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Slapp Happy, Acnalbasac Noom, 1980

Produzent/ Uwe Nettelbeck

Label/ Recommended Records

Die Pop- und Rockwelt ist voller Missverständnisse – oft entstehen daraus seltsame bis meisterhafte Werke. Zum Beispiel die von Slapp Happy. Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre zeigten sich die Plattenfirmen interessiert daran, Intellektuelle und Avantgardisten für den Pop-Kontext zu gewinnen. Die 68er-Generation erhoffte sich davon ein Gegengewicht zum kalifornischen Protestrock, wobei es auch darum ging Themen wie Gender und Kapitalismuskritik anzugehen. Eine Art Salon-Pop sollte enstehen, zu den Proagonisten zählte Anthony Moore, Mitglied der Kunstgruppe Henry Cow. Über verworrene Wege erhielt der Brite einen Vorschuss des Labels Polydor, um eine Platte aufzunehmen. Als Sängerin schlug Moore seine Hamburgerin Freundin Dagmar Krause vor, als Backingband die Krautrocker Faust – dann taufte er die Band Slapp Happy.

Das erste Album entstand 1972: „Sort Of“ nimmt den Geist von Velvet Underground auf und führt in die europäische Avantgarde. Die im Jahre 1973 aufgenommene zweite LP „Casablanca Moon“ wurde von Polydor abgelehnt. Darauf wechselten Slapp Happy zu Virgin, wo das Album noch einmal neu eingespielt und unter dem Titel „Slapp Happy“ veröffentlicht wurde. Die ursprüngliche Version erschien schliesslich 1980 unter dem Titel „Acnalbasac Noom“ („Casablanca Moon“ rückwärts) auf Recommended Records.

Bei den Liedern auf „Acnalbasac Noom“ geht es nicht um Personen. gesungen wird stattdessen über Figuren und Situationen, zu denen sich eine ironische Distanz aufbauen lässt. Die skuril-tragische Geschichte des verbrannten Agenten, in dessen Schnurrbart sich Kokainspuren abzeichnen („Casablanca Moon“) oder der Song über Zwillinge, der Fragen zur Identität formuliert („Charlie’n Charlie“) sind in dieser Hinsicht exemplarisch.

Dazu passt die Neuausrichtung der Musik, die sich emanzipiert von Natürlichkeit anzeigenden E-Gitarren zugunsten von Klavierarrangements, deren Stärke darin liegt, gleichzeitig verspielt und akademisch zu wirken. Indem Slapp Happy musikalische Modelle zwischen Kurt Weill, Show Tunes, Chanson und Canterbury-Scene-Spleenigkeit adaptieren, bewegen sich sich durchgängig auf einer Meta-Ebene, die Musik schon immer als referenziell in Szene setzt. Alles ist bewusst zeichenhaft organisiert, und dadurch haben die Lieder eine angenehme Ausgeglichenheit, die emotional nie ausufert, aber anderseits auch nie explizit unterkühlt anmutet. Hier wird anschaulich auf den Punkt gebracht, dass Musik mit einem experimentellen, theoretischen Ansatz keineswegs damit einhergehen muss, schwer hörbar zu sein. In dieser Hinsicht ist „Acnalbasac Noom“ eine echte Entdeckung, die man sich nicht entgehen lassen sollte.