Neil Young, Mirror Ball, 1995

Produzent/ Brendan O’Brien

Label/ Reprise

Harte energetische Rockklänge bestimmen den Ton, darüber liegt Youngs Jammern, was dem Ganzen einen unüberhörbaren Geschmack von Bitterkeit und Enttäuschung verleiht. Der struppige Grübler, der damals von sich sagte, er habe keine Zeit für Perfektion, er sei nur mit Leidenschaften und Gefühlen befasst, markiert einen radikalen Gegenentwurf zur gängigen Popszene der 1990er. Gefühl und Härte kamen in neuer Verpackung mit Nostalgieschleifchen auf den Ladentisch.

Neil Young fesselt letztlich als schräge mutige Person mehr denn als Musiker. Ein Mann mit Woodstock-Geschichte steht in seinen späten Jahren wieder im Rampenlicht, ein Getriebener, dem man auch seine Drogenkarriere ansieht, ein oft verwirrt wirkender Grübler, der auf ein letztlich nicht wirklich von Love & Peace getragenes Hippiedasein zurückblicken kann. Gerade das machte ihn zu einem Idol mit Tragik und Tiefgang, das zeigt, wie nah der Rock’n‘Roll doch immer auch gleichzeitig am Abgrund entlang segelt. Dass Kurt Cobain diesen verzweifelten Protestgestus dankbar aufnahm, zeigt, dass auch die junge Generation mit Depressionen, Drogen und Krankheiten zu kämpfen hatte. Die Strassen durch Amerika, die in den 1950ern und 1960ern noch so viel Freiheit versprochen hatten, führten für diese Künstler nicht mehr ins Licht, sondern über die „road to nowhere“ schnurstracks in die Hölle.