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John Lennon, Working Class Hero, 1970

Text/Musik/ John Lennon

Produzenten/ John Lennon, Phil Spector

Label/ Apple

John Lennons erstes Soloalbum folgte auf vier Monate Urschrei-Therapie bei dem New Yorker Psychologen Dr. Arthur Janov, in denen sich Lennon seinen Dämonen gestellt hatte: eine fast mutterlose Kindheit und Jugend, der Zerfall seiner Band, das Paradoxon seines Bildersturms, Schuldgefühle und die Geringschätzung seiner Mittelschichtherkunft – all das floss in „Plastic Ono Band“ (1970).

Das auffällig dylaneske „Working Class Hero“ ist voller Verachtung, Sarkasmus und Bitterheit; der schonungslose, spöttische Text wird zur folkig-rauh gespielten Gitarre halb gesprochen, halb gesungen. Als wäre der Song nicht schon heftig genug, unterstreicht Lennon seine Entfremdung von den biederen Publikumsanteilen mit zweimaliger Verwendung des Wortes „fucking“ ( so entlarvt er z. B. uns Hörer als „fucking peasants“, „verdammte Bauern“).

Viele Kritiker nahmen es John Lennon übel, dass er sich als ein Teil der Arbeiterklasse bezeichnete, schliesslich war er in einem guten Mittelstand Haushalt bei seiner Tante gross geworden. Daraufhin rechtfertigte sich Lennon, dass der Song sardonisch sein sollte und es habe nichts mit Sozialismus zu tun. Er erzählte, dass er selbst als er berühmt war Zeiten erlebte, in denen er sehr glücklich und Zeiten, in denen er sehr unglücklich war. Und genau darum geht es.

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John Lennon, Walls And Bridges, 1974

Produzent/ John Lennon

Label/ Capitol Records

John Lennon schaffte es wie kaum ein anderer Musiker, mit einem Album Stimmungen zu transportieren und eine gewisse Magie zu erzeugen. Im Vergleich zu seinen vorher veröffentlichten Soloalben besticht „Walls and Bridges“ durch einen dichten, warmen Sound, der dem Entstehungszeitraum Mitte der 1970er Jahre zuzuordnen ist, sich aber durch Einzigartigkeit in der Instrumentierung auszeichnet.

Das Songmaterial auf „Walls And Bridges“ ist durchweg besser als auf dem Vorgängeralbum „Mind Games“, die kompositorische Klasse wie auf John „Imagine“ und wird allerdings nicht mehr ganz erreicht. Die Songs sind weitgehend eine Introspektion auf Lennons bewegtes Leben in der zeitweisen Trennungsphase von Yoko Ono, insbesondere „Going Down On Love“, „What You Got“ und „Bless You“ geben darüber Auskunft. Selbstzweifel wie in „Scared“ und „Nobody Loves You“ werden unverschnörkelt widergegeben.

Mit „#9 Dream“ (einer Hommage an seinen vormaligen Bandkollegen George Harrison) gelang Lennon noch einmal ein traumhaft schönes und zugleich eingängiges Lied, wie er es zu Beatles-Zeiten z.B. in „I’m Only Sleeping“ perfektioniert hatte. In „Steel and Glass“ ätzt Lennon gegen den Ex-Manager der Beatles, Allen Klein. Ähnliches (an Paul McCartney adressiert) war schon auf dem Imagine-Album („How Do You Sleep?“) zu hören. Meines Erachtens nach etwas belanglos, aber erfolgreich (Nr. 1 in den US-Billboard Charts) war „Whatever Gets You Through the Night“ mit Elton John am Klavier und im Hintergrundgesang.

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John Lennon, Rock’n’Roll, 1975

Produzent/ Phil Spector, John Lennon

Label/ Apple Records

Back to the roots‘ hat John Lennon sich wohl gedacht, als er Mitte der 70er Jahre dieses Album mit Coverversionen von Klassikern aus seiner Jugendzeit einspielte. Und dass seine Stimme für Coverversionen rauer Rock’n’Roll-Nummern sehr gut geeignet ist, hat er ja auch schon bei den Beatles z.B. bei den erstklassigen Interpretationen von „Rock’n Roll Music“ oder „Twist And Shout“ bewiesen.

Trotzdem ist meiner Meinung nach das Album nur als ordentlich zu bezeichnen. John Lennon singt die meisten Songs zwar recht gut, aber auch mit angezogener Handbremse. Herausragend ist nur seine eigenwillige und fast magisch anmutende Version von Ben E. King’s-Klassiker „Stand By Me“. Sehr gut sind auch Gene Vincent’s „Be-Bop-A-Lula“, das die Beatles auch schon zu Hamburger Zeiten im Repertoire hatten, und Fats Domino’s „Ain’t That A Shame“. Durchschnittlich ist Bobby Freeman’s „Do You Wanna Dance?“, das man auch schon besser gehört hat und richtig dürftig ist Lloyd Price’s „Just Because“, das schon im Original nicht der grosse Brüller ist.

Eine Wiederentdeckung wert ist das etwas rumpelige „Rock’n’Roll“-Album aber alleweil, auch wenn sich Lennon und Spector während den Aufnahme-Sessions nicht gerade auf der Höhe ihres Lebens und ihres Schaffens befanden. Die Beiden sollen sich in den A&M Records Studios in Hollywood, aufgrund von exessivem Alkohol- und Drogenkonsum so schlecht benommen haben, dass sie hinausgeworfen wurden, unter anderen auch weil der grössenwahnsinnige Spector mit einer Knarre im Studio hantierte und sogar einmal schoss. Die weiteren Aufnahmen fanden dann in den Record-Plant West Studios in New York statt.