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The Modern Lovers, Roadrunner, 1972

Text/Musik/ Jonathan Richman

Produzent/ John Cale

Label/ Beserkley

Von Bobby Troups häufig gecovertem „(Get Your Kicks on) Route 66“ bis zu Springsteens „Born to Run“ behandeln die meisten Road-Songs das Thema Flucht. „Roadrunner“ hingegen befasst sich mit einer Strasse nach Nirgendwo: Route 128, eine 96 km lange Ringstrasse, die Boston von seinen Vororten trennt. Es ist weniger eine Strasse, die nur ein Einheimischer lieben könnte – nur ein Einheimischer ist sich überhaupt ihrer Existenz bewusst. Jonathan Richman verbrachte nur zehn Autominuten entfernt seine Kindheit und Jugend.

Richman verliess Boston als Teenager, Ende der 60er Jahre, um nach New York zu gehen, zu The Velvet Underground. Er kehrte bald darauf nach Hause zurück, lernte seine Idole aber 1972 kennen, als seine Band The Modern Lovers ein paar Demos unter der Regie von Ex-Velvet John Cale aufnahm. Einer der Songs war „Roadrunner“, ein vierminütiges Zwei-Akkord-Hommage an nächtliches Herumfahren. Richman nahm im folgenden eine verwirrte Anzahl von Versionen auf, aber dieses pulsierende, vollelektrische, von Cale produzierte Original ist die beste und bekannteste.

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The Modern Lovers, Pablo Picasso, 1976

Text/ Musik/  Jonathan Richman

Produzent/ John Cale

Label/ Home of the Hits

Galten bis dahin drei Akkorde als Minimum, schaffte es Jonathan Richman auch mit einem. Ein unangestrengter, wunderbar belangloser, schnöselig herausgenuschelter Geniestreich, der die ganze Malaise der menschlichen Existenz auf den Punkt bringt: „Some people try to pick up girls/ And the get called an asshole/ This never happened to Pablo Picasso.“

Dass John Cale als Produzent fungierte, konnte nicht wirklich überraschen. „Pablo Picasso“ schrummelt so amateurhaft und minimalistisch wie die frühen Velvet Underground. Die Aufnahmen entstanden bereits 1973, auf dem Höhepunkt des Supergroup- und Virtuosen-Wahns, aber es sollte drei Jahre dauern, bis diese Demos überhaupt veröffentlicht wurden.

Die Modern Lovers hatten sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits wieder aufgelöst – was für John Cale wohl der Anlass war, den Song auf seinem eigenen Album „Helen Of Troy“ vorzustellen – noch ein Jahr vor dem eigentlichen Modern-Lovers-Release. Und selbst David Bowie, der für Coverversionen bekanntlich nur selten Verwendung hatte („Pin Ups“ einmal ausgenommen) nahm Richmans Loser-Hymne 2003 für sein „Reality“-Album auf. (Mit dem naiven Charme des Originals hatte Bowies vollfette Band-Version allerdings nur noch den Titel gemein.) Selbst die Herrschaften aus dem Zerebral-Zoo waren von Richmans kindlichem Kunstwerk angetan. Greil Marcus nannte „Pablo Picasso“, „the most obvious song in the world and the strangest.“