M/A/R/R/S, Pump Up The Volume, 1987

Produzent/ John Fryer, Martyn Young

Label/ 4-AD

„This has to be the greatest record of the year“ verkündet eine Stimme zu Beginn des Stücks und das ist als Mengenangabe zu verstehen. „Pump Up The Volume“ setzt sich aus dreissig gesampelten Song-Fetzen zusammen. Dass diese kaum mehr zu erkennen sind, gehört zur kreativen Leistung des Stücks. Auch die Gruppe verschwindet hinter einem Namenskürzel, bleibt anonym wie ein Studiotechniker. M/A/R/R/S ist eine Zweckkombination aus den Gruppen A.R. Kane und Colourbox. Das Stück erschien auf dem 4-AD-Label; eine elitäre Kleinfirma hatte den ersten vollrezyklierten Hit lanciert, Musik gewordenes Sampling. Hier sind Soundpartikel zum „sound effect“ verfremdet, verstückelt und serialisiert worden.

„Pump Up The Volume“: Die Attacke auf die Musik ist schon im Titel angelegt, der die Lautstärke zum Thema macht. Die Musik besteht aus Tanzgrooves aus drei Jahrzehnten und darübergemischt die Sprachkürzel – „Put the needle on the record“, „the drumbeat goes like this“, „we’re gonna git you“, „keep this frequenzy clear“. Die Botschaft von „Pump Up The Volume“ ist das Medium. Es ist ein Meta-Song, der die Gesetze der Hitparade kommentiert und anwendet, Handlung und Handlungsanweisungen in einem.

23 Gedanken zu “

    1. Das Video zu „Pump Up The Volume“ hatte Ende der achtziger Jahre eine Heavy Rotation auf MTV und schaffte es nach ganz oben. Der Sender hat nicht nur das Sehen, er hat auch das Hören verändert. Die ganze Videoclip-Dramaturgie ist eine faszinierende Mischung aus Kunst, Product Placement und Werbung in eigener Sache.

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    2. Ich verbinde dieses Video auch mit Kindheiterinnerungen. Ende der 1980er, ich war 11 oder 12 Jahre alt und begann mich für Musik zu interessieren. Ich hörte das Blaue Album von den Beatles von meinen Eltern, MTV kam nach Europa und damit auch die Anfänge elektronischer Musik. Die Russen in Afghanistan in Bedrängnis. Das sind meine Assoziationen, wenn ich das Video sehe. Kann mich erstaunlicherweise sehr gut an die Zeit und den Kontext erinnern.

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      1. Meine Eltern und meine unmittelbare Verwandtschaft (Onkel + Tante) sind gehörlos. Meine ältere Cousine war in Sachen Musik nicht unbedingt ein Vorbild für mich. Nur eine Sache hat sie richtig gut gemacht: Ich lernte durch sie die Musik von Queen kennen.

        Somit war MTV für mich eine wunderbare Quelle, Musik zu erkunden. Heutzutage gibt’s ja YouTube, Spotify und das ganze ähnliche Zeugz. Wobei ich YouTube schon sehr schätze, wenn ich mich an die Videos aus MTV-Zeiten erinnern möchte 🙂

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      2. „Put the needle on the record“ (Wolfman Jack). Erstaunlich, was sich alles verändert hat. Ich bin in den 60er- und 70er Jahren mit der Schallplatte aufgewachsen, und kaum war ich erwachsen, rollte sie davon ins Museum. Musikalisch fand ich die 80er Jahren stagnierend, dafür klang technisch alles besser. Die entscheidenden Fortschritte waren damals der Walkman und die CD. Der von MTV kultivierte visuelle Overkill hat eine vollkommene Beliebigkeit geschaffen, in der alles Spontane, Eckige und Unerwartete verschwunden ist.

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      3. Da treffen zwei verschiedene Generationen aufeinander. MTV entdeckte ich erst 1990 und es war faszinierend. Doch nicht einmal ein Jahrzehnt später ging die Faszination verloren. Für mich war die Zeit um die Jahrtausendwende eine ziemlich verlorene, was die Musik betrifft und ich habe zu diesem Zeitpunkt auch begonnen, mich immer mehr mit den „Klassikern“ auseinander zu setzen. Und von da an weiss ich eigentlich auch nicht mehr, wer in den „Charts“ angesagt war.

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      4. Ich habe in meiner Jugend mit den Einschränkungen leben müssen, dass Musik, nicht überall verfügbar war. Im Alter von 10 Jahren bin ich jeden Dienstagabend mit meinem zwei Jahre jüngeren Bruder vor dem Radio gesessen, um wie eine Offenbarung die wöchentliche Hitparade zu hören. Von den neuen Lieder der Beatles oder Rolling Stones, konnten wir natürlich kaum ein Wort verstehen, und trotzdem haben wir da in einem Englisch mitgesungen, das keinerlei Bedeutung hatte.

        Irgendwo finde ich es schade, dass heute alle Songs jederzeit und überall verfügbar sind. Musik verliert so auch seine Geschichtlichkeit, wenn das Alte permanent gegenwärtig ist.

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      5. Ha, zumindest zu Beginn der 1990er Jahre musste ich selbst viele Kilometer ablaufen, um eine bestimmte CD kaufen zu wollen. Aber das Gefühl kenne ich. Wenn ich mir meine CDs in meiner kleinen Sammlung anschaue, erzählen mir meine ältesten Romane, während meine jüngsten Neuzugänge Einzeiler sind.

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      6. MTV hat die Vermarktung von Musik nicht nur verändert, es hat sie auch beschleunigt. Hier wurden die letzten Trends, die neusten Hits in den letzten Winkel übertragen. Es gibt Stars wie Madonna, Prince oder Michael Jackson, die ohne MTV nicht den Erfolg gehabt hätten, den ihnen dieses neue Medium ermöglichte. Was mir an so einem Clip wie „Pump Up The Volume“ gefällt, ist, dass hier die Imitation selbst als Original funktioniert.

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  1. Another post to bring back memories (as the previous commentator noted).
    I used to collect 4AD records — or rather the art of the late great Vaughan Oliver who, together with Chris Bigg, did the majority of the label’s 80s and 90s and even 00s cover art. I went on a pilgrimage to meet Vaughan and Chris in 2001 and it turned put to be a significant day as they were meeting with 4AD to renegociate their contract. While they went to that meeting they left me to plough through their poster archive and take a few posters.
    Vaughan autographed several 4AD rarities for me too.

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    1. Thanks Doc! I think it’s pretty interesting how the little 4AD label launched a big hit. M / A / R / R / S did what Andy Warhol already demonstrated thirty years before: to declare the reproduction to art work without referring the reproduction to an original.

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  2. Sorry. Aber für mich war das schon damals – Vollrotz. Da ist ja dann „pump up the jam pump it up pump it up“ nicht mehr weit! Das Ende von Musik im eigentlichen Sinne. Es begann mit diesen fürchterlichen Scratcheffecten um 83 herum, die ab 85 zur Seuche wurden. Jedes noch halbwegs brauchbare Liedchen aus den Charts bekam seine Maxi-Version, die nichts weiter war, als ein zerhacktes Lied, mit ganz viel woopwoopwoopp wuppiwuppiwupp dazwischen. Da war es ja dann auch nur ein kleiner Schritt zu den Techno-Djs und delaSoul und sowas alles – „Vollender“ eben.
    Ich weiß – die Geschmäcker….
    Aber es ist doch schon bezeichnend, dass all die zuspätgeborenen Youngsters, die mit diesem ums-ums-ums aufwachsen mussten, eben späterdoch lieber auf Queen, Fleetwood Mac oder Pink Floyd zurückgreifen.

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    1. Techno, Hip Hop und Rap habe ich so gut wie gar nicht gehört. Aber vom Weichspülpop bin ich nicht verschont geblieben und als ich mich ab Mitte der 1990er Jahre traute zu offenbaren, dass mir Springsteen oder Billy Joel gut gefällt, würde ich ziemlich schief angesehen.

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    2. „Vollrotz“ ist gut – One is better than thirty; aus dreissig mach eins. M/A/R/R/S haben eigentlich nichts anderes gemacht, als das, was Walter Benjamin bereits in den 1930er Jahren in seinem Buch „ Das Kunstwerk in Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ prognostiziert hatte: „Die technische Reproduktion ist nicht mehr eine parasitäre Erscheinung eines Werkes, sondern autonome Rückkoppelung auf das Werk selbst“. Das Stück bzw. Stückwerk „Pump Up The Volume“ ist in diesem Fall nichts anderes, als ein Vorläufer von dem, was Pop-Musik im digitalen Zeitalter ausmacht: Reproduktion, Endlosschlaufen, Collage, Zitate, Wiederverwertung. Hier ein Schrei von James Brown, dort ein Funk-Riff von Dr. John oder Marvin Gaye. Und am Ende dieser Entwicklung steht dann eben Techno, das sich zum Ziel gemacht hat, die Musik aus der Musik zu prügeln und zu ritualisieren.

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  3. Das kann ich mir vorstellen! Aber der Geschmack ehrt dich auf alle Fälle – und du bist da keine Ausnahme in deiner Generation. Hab inzwischen so einig Youngsters zu Musikgesprächen verleitet und siehe da: Da sind immer wieder Milleniels und jüngere, die auf Queen und/oder Pink Floyd stehen. Oder aber sie fingen als Teenies bei Genesis mit „I can’t dance“ zwar an, landeten dann aber doch bei den besseren Frühwerken. Andere blieben halt den Böhsen Onkelz treu, aber praktisch niemand hört nun mit mitte 40 noch all die Loveparade Soundtracks. Die damals auf DEM trip waren, die schieben heute ihre Partner eher zu Helene-Fischer-Sound über die Tanzfläche. Die Masse halt. Für die musses och Jeräusche jehm.

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    1. I think this was the first commercially really sweeping sampling track. Above all, the video is great, packaged in a fantastic symbiosis of beat, samplings and atmosphere in NASA projects, satellite flights and astronaut training.

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    1. Simply sampling technology: A few words from Wolfman Jack, a scream from James Brown, a funk riff from Dr. John. The track is interesting, if you want to see what happens, if someone broke that production / redroduction thing down to its constituent elements.

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