Bob Dylan, Together Through Life, 2009

Produzent/ Jack Frost

Label/ Columbia

Es gibt da diesen Satz von Dylan: „When asked to give your real name, never give it.“ Dylan war da ziemlich konsequent. Und genau wenn man meint, der mürrische alte Mann habe die Zeitgenossenschaft endgültig aufgekündet, ist Dylan plötzlich wieder mal ein anderer. Ein aufgeräumter Zeitgenosse. Bei seinem 46. Album „Together Trough Life“ hat er die Texte zusammen mit dem Grateful-Dead-Songschreiber Robert Hunter geschrieben. Im Vergleich zum Vorgängeralbum „Modern Times“ liegt der Fokus eher auf der Selbstreflexion, auf zurückhaltender Betrachtung als dezenter Kommentierung.

Auch musikalisch tut sich allerhand. Da ist das Akkordeon von David Hidalgo (Los Lobos) zum Beispiel, das stoisch und unbeirrbar immer wieder auftaucht, Tex-Mex-Gitarren, Gypsy-Blues, Musik wie kurz nach dem Urknall des Rock’n’Roll. Dylan schwitzt in der Sonne Mexikos, schlägt nach Fliegen und trinkt Tequila. Man kann es entspannt, sommerlich, leicht nennen. Erst recht, wenn man im Roadtrip von „If You Ever Go To Houston“ durch die Vereinigten Staaten reist. Allein diese Geschichte erzählt das Coverfoto von Bruce Davidson, der für die Magnum-Serie „Brooklyn Gang“ vor 60 Jahren jenes küssende Pärchen auf dem Autorücksitz festhielt. Träumerisch, verklärt. Gibt es etwas schöneres als Fernweh?

Die grosse Gitarre im Ende von „Beyond Here Lies Nothin'“ weiss ebenfalls davon zu berichten. Sie zerreisst die flirrende Luft, beisst sich durch den walzenden Blues und widersetzt sich Dylans Idee: „Nothin‘ done / And nothin‘ said.“ Es ist zum Heulen schön. Genauso wie das zärtliche „Life Is Hard“. Man schmeckt die trockene Luft, man steht im eigenen Schweiss, lüftet seinen Hut, dreht die nächste Kippe. Und hört dem alten Mann zu wie er in „I Feel A Change Comin‘ On“ singt, dass Träume nie etwas bewirkt hätten. Der grosse Tag sei fast vorüber. Nur die Reichen mehren ihr Vermögen. Er höre lieber Billy Joe Shaver und lese James Joyce.  Am Schluss grüsst er noch mit „It’s All Good“. Natürlich ist nichts gut, ausser Musik und Laune. „Big politicians telling lies“, sagt Dylan. Er auch. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass seine Songs tatsächlich trösten.

13 Gedanken zu “

    1. Natürlich ist Dylan altersmilde, aber er hat ein gutes Gespür für Welt und Geist. Das unterscheidet ihn von anderen singenden Patrioten und Protestler, die sich zu Weltstars empor gearbeitet haben.

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    1. I love this album, especially the use of the accordion. Yes, Dylan stays relevant even after all these years. His craft just keeps on expanding into new spaces. Nobody can paint word images like Dylan.

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  1. Mit “Rough and Rowdy Ways” ist Dylan nach vielen Jahren von Gleichgültigkeit wieder auf meinem Radar erschienen. Zwar sind Meisterwerke wie “Highway 61 Revisited”, “Blonde on Blonde” und “Blood on the Tracks” wohl definitive Vergangenheit; gleichwohl kann der Maestro nach wie vor beeindrucken!

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    1. Mit Dylan wird es nie langweilig. Auch ich bevorzuge die frühen Alben wie „Highway 61 Revisted“ oder „Blonde On Blonde“, aber der Mann ist inzwischen einen langen Weg gegangen und sich doch treu geblieben. Kaum einer hat so wie er die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden.

      „Together Trough Life“ bekommt durch das Akkordeon von David Hidalgo ein unvergleichliches Flair, das mich an des Meisterwerk „Desire“ erinnert, auf dem Scarlet Rivera den Songs mit ihrer Geige etwas Gipsy-Romantik verpasst.

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    1. „Together Through Life“ is a good album, but I needed a few listening to found that out. Many tracks are accordion-dominated, this has a exotic flair like on „Desire“ with the violin. The fact that Rock’n’Roll is always first and foremost a circus, you can also see in Scorsese’s „Rolling Thunder Revue“ movie.

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