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Polo Hofer 16. März 1945 – 22. Juli 2017.

 

Ein Nachruf von Eric Facon

Polo Hofer war der berühmteste aller (Deutsch-)Schweizer Rock’n’Roller. Aber eigentlich gab es nicht einen Polo Hofer, sondern mehrere. Dieser Polo aus Interlaken war Mundartrock-Pionier, selbsternannter Chilbi-Rocker, er war der „Polo National“ und Bürger-Schreck, Americana-Fan und -Kenner, Kiffer und Gschäftli-Macher, Hippie und Anti-Hippie in einem. Einer, der es mit allen (oder den meisten) konnte, einer mit einem riesigen Angebot im Bauchladen. Ein musizierender, singender Pausenclown, der philosophisch gehaltvolle Texte zu schreiben wusste, und andere, die für keine noch so betrunkene Fasnachts-Musik eine echte Herausforderung darstellten.

Urs Hofer, den privaten Polo, bekam man nur selten zu Gesicht. Als belesener Mann verehrte er insbesondere «Rubaiyat» von Omar Khayyam, eine jahrtausendealte persische Gedichtsammlung. Gleichzeitig interessierte er sich stark für die Gegenwart, für politische und soziale Zusammenhänge. Und er war ein Mann, der seine krebskranke Freundin still bis in den Tod pflegte, zu Hause und allein, der alles für sie gab und daneben doch seine Band am Laufen hielt.

Eine von Hofers herausragenden Eigenschaften muss sein Ideenreichtum gewesen sein, der ihm hierzulande musikalischen Ruhm einbrachte. Nach Jahren des Tingelns in Tanzbands und des Rockens in Blues-Schuppen beschloss der singende Schlagzeuger in den späten 1960er Jahren, Songs in seiner Muttersprache zu interpretieren. Der Schritt zur Berner Mundart war sinnvoll, tönte das Englisch der meisten Schweizer Bands in jenen Jahren doch eher lautmalerisch und wacklig. Polo jedenfalls wollte nun singen, wie ihm der Schnabel gewachsen war, und so begann er, mit der Muttersprache zu experimentieren. Gemeinsam mit den vier Musikerkollegen der Band Rumpelstilz entwickelte er einen Sound, den man bis dato von keiner Schweizer Band gehört hatte. Vor der flexiblen Truppe, die fast so elastisch grooven konnte wie die Doobie Brothers, die Allman Brothers oder Little Feat stand Polo der Entertainer, der Sänger, der Sprüche klopfte und Texten intonierte, die man verstand, die sich auf die Schweiz bezogen und nicht auf amerikanische Südstaaten.

Polo Hofers „Swissness“ (avant la lettre) war durchaus verkaufsfördernd. Sein populärerer Reggae „Kiosk“ wurde zu einem grossen Hit, der es ihm fortan möglich machte, seine Karriere unabhängig zu gestalten. Er verliess Rumpelstilz, um alsbald mit der neuen Gruppe Schmetterding wieder aufzutauchen. Nun wurde aus ihm eine öffentliche Figur. Als „Polo National“ machte er Werbung für private Rundfunkstationen und für Kondome. Er diskutierte öffentlich übers Kiffen und schrieb daneben ein paar schöne Songs, wie etwa „Wägem Gäud“ oder „Ramona“.

Hofers Musikerkarriere dauerte über drei Jahrzehnte – wechselnd zwischen viel Licht und einigen dunklen Momenten. Er gab Album um Album heraus – Werke, auf denen kleine Meisterwerke zuweilen in musikalischer Schaumschlägerei eingebettet schienen. Immer wieder bewies er aber auch sein Gespür für gute Songs anderer Musiker.

Als Mundartrock-Pionier hatte Polo Hofer seit den 1980er Jahren den Weg bereitet für Bands wie Züri West, Patent Ochsner, Stiller Has und viele andere mehr. Alle bezogen sie sich auf ihn – selbst ein Stephan Eicher, der international erfolgreichste Schweizer Musiker. Oder Gölä, der sein einstiges Vorbild kommerziell bei weitem überflügelte – eine Art Hakenschlag des Schicksals.

So war die Konkurrenz für Polo Hofer immer grösser geworden. Irgendwann war dann auch Schluss für seine Schmetterband. Darauf folgte eine Zeit – so hatte man das Gefühl – der Abschiedstourneen (mit einer Band, die einfach noch «die Band» hiess). 2015 erschien ein Album mit dem programmatischen Titel „Ändspurt“.

Man hätte sich gewünscht, Polo Hofer hätte nach seiner langen Karriere wie ein Johnny Cash nur noch das zu machen, was ihm persönlich wichtig war; nichts anderes. Man hätte sich ein reduziertes, bluesiges, souliges Album erträumt, das bestens zu ihm gepasst hätte, das er ja sozusagen in sich trug. Es wäre ein tolles Vermächtnis geworden. Denn kaum einer hierzulande hatte so viel Gespür für die Musik aus den amerikanischen Südstaaten wie er – der Urs „Polo“ Hofer aus Interlaken.