Joni Mitchell, Amelia, 1976

Text/Musik/ Joni Mitchell

Produzent/ Joni Mitchell

Label/ Asylum Records

Amelia Mary Earheart, geboren in Atchison in Kansas, Jahrgang 1898, Lehrerin, Krankenschwester während des 1. Weltkriegs, 1918 als Zwanzigjährige gegen den Willen ihrer Familie zur Pilotin brevetiert, überquert am 20. Mai 1932 als erste Frau alleine den Atlantik. Unternimmt weitere Alleinflüge über die USA und den Pazifik. Arbeitet in den dreissiger Jahren als Linienpilotin zwischen New York und Washington. Im März 1937 setzt sie zur Weltumquerung an. Ein erster Versuch scheitert wegen Flugzeugbrandes in Hawaii. Der zweite beginnt am 20. Mai in Miami und führt über Brasilien, Westafrika, Kalkutta und Rangoon nach Neuguinea. Am 2. Juli 1937 startet die zweimotorige Lookhead mit vollen Tanks zur gefährlichsten Etappe, einem Nonstop-Flug nach der kleinen Insel Howland nördlich von Samoa. Zwanzig Stunden später fangen britische und amerikanische Schiffe SOS-Signale auf, in denen von Treibstoffmangel die Rede ist. Kurz danach verschwindet das Flugzeug über dem Südpazifik. Trotz wochenlanger Grossfahndung mit 64 Flugzeugen und 8 Kriegsschiffen in den Gewässern des Stillen Ozeans bleiben Flugzeug und Besatzung verschwunden. Amelia Earheart ist 39 Jahre alt geworden.

Im November 1976 erscheint „Hejira“, Joni Mitchells neuntes Album, und bis heute eines ihrer besten. Kernstück der Platte, die selbst das Reisen zum Thema hat und mythisch überhöht, ist der Song „Amelia“, der den Flug der Pilotin mit einer Autofahrt der Sängerin durch die Wüste Nevadas gleichschaltet. Über der Wüste sieht Joni Mitchell Düsenflugzeuge am Himmel, sie hinterlassen sechs Kondensstreifen, lang und schmal wie die Saiten einer Gitarre. Sie denkt an Amelia, ihren Traum vom Fliegen und überlegt, was das mit ihr zu tun hat.

Mitchells Gitarrenspiel rankt sich um die gedehnten Bassläufe von Jaco Pastorius. Statt eines Schlagzeugs spielt Victor Feldman sein verhülltes Vibraphon, Larry Carlton dekoriert das Stück mit seinen Gitarrenfiguren. Auch die Stimme klingt entrückt. Von der ersten Strophe an hängt das Stück zwischen Himmel und Erde, in der zweiten wird das Dröhnen der Fluzeuge von den Arpeggien der Gitarre kommentiert. Die Musik hat etwas Flächiges und Mobiles zugleich. Die Sängerin im Himmel über der Wüste, die Fliegerin zwischen Himmel und Meer, vom Horizont verschluckt, spurlos und verschwunden.

16 Gedanken zu “

  1. Wegen der LP hier und wegen „Don Juans reckless daughter“ glaubte ich mal kurzzeitig Fan werden zu können. Aber mit jeder weiteren LP, die ich kennenlernte, wurde das Thema JM irgendwie langweiliger. Ihre folkigen Gitarrenrupfalben klangen alle so gleiiiiiich… gähn. Schade eigentlich.

    Und die Story hinter Amelia kannte ich bis jetzt nicht. Die ist ja auch hochinteressant. Danke.

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    1. „There’s comfort in melancholy – when there’s no need to explain – it’s just as natural as the weather in this moody sky today“. „Hejira“ ist ein Album, die ich immer wieder gerne höre. Neben „Amelia“ gefällt mir besonders „Furry Sings The Blues“ mit Neil Young an der Mundharmonika. Joni Mitchell hat eine grosse Vielfalt in ihrer Musik und hat viel experimentiert. Sie hat gezeigt, dass man auch als Frau in der Männerwelt der Rockmusik brillieren kann mit hohen Ansprüchen.

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  2. Die Amelia-Geschichte kannte ich nicht. Joni Mitchell hat mich gerade in den Jahren, aus denen auch dieses Album stammt, sehr beeindruckt. Dabei geht es nicht einmal so sehr um ihren Gesang, sondern auch um die Kompositionen und die hervorragenden Musiker, mit denen sie arbeitete.

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    1. Joni Mitchell ist eine Ausnahmekünstlerin, die alles auf ihre eigene Art gemacht hat. Zu ihrem besonderen Sound gehören auch die vielen verschiedenen, offenen Gitarrenstimmungen. Obwohl es auf dem Album „Hejira“ sehr viele Jazz-Elemente gibt (wunderbar Jaco Pastorius auf dem Fretlessbass), ist jedes Lied auf und für die Gitarre geschrieben worden. „Amelia“ bleibt für mich ein Meisterwerk, unglaublich einnehmend und nicht endend wollend, musikalisch ausgereift und philosophisch durchdrungen.

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  3. Danke für die Geschichte von Amelia, deren Ende ich auch noch nicht kannte. Ein phantastisches Album, das erste, das ich je von Joni Mitchell gehört habe ohne dass ich ihren Namen kannte. Ich war sofort gefangen von der entspannten Stimmung, diesem langsamen Dahinfließen, das ja auch textlich gespiegelt wird im On the Road Unterwegssein. Dann diese so klare und doch warme Stimme, wo man jedes Wort verstehen kann, wenn man will. Es war wie ein Zauber damals, ich konnte nicht nicht Hinhören, war völlig becirct. Ich war übrigens allein im Raum allerdings in einem fremden Haus. Und Jaco Pastorius kräftig schwingender E-Bass plus Joni’s luzides Gitarrenspiel. Ein ganz großes Wunder.

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    1. Was mich an Joni Mitchell fasziniert, ist das Narrative, die längeren Erzählstrukturen, die sie in einen harmonisch-melodischen Zusammenhang mit der Musik bringt. Diese Verbindung ist ihr auf mehreren Alben sehr gut gelungen und sie hat dafür auch immer wieder musikalisches Neuland erkundet. Auf „Hejira“ ist Joni Mitchell kompositorisch und stimmlich in Hochform. Der Bass von Jaco Pastorius, die Intensität der Songs sind Legende.

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      1. Eine kleine Anmerkung, will nicht besserwisserisch sein aber ich habe mir das Lied gerade nochmal angehört, einen Bass habe ich da nicht gehört, insbes. nicht den E-Bass von Jaco Pastorius, der ja wirklich unüberhörbar bouncy ist. Er steht auch nicht in den Liner Notes von Amelia. Stattdessen neben dem Vibraphon und Joni’s Rhythmusgitarre eine jaulende Gitarre, die sich sehr nach pedal steel anhört. Das muss wohl Larry Carlton an der Leadgitarre sein, oder ist das ein 3. ungenannter Gitarrist?

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      2. Da hast Du recht: Jaco Pastorius spielt Bass auf „Coyote“, „Hejira“, „Black Crow“ und „Refuge Of The Roads. In den Linernotes zu dem Album steht neben Joni Mitchell nur Larry Carlton an der Gitarre. Auf „Amelia“ spielt Joni die Gitarre in einer offenen CGCEGC-Stimmung. Die Akkorde, die die daraus entstanden sind, nannte sie „Chords of inquiry“, fragende Akkorde.

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  4. There is a music magazine from Britain you may know called Q. Alas, it is going out of business and I just picked up the final copy. It is a „best of“ issue and includes a 1988 interview with Mitchell. It’s interesting because she talks about ‚Furry‘ and how she inadvertenly offended him by saying she plays in open tunings like he does (or did). In any event, I don’t know this album all that well and so while I am in a Joni mode I’ll give it a spin.

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    1. Thanks Jim! For me is „Hejira“ a record for the dark season. Joni Mitchell has the appropriate melancholy of someone who has seen a lot in life and is now reflecting on it. I’ve heard some things about „Furry Sings The Blues“, including that Furry Lewis didn’t liked the song. However, I like „Hejira“ and I’ve listened to the album over and over again over the past few decades.

      Joni Mitchell is now 77 years. She recently released a five CD long retrospective. Interesting how she developed her style, from the popular folk songs of that time to her later jazz compositions. A lot of material for historians and completists: https://www.youtube.com/watch?v=gQ474qQoRIw

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    1. Yep, this one of Joni Mitchell’s finest. The songs and the voice are unique. The lyrics portray a dreamy journey across America and adventures of the road. „A prisoner of the white lines on the freeway“. I also like the artwork of the cover.

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