Bind“ herausgekommen, aber Bruce war mal wieder unzufrieden mit dem Gesamtergebnis und ließ die Platte einstampfen. Daraus wurde ein Doppelalbum, das wirklich alle Stücke spielt. Wobei ich anmerken muss , dass ich die Albumversion von „Stolen Car“ nicht annähernd so sehr mag wie die ursprüngliche.

        Liebe Grüße,

        S.

        Gefällt 2 Personen

      2. Liebe Sori, ich bin nicht annähernd ein solcher Springsteen-Kenner wie Du! Aber irgendwo bei „The River“ scheint er eine Grenze überschritten zu haben, spricht nicht mehr ausschliesslich von sich, erzählt die Geschichten anderer. Die sichtbaren Grenzen der USA werden hier zu Grenzen im Inneren: Landschaften der Armut und Depression. Selbst in den Momenten der Resignation gibt es immer wieder dieses heimkehren wollen, zu „My Hometown“ oder „My Fathers House“.

        Gefällt 2 Personen

      3. Lieber hotfox63, es ging nur um die Jahreszahl.
        Selbst wenn ich Bruce viel mehr höre und scheinbar mehr über ihn weiß als Du, bin ich trotzdem nicht in der Lage, so schöne Worte über seine Musik zu finden bzw. das von Dir ausgesuchte Werk so treffend zu formulieren.

        Aber ja, nachdem er in „Darkness On The Edge Of Town“ hauptsächlich den Rechtsstreit mit seinem ehemaligen Manager verarbeitet hat, richtet Bruce Springsteen in „The River“ den Fokus auf das Leben der anderen und auch seiner Mitmenschen. Ich finde, das kommt in „I Wanna Marry You“ so richtig zur Geltung. Ich kann Dir die Dokumentation auf der „The Ties That Bind“-Box nahelegen, vielleicht kann man sie auch auf YouTube sehen.

        Abschließend glaube ich bei ihm oft die Überreste seiner Vorgängeralben auf die nächsten zu finden – in „The River“ hat er mit „Stolen Car“ oder auch „Independence Day“ die Vorarbeiten für das Nachfolgealbum „Nebraska“ geschaffen. Und auf „Born In The U.S.A.“ finden sich Stücke, die im Zuge der „Nebraska“-Aufnahmen entstanden sind.

        Gefällt 2 Personen

      4. Vielen Dank Sori! Mein Blick richtet sich eher auf die frühen Alben von Springsteen. Seit Mitte der 90er Jahre finde ich nicht mehr ganz so fesselnd wie früher, was er komponiert. Aber auch andere Haudegen langweilen öfters mal mit belanglosen Neuaufgüssen… so z.B. Neil Young, Van Morrison oder Bob Dylan… das ist aber alles relativ. Für mich steht Springsteen am Ende doch dort, wo er hingehört: bei den Grössen der amerikanischen Rockmusik. Liebe Grüsse aus Bern

        Gefällt 2 Personen

  1. Hallo ihr beiden,
    wenn mein Weißbier und ich die Bank in der Sonne verlassen haben, werd‘ ich auch noch meinen Senf dazugeben.
    Es ist immerhin einer meiner Gänsehaut-Songs.
    Liebe Grüße aus München
    Natascha

    Gefällt 2 Personen

  2. Lieber Hotfox,

    die Halbe ist geleert, ich bin zurück am Schreibtisch…

    „Independence Day“ ist für mich (die ich ebenfalls keine so dermaßen gute Bruce-Kennerin bin wie Sori) einer seiner persönlichsten Songs. Den Prolog, den du zitierst, kenn‘ ich ebenfalls, die Botschaft halte ich für eine ziemlich gute. Sich neben der eigenen (oder der familiären) Biografie auch mit der Geschichte vertraut zu machen, in deren Kontext diese eingebettet war.

    Ich hab zwar kein Vater-Thema, dafür aber eins mit der Mutter und so waren es für mich stets diese Zeilen, die mich am meisten berührt haben:

    „Now I don’t know what it always was with us
    We chose the words, and yeah, we drew the lines
    There was just no way this house could hold the two of us
    I guess that we were just too much of the same kind“

    Als ich mit 17 von daheim wegging, war der Song einer der wichtigsten Bestandteile des wenigen Gepäcks, das ich mitnahm, mitnehmen konnte. Ein kleiner Retter, oder sogar ein großer, wer weiß das schon so genau. Ist lange her.

    Unabhängig von all dem: Wieder mal ein sehr feiner Text von dir. Danke dafür.

    Schönen Sonntag und viele Grüße in die Schweiz
    Natascha

    Gefällt 1 Person

    1. @Kraulquappe: ??? Du und keine gute Bruce-Kennerin wie ich??? Ich kann mir bei weitem die Texte nicht so gut merken wie Du…

      Also wirklich! Wenn ich Eure Texte über Bruce Springsteen lese, denke ich mir oft ein „Verdammt, warum kann ich so etwas nicht annähernd gut in Worte beschreiben!“.

      Aber das artet bald in Vergleichen aus, dabei ist jede/r von uns doch einzigartig.

      Ganz liebe Grüße nach München und Bern, zwei wunderschöne Städte, die ich gern bald wieder beehren möchte!

      Gefällt 2 Personen

      1. Liebe Sori,
        sagen wir’s doch so: wir ergänzen uns da gut. Du bist viel bewanderter, was die Musik und die Instrumentierung angeht, und ich bin halt das Songbook.
        Und Mr. Hotfox, der ist die ganz große Enzyklopädie, in der Bruce halt unter S wie Springsteen zu finden ist als einer von vielen, erfreulicherweise dort allerdings mit mehreren Unterkapiteln vertreten ist, wie’s scheint. Freu mich schon aufs nächste!
        Ein bajuwarisches Prosit und noch einen schönen Abend für Euch –
        Natascha (aka Jersey Girl 😉 )

        Gefällt 1 Person

      2. Als Bruce Springsteen 1975 das erstemal hierzulande auftauchte, hielt ich ihn für eine jener Dylan-Kopien, deren Endloslyrik nur mühsam vom Refrain aufgefangen wurde. Der West-Side-Story-Touch von „Greetings From Asbury Park“ liess aber etwas anklingen, das mehr als die übliche Singer/Songwriter-Tradition versprach. Erst bei meiner ersten Reise durch die Staaten 1978 habe ich verstanden, was die Geschichte vom unzerstören amerikanischen Traum möglich macht: jeden Morgen mit dem Bewusstsein zu erwachen, jederzeit aufbrechen zu können, ein neues Leben zu beginnen und zugleich zu wissen, immer zu Hause zu sein. Es das Aufrechte und Gläubige von Woody Guthrie und Pete Seeger. Auch bei Springsteen tritt diese Hoffnung immer wieder durch die Hintertür ein. Zwar trägt der Mann inzwischen Narben und hat die jugendliche Unbeschwerbarkeit verloren, aber er meint es ernst, er hat die Kraft. Manchmal habe ich das Gefühl, unser Mann ist einfach ein grosser Schauspieler; jeder Ton von ihm füllt die Klischees mit Leben und Bildern, mit Rührung, Schmerz und Liebe, die er in schöne Geschichten auflöst. „Bruuuuce!“ – Mit Herzlichem Dank nach München und Wien.

        Gefällt 1 Person

  3. Wow, das Bild von Springsteen erinnert mich an Elvis, mein grosses Kindheitsidol. Oder vielleicht brauche ich wirklich eine neue Brille! 🙂

    Was Springsteen anbelangt, so hat der Mann einfach eine tolle Gabe stimmungsvolle Songs zu schreiben – heutzutage vielleicht nicht mehr ganz so ausgepraegt. „Independence Day“ ist schon eine wahre Perle, und von daher ist es eine schoene Idee darueber zu schreiben. Gruss aus Springsteens Heimatstaat New Jersey!

    Gefällt 2 Personen

    1. Springsteen ist tatsächlich einer, in dem sich die Ausstrahlung von Elvis Presley mit der Intensität von Bob Dylan kreuzt. Seine Präsenz ist seit vielen Jahrzehnten dieselbe, als gebe es keine Moden, keine Entwicklung. Nie würde er seine Musik verändern, auf Trends reagieren: unberührt von Punk, New Wave, Synthie-Bands, von HipHop oder Rap, lebt er in einer Parallelwelt. Denkbar höchstens, er kehrt wieder zur akustischen Gitarre zurück.

      Gefällt 1 Person

  4. A song that has stirred up emotions since I first heard it. Bruce was writing some very personal songs back then (always). The thing he always did for me was to hit common ground. I could relate to his words and turn it into my own personal experience. Good choice Fox.

    Gefällt 1 Person

    1. Springsteen’s tumultous relationship with his father is very well known. He speaks about, writes about it and even says he is „thankful“ for it for without it, he wouldn’t have much to write about. It tormented him so much, that he started therapy in 1982. His father was most likely bipolar, an alcoholic, known to beat Bruce, rip the phone from the wall, etc… Never able to keep a job. Springsteen says, In my house, two things were unpopular…me and my guitar. Their relationship improved with separation and his success and his father had a stroke later that improved his personality. They reconciled before he died.

      Gefällt 1 Person

      1. I saw Springsteen twice live. The last time in the middle of the nineties. He always liked to tell stories between the songs. I was impressed that he jumped for two and a half hours like a young dog with his guitar across the stage and then, sweatbathing, announced that there will be now unfortunately a little break until they come back.

        Gefällt 1 Person

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.