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Bob Dylan, Rainy Day Woman No. 12 & 35, 1966

Text/ Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia Records

Ich glaube nicht, dass es einen bestimmten Typus von Frauen in Dylans Songs gibt, nicht einmal so etwas wie eine prinzipielle Typologie. Es gibt eben jede Menge Frauen in seinen Songs, aber sie sind verschieden; oder sie sind das, was der Sänger im Song gerade braucht. Es gibt die, die bleiben sollen, die, die weggehen sollen, die, die zufällig da sind und die, die begehrt werden, weil es sie gibt, das heisst: weil sie vorkommen, wenn Dylan gerade einen Text schreibt.

Der Song „Rainy Day Woman No. 12 & 35“ führt das alles kompromiert vor und parodiert es gleichzeitig. Ein Reigen der „Frauen, die einem alles vermiesen“. Man hört eine Karnevalsmusik: Pauke und Clownsposaune vornweg. Generalanklage gegen „die grosse Steinigerin Frau“. Narrenschellen und Honky-Tonk-Klavier vor einem Background juchzender Kneipengeräusche. Aah-bah-da-da: “ Sie meckern, wenn du jung bist, Sie meckern, wenn du schön bist, es passt nicht, wenn du allein bist, auch nicht, wenn du zu zweit bist, es ist falsch, wenn du dich setzt, und es ist falsch, wenn du aufstehst, sie hauen dich in die Pfanne, wenn du pleite bist, und wenn du ein paar Dollar machst. Sie steinigen dich beim Frühstück, sie steinigen dich, wenn du wegläufst und wenn du wieder da bist. Und ebenso, wenn du Auto fährst, wenn du deine Gitarre spielst, und wenn sie dich verlassen (und dann doch wiederkommen). Sie steinigen dich und sagen, das war’s jetzt, dann fangen sie wieder von vorn an, und loben dich, wie toll du alles aushälst. Sie steinigen dich noch, wenn sie dich in die Grube runterlassen.“

Entscheidend aber ist die Musik: ein ausgelassener Festzug, eine American Parade of „Rainy Day Woman“. Die biblische Strafe des Steiniges wird dabei verkehrt ins Gegenteil durch den Refrain:“Everybody must get stoned…“ ob durch Alltagsqualen oder durch einen Joint, muss der Hörer selbst entscheiden. So sind die Frauen des Songs weder die Frau im allgemeinen noch Dylans Frauen biografisch, sie sind eine der Versionen des Karnevals der Erscheinungen, der auch sonst besungen wird.

12 Gedanken zu “

    1. Danke! Natürlich bedeutet „get stoned“ auch „sich zudröhnen“, „sich zusaufen“. Übrigens war diese zweite Bedeutung der Grund, warum Dylan’s Single als „Drogensong“ auf den Index kam.

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  1. Ich neige dazu, selbst auf meinen lieblingsplatten gewisse Songs auszusparen, so Dylans Rainy day women auf blonde on blonde. Gar nicht genug bekommen konnte ich von dem Opener When you go your way I’ll go mine. Was für eine Ansage und was für ein Sturm von einem Song.

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    1. Möglicherweise haben wir nicht dieselbe Ausgabe, aber für mich ist der Opener von „Blonde On Blonde“ immer noch „Rainy Day Woman No. 12 & 35“. Der Witz des Songs liegt ja darin, dass der Sänger sich damit tröstet, dass es nicht schlimm ist, dass man gesteinigt wird, denn das muss – irgend wann einmal – jeder erfahren und ertragen. „Everybody must get stoned“.

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      1. Da es sich um ein Doppel-Album handelt, bezeichne ich mit Opener einfach das erste Stück einer der beiden Platten.

        Ich bin immer wieder überrascht, wie unterschiedlich Menschen die Musik hören, die sie gemeinsam lieben. Rainy day Woman etwa gibt mir (musikalisch) gar nichts, auch wenn der Text große Klasse ist. Sad Eyed Lady of the Lowlands dagegen haben wir früher bei Kerzenschein und ungemütlich fetten Haschischpfeifen abgefeiert. …With your mercury mouth in the missionary times,
        And your eyes like smoke and …

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      2. „Sad-Eyed Lady Of The Lowlands“ ist natürlich ein „Special Song“, schon allein deswegen, weil er auf dem Doppel-Album „Blonde On Blonde“ eine der vier Plattenseiten einnimmt. Dylan hat zwar gesagt, er hätte diesen Song für seine spätere Frau Sara Lowndes geschrieben; 1964 im Chelsea Hotel in New York; er behauptet dies allerdings elf Jahre später, – als Sara gerade dabei war, sich von ihm zu trennen – in einem anderen Song „Sara“ auf der LP „Desire“. Aber was bedeutet schon so eine Aussage: Chelsea Hotel ist ein mythischer Dylan-Ort, ein Dylan-Thomas-Ort, von dem Bob Dylan seinen Namen hat. Dylan Thomas ging von hier aus auf seine letzte Sauftour.

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  2. I love Dylan. Blowing in the Wind. Shelter from the Storm. Like a Rolling Stone. Lay Lady Lay. There are so many. But I never really cared for Rainy Day Women. I never bothered to intellectually break down the song, I’m ashamed to admit. Thanks for enlightening me.

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    1. This song was pretty funny in the mid-sixties and had also a very special hype. Especially as „Rainy Day Woman“ – usually a term for women who come to the turn when no other is there – was in that the time also the name for smoking marijuana. But to make such a song, which puts the whole thing in a carnival atmosphere, in which everyone laughs with amusement, is then again a very special trick and a brilliant break.

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