tumblr_m0mlkt5iOI1qjv2df.jpg

Lou Reed, Coney Island Baby, 1976

Produzent/ Lou Reed, Godfrey Diamond

Label/ RCA

So ein harmonisches Album hatte 1976 wohl kaum jemand noch von Lou Reed erwartet. Nachdem er das schier unanhörbare „Metal Machine Music“ veröffentlicht hatte und dazu etliche verrückte Interviews gegeben hatte, wurde er von vielen Hörern abgeschrieben. Damals klang jede Platte von Lou Reed ganz anders als die vorherige, niemand wusste, wohin er sich weiter entwickeln würde.

Doch mit „Coney Island Baby“ schien Reed endlich Boden unter den Füssen gefunden zu haben. Die acht Songs auf dem Album sind lässige, eingängige Melodien, die freilich nie banal werden. Dafür sorgt schon das gewisse Lou-Reed-Extrakt, das auch hier nicht zu überhören ist, und dass die Texte nicht bissig wären, kann man ebenfalls nicht behaupten. Aber dieses Lou-Reed-Extrakt dominiert nicht. Stattdessen gibt es mal Melancholie in ihrer musikalischen Form (das einfach schöne „Coney Island Baby“), mal swingt diese Melancholie und hat eine unwiderstehliche Melodie im Gepäck („Crazy Feeling“), mal ist es Rock’n’Roll à la Lou Reed ( „Ooohhh Baby“), und dann wieder erinnert es von Ferne an bodenständigen Folk („Nobody’s Business“). All das passt zusammen, man kann das Album am Stück hören, einfach so, weil man gerade etwas lässig-lockeres ohne unnötiges Gefuchtel hören will.

L075992614023.JPG

Lou Reed & John Cale, Songs For Drella, 1990

Produzent/ John Cale, Lou Reed

Label/ Sire Records

Den Anfang bildete der letzte Song auf dem Vorgänger-Album „New York“: „Dime Store Mistery“, jenes verträumte, fast avantgardistisch klingende Requiem auf Andy Warhol (mit der für einen Popsong doch recht ungewöhnlichen, hier jedoch zentralen Textzeile: „Descartes to Hegel – Belief is never sure“), brachte Reed und den nach langer Unterbrechung wieder einmal arbeitenden ewigen Kontrahenten John Cale dazu, das Ganze auf Albumlänge auszuweiten. Es wurden letzlich Lieder für Drella, die den ehemaligen Mentor in einem musikalisch minimalistischen Rahmen nicht nur feiern, sondern sein Leben – und vorallem seine Beziehung zu Reed und Cale – nacherzählen sollten.

Die Arbeitsteilung ist leicht zu entschlüsseln: Cale gehören die zärtlichen, träumerischen Momente, aber auch die avantgardistischen, wie vorallem im manischen „Images“ nachzuhören. Reed wiederum konzentriert sich auf das den Vorgänger „New York“ bereits dominierenden Storytelling und erzählt zu simplen, aber effektiven Gitarrenakkorden prägende Episoden aus Warhols Leben: Lieder über dessen Herkunft („Smalltown“), seinen steten Konflikt mit dem in seinen Augen „faulen“ Reed in den 60er-Jahren („Work“) oder das Attentat durch die Radikalfeministin Valerie Solanas („I Believe“).

Die beiden Individualisten kommen dann in den finalen Arrangements der Stücke zusammen, und tatsächlich ergänzt sich Reeds staubtrockene elektrische Gitarre perfekt mit Cales mal zärtlicher, mal manischer Bratsche. Die grossen Momente gehören zwar Cale – und doch ist es ein Album, das nur als Kollaboration dieser beiden Sturköpfe denkbar ist. Ein Kraftakt scheint es für beide gewesen zu sein, aber das, da waren sie sich einig, seien sie ihrem Freund und Mentor einfach schuldig gewesen.