Jimi Hendrix, Are You Experienced, 1967

Produzent/ Chas Chandler

Label/ Reprise

Kein Rockmusiker vor ihm hatte ein derart körperliches Verhältnis zu seinem Instrument. Jimi Hendrix streichelte die Saiten der Gitarre mit seinen virtuosen Fingern, und er traktierte sie mit der Zunge und den Zähnen. Er entlockte ihr ekstatische Heul-, Dröhn- und Schnurrlaute und hob die Rockmusik damit auf das Niveau kunstvollen Improvisierens. Wenn er die Gitarre in Anfällen wilder Rage in Brand setzte oder auf dem Bühnenboden zertrümmerte, stand der US-Musiker exemplarisch für das Aufbegehren einer ganzen Generation.

Am 12. Mai 1967 erschien Jimi’s Debütalbum „Are You Experienced“. Das Album gilt noch heute als eines der grossartigsten Debüts aller Zeiten. Auf der neu gemasterten Ausgabe von 1997 sind auch die drei Singles „Purple Haze“, sein erster Hit „Hey Joe“ und „Wind Cries Mary“ und ihre B-Seiten mit ihm Paket. Diese Lieder sind unvermindert aufregende und mitreissende Perlen der Rockgeschichte. Doch auch auf der Original-LP gibt es keine Schwachstellen. Das frenetische „Manic Depression“ und das melancholische „I Don’t Live today“ kommen aus den Tiefen der Verzeiflung – beiden scheinen Jimis kometenartige Laufbahm vorauszuahnen. Auf der ausgedehnten Tour de Force „Third Stone From The Sun“ bricht eine psychdelische Tonwelt in die verzerrten Vocals ein. „Are You Experienced?“ stellt die Grundfrage der Hippies vor rückwärts abgespieltem Schlagzeug und peitschenden Gitarrenfetzen, der fesselnde Blues „Red House“ enthüllt Jimis umfassendes Verständnis der Form als Grundlage seiner faszinierenden Kunst. Nicht nur für die damalige Zeit ist diese Musik grossartig, auch nach all den Jahren hat dieses Album nichts von seiner knisternden Spannung verloren.

32 Gedanken zu “

  1. „körperliches Verhältnis“ ist gut…- und den Moment, als ich an seinem Grab stand, vergesse ich nie! Es lagen keine Blumen herum, sondern ein paar wettergegerbte farbige Gitarrensaiten…
    Gruß von Sonja

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    1. Danke! Schöne Erinnerung. Ich hätte ihm noch ein paar Blumen gewünscht. Hendrix faszinierte ja durch die zwiespältigen Facetten seiner Persönlichkeit. Auf der Bühne war er wild bis zur Ekstase. Daneben gab es den privaten, in sich gekehrten Hendrix.

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    1. Die beiden ersten, unter der Produktion von Chas Candler entstandenen Alben der Jimi Hendrix Experience gefallen mir am besten. Beim Ausflug ins Land der elektrischen Damen hatte ich etwas Mühe mit der häufigen Überlänge des sogenannten Director’s Cut.

      Noddy Holder hat sich bekanntlich 1991 von Slade getrennt, die bis heute als Slade II auftreten. Vielleicht wäre heute Hendrix mit ihnen auf einer „Golden-Oldies-Tournee“. Aber da Jimi an die Wiedergeburt glaubte, wird er sich wohl sehr genau überlegen, wann er wieder einen Fuss in diesen Teil des Universums setzt.

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      1. Die „E.Ladyland“ hör ich als Gesamtkunstwerk alle 5 Jahre einmal (ungefähr). Mir die liebste ist die „first rays of the new rising sun“. Der Kult, das Vermächtnisalbum, including Jugendhit „Angel“ – die hat so was besonderes, ohne dass ich das genau benennen könnte, was das ist. Was an seinen Platten generell fetzt, ist dieser urwüchsige Stereosound mit den krass getrennten Kanälen. Ich mag das sehr.
        Die erste LP von ihm, die jemals hörte war, die „Band of gypsies“. Schrecklich, weil es 81 oder 82 passierte, mitten in der NDW, als ich auf fiese Textbotschaften stand und mir der alte Hippie-Kram sowas von angestaubt erschien …. tja,ja, die saisonalen Vorlieben… inzwischen weiß ich auch dieses Album zu schätzen, wenngleich ich es nicht haben muss.Generell finde ich auf allen seinen Alben reichlich Graupen, die nicht sein müssten und dazwischen halt dann die Juwelen.

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      2. Natürlich hat es auf „Electric Ladyland“ gute Sachen, auch wenn das Album für meinen Geschmack nach „ Are You Experienced“ und „Axis: Bold As Love“ einzustufen ist. „Vodoo Chile (Slight Return)“ und „All Along The Watchtower“ sind zwei Hendrix Klassiker schlechthin. Bei „Band Of Gypsys“ hat sicher der Schlagzeuger Buddy Miles den Unterschied zur Jimi Hendrix Experience ausgemacht. Sein Stil ist anders als der von Mitch Mitchell. „Machine Gun“ ist zweifellos beeindruckend, aber ich habe mit der Platte beim besten Willen nie viel anfangen können…

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  2. The phrase I hear a lot is…to really get Hendrix you had to see him live…not film or record. I still get enough of Hendrix to be a huge fan though.

    People try to copy his style…some can get the tone but they never succeed like they do when copying other musicians…it’s almost impossible to emulate him…I would put Moon in that category also.

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    1. I’ve never seen Jimi Hendrix live either. He played May 1968 at the „Monster Concert“ in Zurich (together with Eric Burdon, Traffic and John Mayall). Back then, the concert was considered as a nightmare for the bourgeoisie authority and as a 15-year-old high school student, there was no way for me to go there. But as you said, Jimi’s music is ubiquitous. He still is one of the best guitarists in the world.

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      1. I had an high school graphic arts teacher that saw him live in Memphis when he went to college. We would ask that man to describe that event again and again for years.
        Yes he is…

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    1. Ja, das Original war in Mono. Das Album wurde 1997 unter der Leitung des damaligen Tontechnikers Eddie Kramer neu gemastert und um – wie bereits erwähnt – drei Singles und ihre B-Seiten erweitert.

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  3. It is an amazing album; the best of his career, I think. The Wind Cries Mary…oh my gosh!…the beautiful, otherworldly chord progression…it’s a work of art, no doubt. And yes, Red House, is totally Blues, apologetically Blues and, yet, it is undoubtedly, Jimi Hendrix Blues. When Hendrix plays the Blues, he owns them. All that said, to me, there are two Hendrix’s. I do not personally care for The Third Stone From the Sun, Hendrix…all the feedback and distortion. I like trimmings of that sound interwoven with the unorthodox but stunningly melodic runs like in All Along the Watchtower.

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    1. With his ingeniously creative mixture of rock, blues, soul and jazz, Jimi Hendrix created a completely new sound. His touch, phrasing, and tonality on electric guitar has never been duplicated. Sure, some songs on „Are You Experienced“ may be dated, but a lot is timeless: „Purple Haze“, „Red House“, „Foxy Lady“ and the beautiful „The Wind Cries Mary“ to name a few. But also „Manic Depression,“ „Love Or Confusion,“ and „I Don’t Live Today“ are excellent.

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  4. Meine erste Hendrix Platte war eine der Serie „Star-Schnitt“ (hab vergessen, wer das aufgelegt hat, vielleicht Polydor). Auf jeden Fall war alles Wichtige schon dabei auf zwei Alben… Ich war 1973 16 Jahre alt und mein 19 jähriger Cousin aus Amerika war genervt, weil er in meinem Zimmer schlafen musste, und ich immer wieder diese Scheibe spielte. Für mich war Hendrix damals wie ein Gott, der uns zeigte, wie Musik geht – ich hab diese und alle anderen Alben gehabt und ad nauseam gespielt und sie nie satt gehabt. Etwas, das mir danach nur ganz selten passierte. Auf die Gefahr hin, das ich es schon einmal erwähnte: Mein Lieblingssong aller Zeiten ist „If Six was Nine“, der auch im Easy Rider Soundtrack eine Rolle spielte. Es ist mir klar, daß jede Menge Gitarristen nicht nur seinen Stil vereinnahmt, sondern auch noch stromlinienförmiger gemacht haben, aber für mich bleibt das Original unerreicht, nicht weil es Hendrix ist, sondern wegen seiner Einzigartigkeit bei jedem Song.

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    1. Danke, Alex! Die Jimi Hendrix Platte aus der Serie „Starschnitt“ kenne ich nicht, aber ich kann mich erinnern, wie seine Songs auf mich als Zuhörer wirkten. Das, was viele am Anfang des Hendrix-Hörens als „Brutalität“ empfanden, zeigte sich plötzlich als Wärme, wenn man beim Hören von Hendrix-Platten die Lautstärke heraufdrehte. Wir waren damals bekifft und vom Glauben an die bewusstseinerweiternde Kraft der Rockmusik beseelt. Diese Verwirbelung mentaler Bilder durch Farben, Formen und Klänge galt als Versprechen neuer Freiheit. Man träumte den Traum vom Regenbogen als Brücke in die Zukunft.

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      1. „Man träumte den Traum vom Regenbogen als Brücke in die Zukunft.“ Habe ich gerade zum Satz des Tages auserwählt … 😉 Wie immer ein ausgezeichneter Beitrag, ganz nebenbei ! 🙂

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      2. Danke! Er war natürlich sehr cool, dieser Hendrix. Er hatte krauses Haar, das wie ein struppiger Heiligenschein von seinem Kopf abstand, und er hatte ein langsames Grinsen und sprach unheimlich gedehnt.

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      3. Nein, war ich nicht. Als 14jähriger wäre gerne an dem „Monsterkonzert vom 30. und 31. Mai 1968 in Zürich dabei gewesen. Das Line-up war gewaltig: John Mayall, Eric Burdon, Traffic, The Move und als Highlight Jimi Hendrix. Aber damals war die elterliche Autorität noch stärker, als meine Auflehnung.

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  5. Hendrix is usually ranked at the top of rock journalist’s lists of the greatest guitarists of all time. You are right about his relationship with his instrument. His guitar was a part of him. (Or was he a part of it?)

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    1. Hendrix was probably the most expressive electric guitarist. He mastered the tonal and emotional nuances best and had the greatest imagination. And even many years after his death, you can hardly avoid Hendrix if you are interested in the electric guitar.

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