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Pretenders, 1980

Produzent/ Chris Thomas, Nick Lowe

Label/ Real

Der Punk gab vor, dass das Geschlecht unwichtig sei, doch Chrissie Hyndes Kollegen von den Sex Pistols und The Clash nannten sie trotzdem eine vorlaute Yankee-Lady ohne jede Chance. Die Lady aus Ohio war zur richtigen Zeit am richtigen Ort: sie war in London gelandet und arbeitete für den „New Musical Express“. Doch als Aufruhr und Anarchie ausbrachen, war Hynde eine Mitläuferin.

Schliesslich sagte ihr Lemmy (Motörhead) die Meinung – „mach mit oder halt’s Maul“ – und sie rekrutierte Peter Farndon (Bass), James Honeyman-Scott (Gitarre) und Martin Chambers (Drums). Ein Cover von „Stop Your Sopping“ von den Kinks, produziert von Nick Lowe gab eine Kostprobe von Hyndes aussergewöhnlicher Stimme, sie bewies aber noch kein Songwriting-Talent.

Diesen Beweis lieferte das Album. In präzis gestrickten Stories von Lust und Leiden trägt Hyndes zu abgehackten Riffs ihr honigsüsses Gift vor. Die A-Seite ist teuflisch; Highlights sind das verzweifelte „Baby, fuck off“ in „Precious“, Honeymoon-Scotts Tribut an die Gitarristen-Vorbilder beim Solo von „Tattooed Love Boys“ und das erstaunliche „The Wait“. Auf der B-Seite kommt der Hit „Kid“, das grüblerische „Private Life“ (das prompt von Grace Jones gecovert wurde), das unwiderstehliche „Brass In Pocket“ und das mutige „Mystery Achievement“ als Vorschau auf das prägnantere „Pretenders II“.

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The Pretenders, Learning to Crawl, 1984

Produzent/ Chris Thomas

Label/ Sire

Nach dem Drogentod von Gitarrist James Honeyman-Scott und Bassist Pete Farndon stand 1982/83 die Zukunft der Pretenders in Frage. Chrissie Hynde und Drummer Martin Chambers spielten mit Aushilfsmusikern Ende 1982 die brillante Single „Back On The Chain Gang“ ein, deren Lyrics angeblich Honeyman-Scott gewidmet sind. Dann rekrutierten Hynde und Chambers den Gitarrenvirtuoso Robbie McIntosh und Bassist Malcolm Foster.

„Learning to Crawl“ ist ein klassisches Rockalbum. Erst auf dem nächsten Album „Get Close“ sollten die Pretenders im Mainstream versinken, den sie im Songtitel „Middle Of The Road“ vermeintlich ankündigten. Martin Chambers wuchtiger Drumbeat, der das Album eröffnet, gibt den Ton an. Ob erdiger Rock oder zarte Balladen: In Wirklichkeit ist kein Song leichte Kost. Bei Hynde gelingen Beziehungen nicht, sie scheitern. Das Persuaders-Cover „Thin Line Between Love And Hate“ passt mit dessen Liebesdrama-Thematik exakt ins Programm. Auch Hyndes privates Liebesglück mit ihrem Idol Ray Davies (The Kinks) war nicht von Dauer. Hyndes autobiographischer Schreibstil zeigte aber auch eine wandlungsfähige Sängerin, die sich mit ihrer neuen Rolle als frischgebackene Mutter zwar nicht ganz abzufinden schien („Middle Of The Road“), andererseits doch Gefallen daran fand. „Show Me“, das heimliche Herzstück des Albums, handelt wie der Albumtitel von Hyndes Mutterglück. Die Sängerin projiziert romantische Hoffnungen in ihr Kind : „You with your innocence and grace restore some pride and dignity to a world in decline“. Die kämpferische Seele der späteren PETA-Aktivistin hingegen kommt in ihrem ersten politischen Statement ganz zur Geltung: „My City Was Gone“ ist eine harsche Kritik an die Adresse der neoliberalen Reagan-Administration („a government that has no pride“) und beweist das kontroverse Potential der Pretenders vielleicht am besten.

Robbie McIntosh war zwar als Gitarrist einerseits längst nicht so experimentierfreudig wie Honeyman-Scott. Die Pretenders mögen weniger abenteuerlich klangen als auf den ersten beiden Alben. Letzlich ergänzten sich McIntoshs leicht verzerrter, eleganter Gitarrensound und seine effektvollen, nie übertriebenen Soli aber perfekt mit Hyndes Stimme. Genial auch einige markante Bassriffs: Neben „My City Was Gone“ ist „Time The Avenger“ ein heimlicher Instant-Hit.

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Pretenders II, 1981

Produzent/ Chris Thomas

Label/ Sire

Ein Jahr nach dem fantastischen Debüt von Chrissie Hyndes Band erschien der Nachfolger. Pretenders II hält in der Diskographie der transatlantischen Combo einen Ehrenplatz, ist es doch die letzte LP des orginalen Lineups mit James Honeyman-Scott (Leadgitarre) und Pete Farndon (Bass).

Obwohl das stilistisch am Vorgänger orientierte Album bei Erscheinen 1981 zum Teil verrissen wurde, darf man heute von einem Klassiker sprechen. Pretenders II ist nicht perfekt, was aber eher am Vergleich mit dem fulminanten Debüt liegt. Den Anfang machen mit „The Adultress“ und „Bad Boys Get Spanked“ zwei dämonisch harte Rocker, Pretenders II klingt insgesamt aber weniger kompromisslos als das Debüt. Mit ihren teils autobiographischen Texten sorgte Hynde vor allem hier nicht immer für Klarheit. Häufig geht ihr Blick nach innen, sie trauert verflossenen Lieben nach und verpassten Romanzen.

Dass das zweite Pretenders-Album mit dem authentischen Rocker „Louie Louie“ im Anschluss an die vor Enttäuschung und Bitterkeit triefenden „Jealous Dogs“ und „The English Roses“ versöhnlich ausklingt, wirkt überraschend. Strotzt Pretenders I vor weiblichem Selbstbewusstsein, sind auf Pretenders II die melancholischen Songs die bemerkenswertesten. Und so besticht letztlich weniger das zupackende Hardrockriff im Mittelteil von „Pack It Up“ als die filigranen Arrangements: die Trompete im Kinks-Cover „I Go To Sleep“, Honeyman-Scotts gefühlvolles Solo in „Birds Of Paradise“ oder die glockenhellen Gitarrenwände in „The English Roses“. Die eigentlichen Highlights des Albums aber sind die temperamentvollen Singles „Message Of Love“, „Talk Of The Town“ und „Day After Day“.

Weniger als ein Jahr nach der Veröffentlichung von Pretenders II erlag James Honeyman-Scott einer Überdosis Drogen. Ein Jahr später folgte ihm der zuvor geschasste Pete Farndon ins Grab. Was anschliessend folgte, ist ein anderes Kapitel.