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The Box Tops, Soul Deep – The Best Of The Box Tops (1967 – 1970), 1996

Label/ Arista

Alex Chilton, der 2010 im Alter von 59 Jahren starb, war einer jener „cult hero“ und auf gewisse Weise eine der überzeugendsten Kunstfiguren des Pop, ein Fan, der aus geborgten Bausteinen Identitäten formte und in seiner Musik wissende Pop-Fantasien verwirklichte – und das obwohl er ausgerechnet aus Memphis kam, jenem hyper-authentischen Mekka des Soul und Rock’n’Roll.

Als Sänger der Box Tops machte Chilton blue-eyed soul (das gängige, rassistische Codewort für Soulmusik von Weissen). So gern die Briten auch behaupten mögen, sie hätten den ignoranten weissen Amerikanern den schwarzen Rhythm & Blues zurückexportiert, die Box Tops widersprachen diesem gern wiedergekäuten Mythos. Der Soul, den sie ab Mitte der Sechziger spielten, war ganz gewiss nicht aus dem Britischen rückübersetzt, siehe etwa die programmatisch betitelte Nummer „Soul Deep“, die auch ein stimmgewaltiger Clarence Carter kaum souliger bringen konnte als das 17-jährige Käsegesicht Alex Chilton. Oder „Cry Like A Baby“. Oder einen Song wie „Together“, in dem eine plötzlich aus dem Blauen heraus einfallende, jaulende Lead-Gitarre die Brücke zu jenem psychedelischen weissen Rock schlug, dessen Herstellern die Box Tops in ihrem sonnigen Hippie-Fummel so ähnlich sahen. Und natürlich der grosse Hit, das herrlich simpel gestrickte, mit seinem Tonartenwechsel im Fade-Out in ein ewiges, anderes Morgen weisende „The Letter“, eine Hit-Single aus dem Jahr 1967, die in meiner Kindheit regelmässig im Radio gespielt wurde, und sich auch heute noch nicht verstaubt anfühlt.

Im Albumformat gelang dem Box Tops ein dem Talent angemessener grosser Wurf nie. Insofern ist ein „Best Of“ in diesem Falle wohl auch der ideale Weg. Die hier ausgewählten Stücke können als Essenz des Schaffens der Band bezeichnet werden.

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Alex Chilton, Bach’s Bottom, 1981

Produzent/ Alex Chilton

Label/ Libe Records

Alex Chilton lebte für die Musik, für amerikanische Spielarten von Rock’n’Roll, um es etwas genauer zu sagen. Sein Problem war, dass er nie einen Song im Sinne konventioneller Geschmacksvorstellungen zu Ende brachte. Er arbeitete mit bekannten Formen: Country-Rock, Byrds-mässiges, Velvet-haftes. Aber er weigerte sich seine Songs zu vollenden. Sie brökeln ab, wie auf Velvet Undergrounds „White Light/ White Heat“. Oder sind absolut schräg gemixt. Oder werden durch plötzliches, enthusiastisches Geplapper unterbrochen.

In den Sechziger Jahren war Alex Chilton der sechzehnjährige Wunderknabe der Box Tops, deren grösster Hit „The Letter“ noch heute weitgehend bekannt ist. In den siebziger Jahren machte er drei erfolglose aber sehr gute Platten mit seiner Gruppe Big Star. 1979 erschien sein zusammen mit Jim Dickinson aufgenommenes „Like Flies On Sherbert“. Für mich sein bestes Werk. Undurchsichtige aber wunderschöne, bizarre Pop-Kompositionen, immer auf des Messers-Schneide.

Als Chilton die Cramps in Memphis produzierte, erinnerte sich mancher wieder an ihn, aber es hiess, er sei seit einem Jahr unerreichbar und spurlos verschwunden. „Bach’s Bottom“ sind Aufnahmen von 1975. Sie werfen ein Licht auf die ungeduldige, gehetzte Arbeitsweise Chiltons. Wie er unbändig mitten in einem Song anfängt zu brabbeln oder einen flotten euphorischen Pop-Song in kakophonem Krach enden lässt, wie er sich Rolling Stones-, Beatles- und Cochran-Klassiker zu eigen macht, lässt keinen daran zweifeln dass er es hier mit einer einsamen Lichtgestalt der Rockmusik zu tun hat. Chiltons ambivalentes Verhältnis zur amerikanischen Rockmusik, seine Hassliebe zum Song, sagen alles über diese Formen selbst.