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Ramones, Rocket to Russia, 1977

Produzent/ Tony Bongiovi, Tommy Ramone

Label/ Sire

August 1977 in einem Studio in New York: eine junge aufstrebende Band arbeitet an ihrem dritten Album. Die verflixte Dritte, wie man sie immer nennt; das Album, das über Top oder Flop einer Band entscheiden soll. Diesbezüglich sah sich die Band optimistisch. „Wir dachten, dass wir es schaffen würden – dass wir auf der Abschussrampe stünden.“, sagt Tommy Ramone später.

Textlich geht es wieder etwas kränker zu als auf dem Vorgänger-Album „Leave Home“. Mit ihrem schwarzen Humor sinnieren die Ramones über Geisteskranke („Cretin Hop“, „I Wanna Be Well“), Lobotomien bei Teenagern („Teenage Lobotomy“, die kaputte Grossstadtfamilie („We’re A Happy Family“) und selbst harmlos klingende Titel entpuppen sich als von schwarzem Humor geprägt. „Rockaway Beach“ etwa – der von Dee Dee Ramone verfasste Titel weist alle Merkmale eines typischen Gute-Laune-Surf-Rock-Songs auf, von den Background-Chören bis zu den vom besungenen Strand schwärmenden Lyrics. Zu dumm nur, dass dieser „Rockaway Beach“ wirklich existierte und das letzte Loch war, Drogenverkauf und Prostitution nicht ausgeschlossen. Die Vorstellung, dass Tausende Teenager vergnügt diesen Song mitsingen, ohne zu ahnen, was sich dahinter verbirgt, amüsierte die Ramones wohl gar so sehr, dass sie ihn als Single auskoppelten.

Der Clou an der ungewöhnlichen Themenwahl der New Yorker war eben das Licht, in dem sie es sahen. Wenn die Ramones über „Cretins“, „Pinheads“ oder „Teenage Lobotomies“ singen, dann sind diese plötzlich keine Ausgestossenen der Gesellschaft mehr, sondern werden viel mehr in ein sympathisches, romantisiertes Licht geführt. Zwei Coverversionen hatten sie sich auch wieder ausgesucht, zum einen „Do You Wanna Dance?“ von Bobby Freeman, zum Anderen „Surfin‘ Bird“ von den Trashmen, beide passen wunderbar in den Ramones-Sound und fallen kaum aus der Reihe. Mit „Here Today, Gone Tomorrow“ hingegen enthält „Rocket to Russia“ eine der wohl schönsten Balladen der Band. Man merkt, wie viel Seele Joey hier in den Gesang steckt. Das Album würde der grosse Durchbruch der Ramones werden, da war man sich sicher. Band und Label waren sich dessen einig, man hatten an alles gedacht, mit „Sheena is a Punk Rocker“ gab es einen Top-10 kompatiblen Hit als Single-Vorboten, die Promotion war am Anrollen, nichts konnte mehr schief gehen.

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The Ramones, Leave Home, 1977

Produzent/ Tony Bongiovi

Label/ Sire Records

Bereits neun Monate nach ihrem Debut-Album legten Dee Dee, Joey, Johnny und Tommy nach. Der Titel „Leave Home“ ist durchaus wörtlich zu nehmen. Die Ramones waren ihre Karriere über konstant auf Tournee. Die Platte knüpft an „Ramones“, weist aber Neuerungen in Sound und Songwriting auf. Die Produktion ist anders, der Sound kommt für damalige Verhältnisse sehr „fett“ rüber. Die nächste Neuerung findet sich in den Backing Vocals, die auf dem Debut noch eher rar gesät waren. Hier gibt es in so gut wie jedem Song eine zweite Stimme oder an die Beach Boys erinnernde Background-Chöre, die den rauen Gitarrenklängen entgegenwirkend einen Hauch Surf-Pop geben.

Auch das Songwriting geht in eine etwas freundlichere Ecke, als die Lieder des ersten Albums. „I Remember You“ oder „Oh Oh I Love Her So“ sind da programmatisch. Aber für „Carbona Not Glue“ gab es wirklich Ärger, weil eine Reinigungsfirma ein Trademark auf diese Chemikalie angemeldet hatte. Der Song wurde von allen Nachpressungen des Albums genommen und durch „Sheena Is A Punk Rocker“ ersetzt.

Klassiker sind auch viele vertreten. „Pinhead“ wurde zum Kampfgesang der Freaks und Ausgestossenen der Gesellschaft. „Commando“ ist eine schnelle militärkritische Nummer von Dee Dee Ramone, während Joey Ramone mit „I Remember You“ sein Gespür für unwiderstehliche Melodien nach Traditionen des 60er-Jahre-Pop beweist. „Gimme Gimme Shock Treatment“, die Verherrlichung einer Shocktherapie, durch die der Protagonist des Stückes sein Glück findet, fand sich fast in jeden Live-Set bis zur Auflösung der Band wieder.

„Leave Home“ ist ein typisches Ramones-Album, das aber das Pop-Potential der Songs mehr ausschöpft, als sein Vorgänger. Neben dem Punk Rock aus dem Hause Ramone hört man hier Einflüsse aus Surf, Beat, Rock’n’Roll und 60s-Pop. Gemäss dem Motto „Now I Wanna Be A Good Boy“ also? Nein, das nun auch wieder nicht.