Bruce Springsteen, The Ghost Of Tom Joad, 1995

Text/Musik/ Bruce Springsteen

Produzent/ Bruce Springsteen, Chuck Plotkin

Label/ Columbia Records

Fast 4’000 Kilometer lang, von Chicago bis nach Los Angeles – das ist die berühmte Route 66. Eine der ersten durchgehenden Strassenverbindungen vom amerikanischen Osten in den Westen. Heute ein Touristenmagnet. In Wirklichkeit aber eine Strasse, die viele schlimme Schicksale erlebt hat. Grund genug für Bruce Springsteen, über so ein Schicksal einen Song zu machen: The Ghost of Tom Joad.

Tom Joad, Titelheld von Springsteens Song, stammt genau genommen aus dem Roman „Früchte des Zorns“ von John Steinbeck. Ein Buch über die Ungerechtigkeiten in der Welt, eines über Ausbeutung, über Anfeindungen und über den nackten Kampf ums Überleben. Der krasse Gegensatz dazu: Menschen, die immer reicher werden. Der Hintergrund des Romans ist schnell erzählt: In den 1930er Jahren werden Teile der USA von einer entsetzlichen Dürre heimgesucht. Die kleinen Farmer verarmen, werden von Grossgrundbesitzern vertrieben. Zu Hunderttausenden wandern sie über die Route 66 Richtung Westen, bei Steinbeck auch die Familie Joad. Doch statt gut bezahlter Arbeit finden sie Ausbeutung und Hass, landen in einem Auffanglager. Dort wird ein befreundeter Wanderprediger ermordet. Um ihn zu rächen, wird Tom Joad selbst zum Mörder. Nun muss er seine Familie schützen und trennt sich von ihr.

Ein Thema ganz nach Springsteens Geschmack. Obwohl damals zwar schon längst an der Schwelle zum ganz grossen Erfolg angelangt, galt der Mann aus New Jersey immer noch als Vertreter der amerikanischen Unterschicht, der die Ängste, die Desillusionierung und die die Hoffnung der Arbeiterklasse artikuliert.

Der Song über Tom Joad ist fast schon ein wenig zu melodisch und schön. Fast schon prophetischer Sozialkitsch, wenn man die Arbeitslosen und Flüchtlinge heutzutage sieht. Aber das Herz rühren tut er. Und das macht den Song zu einem guten…

31 Gedanken zu “

  1. Im Januar 1997 sah ich die Ghost of Tom Joad Tour in Tokio.
    Bruce Springsteen Es war eine Bühne, auf der nur eine Person spielte.
    Dies ist das letzte Mal, dass er nach Japan gekommen ist.

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    1. Springsteen hätte ich auch gerne einmal live gehört, nur begleitet von einer akustischen Gitarre, einem Klavier und einer gelegentlichen Mundharmonika. Heute denke ich, er war dann am besten, wenn er fremde Rollen ausprobierte wie z.B. „ auf „The Ghost of Tom Joad“ oder „Nebraska“.

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  2. Bruce Springsteen sagt mir seit „Darkness At The Edge Of Town“ eigentlich nichts mehr, bei „Born In The U.S.A schalte ich sogar das Radio aus, weil mir der Song musikalisch mächtig auf’s Horn geht, weil es unglaublich stupide ist, auch wenn der Text eine gewisse Aussagekraft hat.

    Will sagen, B.S. hat sein musikalisches Pulver recht früh verschossen, worauf hin er unsagbar populär für die Massen wurde.

    Und ich meckere hier nur so ‚rum, weil ich ihn zu Anfang so unglaublich gut fand.

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    1. Ich stimme Dir zu; die letzten Alben von Springsteen klingen eintönig. Lyrisch hat Springsteen zwar immer noch etwas zu bieten, aber er ruiniert seine Lieder mit den Arrangements. Das letzte gute Album von ihm ist für mich „The Ghost Of Tom Joad“. Hier macht er das, was er damals schon auf „Nebraska“ machte; tiefgründige und stimmungsvolle Songs unterlegt von ruhigen Gitarrenklängen und gelegentlichem Mundharmonikaspiel. Springsteen erzählt in diesen Liedern etwa das Gegenteil von dem, was ein Donald Trump in den letzten vier Jahren als Präsident der USA ausgesprochen hat.

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  3. Über die „Born in the USA“ war ich damals auch erschrocken: Was sollte denn dieser Rummelbums-Knüppel-offm-Kopp-Sound?! Textinhalte hin oder her – die beiden ruhigeren „Hometown“ und „Im on fire“ ausgenommen.

    „Früchte des Zorns“ = ein Roman über die Ungerechtigkeit der Welt? Nö. Über Volksbeschiss in den USA: Großgrundbesitzer enteignen kleine Farmer, indem sie ihnen ihre Flächen für’n Appel und n Ei als Konkursmasse abkaufen, um diese riesigen Monokulturen zu erzeugen, die mit großen Maschinen rentabel gepflanzt und geerntet werden können. Den Landlosen wird erzählt: Kalifornien sucht Orangenpflücker. Kalifornien aber braucht keine und erstickt in Zuwanderungsmassen, daher das Elend dort. Es ist die Geburtsstunde der Fly-over-States. Des heutigen Zustandes.

    Springsteen hat sich mit Nebraska an das Thema Elend herangepirscht, mit Tom Joad gesteigert und kam folgerichtig bei den Pete Seger-Sessions raus.( Aber seit 2013 hör ich keinen Springsteen mehr. Seine Leipzigkrawallkade – Konzert konnte man das nicht nennen – hab ich ihm echt übel genommen.)

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    1. Möglicherweise haderte Springsteen mit dieser Diskrepanz zwischen seinem lautstarken Stadion-Rock und der Schwierigkeit in dieser Form auch persönliche Erfahrungen einzubringen. Gerade weil „The Ghost Of Tom Joad“ äusserst reduziert instrumentiert ist, ist er hier frei von dem Groove-Druck, den ein Rocksong so mit sich bringt. Die Texte sind zwar inspiriert von John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“, werden allerdings auf gegenwärtige Themen – wie das Elend mexikanischer Einwanderer – projiziert. Ich würde sagen: mehr ein Album für besondere Stunden, aber sehr schön, wenn man sich darauf einlässt.

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  4. In den Siebzigern hab ich Springsteen über die Manfred Mann Covers kennengelernt. Seitdem meine ich, daß er, wie Dylan, eher besser als Songwriter denn als Musiker geeignet ist. Er hat eine exzellente Band, aber sie spielen immer nur diesen mittelmässigen Poprock – frustrierend!

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    1. Danke! Die Cover-Version von „Blinded By The Light“ von Manfred Mann’s Earth Band ist gelungen. Es ist natürlich schade, dass sich Springsteen nicht auf seine Stärke als Songschreiber konzentriert. Die letzten Alben von ihm finde ich auch ziemlich missglückt, d.h. monumental und hässlich.

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  5. I saw Springsteen on that acoustic tour…it was really good. After Tunnel of Love I haven’t paid as much attention but I did to this album. My favorite album by him is…his debut album. I love the free flowing lyrics and the minimalist backing.

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    1. „Greetings from Asbury Park, N.J.“ isn’t my favorite Springsteen album but it has a raw, timeless feeling that you may miss on his later albums. “The Ghost Of Tom Joad” is together with „Nebraska“ probably his most minimalistic and quietest album. Twelve songs about the losers of the American dream, about illegal immigrants, the homeless, the disappointed. Springsteen shows here his songwriting qualities. Certainly not an album for every mood, but good if you like to sit down, listen and let yourself go.

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    1. Thanks Bumba, nice home recording! Yep, Springsteen song is inspired by Woody’s „The Ballad of Tom Joad“, as well as the original source of the character: John Steinbeck’s novel „The Grapes of Wrath“.

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      1. The novel is great. The movie by John Ford with Henry Fonda and Jane Darnell is one of Hollywood’s best ever. Woody said he wrote the song for the people who couldn’t afford the movie or read the book.

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      2. „Grapes Of Wrath“ is very moving book. I particularly liked the fact that Steinbeck doesn’t accuse but just tells, that’s enough to send you on a terrifying but also in a certain way enchanting journey. But I don’t know if John Steinbeck was so happy that Woody Guthrie got the novel down in 13 verses.

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      3. If you’d asked me about a great American novel a few decades ago, I would have say „On The Road“ by Jack Kerouac. It’s one of the few books that changed my life. Today I look rather melancholy at the literary subculture of the beat generation. John Steinbeck’s „Grapes Of Wrath“ is also a classic. But the current question probably remains, how do you meet people who are trying to escape into a better life.

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      4. Yes, the Beat Generation and the sixties may not stand the test of time. Still, a lot of great American writers. As for kindred spirits, everyone is looking.

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  6. I have always enjoyed connections between rock music and classical literature. The grapes of wrath is one of my favorite novels ever. Springsteen grew up in a fairly poor family. Now he probably owns mansions on multiple continents. Let’s hope he remembers where he came from.

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    1. The idea of a united America was always important to Springsteen. Perhaps he was actually naivete. In any case, he is a musician without ironic distance, one who tried to put his biography into songs or at least pretended to be. For me he is best when he tries out other roles, like on „Nebraska“ or „The Ghost of Tom Joad“.

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    1. Danke für den Link, Herr Ärmel! Denselben Link aus dem Madison Square Garden habe ich bereits oben in den Kommentaren an cincinnatibabyhead verschickt. Anyway: Sehr gute Live-Version. Hier stimmt einfach alles. Länge, Solis, Bruce Springsteen und Tom Morello im Duett.

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