Lou Reed, Coney Island Baby, 1976

Produzent/ Lou Reed, Godfrey Diamond

Label/ RCA

So ein harmonisches Album hatte 1976 wohl kaum jemand noch von Lou Reed erwartet. Nachdem er das schier unanhörbare „Metal Machine Music“ veröffentlicht hatte und dazu etliche verrückte Interviews gegeben hatte, wurde er von vielen Hörern abgeschrieben. Damals klang jede Platte von Lou Reed ganz anders als die vorherige, niemand wusste, wohin er sich weiter entwickeln würde.

Doch mit „Coney Island Baby“ schien Reed endlich Boden unter den Füssen gefunden zu haben. Die acht Songs auf dem Album sind lässige, eingängige Melodien, die freilich nie banal werden. Dafür sorgt schon das gewisse Lou-Reed-Extrakt, das auch hier nicht zu überhören ist, und dass die Texte nicht bissig wären, kann man ebenfalls nicht behaupten. Aber dieses Lou-Reed-Extrakt dominiert nicht. Stattdessen gibt es mal Melancholie in ihrer musikalischen Form (das einfach schöne „Coney Island Baby“), mal swingt diese Melancholie und hat eine unwiderstehliche Melodie im Gepäck („Crazy Feeling“), mal ist es Rock’n’Roll à la Lou Reed ( „Ooohhh Baby“), und dann wieder erinnert es von Ferne an bodenständigen Folk („Nobody’s Business“). All das passt zusammen, man kann das Album am Stück hören, einfach so, weil man gerade etwas lässig-lockeres ohne unnötiges Gefuchtel hören will.

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Lou Reed, Walk On The Wild Side, 1973

Text/Musik/ Lou Reed

Produzenten/ David Bowie, Mick Ronson

Label/ RCA

Nach Auflösung der Kult-Avantgarde-Gruppe The Velvet Underground sah sich Lou Reed gezwungen, wieder ins Haus seiner Eltern zu ziehen und in der Buchprüfungsfirma seines Vaters zu arbeiten. Doch er hatte bald genug von den Jahresbilanzen und beschloss, mit Hilfe von Velvet Fan David Bowie, eine Solokarriere zu starten. Bowie – damals noch in seiner Ziggy-Stardust-Phase – produzierte Reeds zweites Album. Es enthielt drei Lieder, die Andy Warhol ursprünglich für ein geplantes Musical in Auftrag gegeben hatte, auf der Basis von Nelson Algrens Roman „A Walk on the Wild Side“ aus dem Jahr 1956. Die Show kam nie zustande, aber Reed übernahm den Titel für einen Song über das Leben einiger Strichjungen, die in Warhol’s Studio „The Factory“ in Manhattan ein- und ausgingen. So wurden die Taten von Holly Woodlawn, Candy Darling, Joe Dallesandro, Jackie Curtis und Joe „Sugar Plum Fairy“ Campbell in einem unerschrockenen, aber liebevollen musikalischen Porträt verewigt, mit weiblichem Backgroundgesang von den Thunderthighs und einem schmelzenden Saxophonsolo von Ronnie Boss (Bowies Saxophonlehrer aus der Kindheit).

Trotz vieler Anspielungen auf Transexualität, Oralsex und Drogen wurde „Walk on the Wild Side“ ein Top- Hit in den USA und Grossbritannien. Der Song machte Lou Reed legendär. Herbie Flowers erhielt für sein markantes Bassspiel keine fürstliche Belohnung; er er sah darin aber das normale Studiomusiker-Los: „Du erledigst deinen Job und machst dich vom Acker“.

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Lou Reed, This Magic Moment, 1995

Text/Musik/ Mort Shuman, Doc Pomus

Produzent/ Lou Reed

Label/ Rhino Records

„This Magic Moment“ war 1960 – mit Ben E. King als Leadsänger – ein Hit für die Drifters. 1968 gab es eine schnulzige Coverversion von Jay and the Americans und 1969 wurde der Song nochmals von Marvin Gaye interpretiert. Lou Reed hatte „This Magic Moment“ 1995 aufgenommen für das dem 1991 verstorbenen Songschreiber Doc Pomus gewidmete Tribute-Album „Till The Night Is Gone“.

Reed versuchte den Song, und das von den Drifters verbreitete Gefühl des Wunderbaren, aus der dumpfigen Grube des Hipster-Zynismus herauszuholen, doch er war nur mit halbem Herzen bei der Sache – seine Performance war mehr ein Studie in Sachen Coolness, als ein Unsere-Liebe-wird-nie-enden-Versprechen. Reeds Aufnahme erwachte erst ein Jahr später zum Leben, als David Lynch sie heranzog, um jenen Moment in „Lost Highway“ zu untermalen, wo die von Patricia Arquette gespielte Gangsterbraut in einer Autowerkstatt einem schwarzen Cadillac-Kabrio entsteigt und, in Superzeitlupe, an Balthazar Gettys Mechaniker vorbeigeht, der von ihrem Anblick völlig überwältigt ist. „Nimm dich in acht!“ sagt der Song, so wie Reed ihn in die Saiten seiner elektrischen Gitarre drischt. „Du wirst das Gesicht dieser Frau nie mehr vergessen! Lebend wirst du aus diesem Song nicht herauskommen“.

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Lou Reed, Rock & Roll, 1969

Text/Musik/ Lou Reed

Produzent/ Lou Reed

Label/ RCA

Rock ist überall, er war es nicht immer. Früher rauschte er auf der Mittelwelle, wenn überhaupt. Bevor MTV und die Privatradios ihn überallhin verbreiteten, musste er entdeckt werden. Lou Reed’s Song „Rock & Roll“, zum ersten Mal gespielt mit den Velvet Underground, ist halb Satire, halb Bekenntnis und lässt die Entdeckung wie eine Bekehrung aussehen: “ Jenny said, when she was just five years old/ There was nothin‘ happening at all/ Every time she puts on the radio/ There was nothin‘ goin‘ down at all, not at all/ Then, one fine mornin‘, she puts on a New York station/ You know, she couldn’t believe what she heard at all/ She started shakin‘ to that fine, fine music/ You know, her life was saved by rock’n’roll/ Despite all the imputations/ You know, you could just go out/ And dance to a rock’n’roll station“.

Das war 1969. Und zeigt schon das Problem, über Rock zu schreiben, ohne ihn zu hören. Zunächst passen Text und Musik nicht zusammen. Das Stück ist kein Rock’n’Roll-Stück, eher eine Folk-Nummer. Erst auf dem Live-Album „Rock N Roll Animal“ und an seinen Konzerten hat Reed den Song dann unter Strom gesetzt. Sein Gesang bleibt aber auch dort unterkühlt. Es war Mitch Ryder, der ehemalige Sänger der Detroit Wheels, der in seiner Version das Versprechen gesanglich/gestisch einlöste. Das verlieh der Nummer Kraft, brachte sie aber um ihre Ambivalenz.

Man muss nämlich gehört haben, wie achtlos Reed das Lied intoniert. Als traue er der Intensität nicht, die er beschwört. Er verspottet sie, indem er übertreibt, das Wort „Rock’n’Roll“ höhnisch dehnt, seine halbstarke Pose parodierend. Er geht auf Distanz, indem er Banales wiederholt und betont, scheinbar überflüssigerweise „not at all“ hinzusetzt, das „de-spite all the im-pu-ta-tions“ betont abhebt und in der zweiten Strophe bei „fine, fine music“ in mokierendes Falsett ausbricht. Ein Komiker wie Lou Reed tut das nicht ohne Absicht. Die Absicht ist, heiss zu sein und cool zu bleiben.

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Lou Reed, Berlin, 1973

Produzent/ Bob Ezrin

Label/ RCA

Nach dem Erfolg von „Transformer“ waren Kritiker unmd Fans begierig auf noch mehr mitreissenden, sexuell vieldeutigen Glam-Rock. Doch was Lou Reed ihnen auftischte, war wesentlich schwerere Kost.

Bis dato war „Berlin“ Reeds brutalstes Werk. Als „Film für die Ohren“ ist dies die Chronik vom Ende der Beziehung zwischen zwei Amerikanern (Caroline und Jim) in der geteilten deutschen Stadt. Die Songs winden sich durch Untreue („Caroline Says“), Drogenmissbrauch („How Do You Think It Feels“) und Gewalt („Caroline Says II“), und enden mit Carolines Selbstmord („The Bed“). Kalt weigert sich Jim, den Tod seiner Freundin zu betrauern, und „Sad Song“ schliesst mit mit den verstörten Zeilen „I’m gonna stop wastin‘ my time/ Somebody else would have broken both her arms.“

Produzent Bob Ezrin schuf den perfekten Breitwandsound zu Reeds Drehbuch – er holte sich eine erstklassige Studioband und unterlegte die zehn Tracks sorgfältig mit üppigen symphonischen Klängen. Das Resultat war glorreicher Orchesterrock, ganz anders als das minimalistische „Transformer“.

Für solch ehrgeizig düstere Projekte gab es noch kein zahlendes Publikum. Das Album wurde kommerziell ein Reinfall, doch die finstere Atmosphäre gab einer neuen Musikgeneration viel Anregung. Weniger als ein Jahrzehnt später würde man Ian Curtis von Joy Division für genau solche dunkle Tonbilder lobpreisen, für die man Reed noch gekreuzigt hatte.

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Lou Reed, The Blue Mask, 1982

Produzent/ Sean Fullan, Lou Reed

Label/ RCA

In „The Blue Mask“ schwankt Lou Reed zwischen rührenden Balladen („The Day J.F. Kennedy Died“, eine poetisch-politische Kindheits-Sentimentalität) und ausgelassener Trümmer-Heavy-Gitarre, die er aber, unabhängig von jedem Schwermetall-Code, rein expressionistisch einsetzt. In einem leicht Iggy Pop-mässigen Song erzählt er allen, die jemals daran gezweifelt haben: „I Love Women“. Auch an derer Stelle erinnert er an jenen grossen alten Mann, wenn er in dessen Art ungewöhnliche Bekenntnisse verkündet: „I Am Average“. Gleichzeitig ist wohl der Unterschied zwischen Pop und Reed überdeutlich. Dass nämlich der querlige Iggy „Girls“ liebt, der weise Lou aber „Women“, ordnet sie nicht nur in zwei musikalische Lager, sondern bestimmt auch ihre Weltanschauungen.

Während Iggy sich in seinen Alben oft auf Korsette und Konventionen einlässt, lebt Lou Reed in „The Blue Mask“ jeden Song aus. Das heisst: er gibt ihnen Luft. Dynamik. Die Schnulzen werden superschnulzig und die rockigen Sachen bekommen all den Lärm, den sie brauchen. Mal arrangiert er konventionell rockig, und bei dem Kennedy-Lied dürfen Backing-Mädchen für Country-Atmosphäre sorgen. Mal klingt es nach 64-Spur, mal nach 4-Spur-Demo.

In Wahrheit hat Lou Reed fast ohne Overdub gearbeitet, was vor allem seinem Gitarristen Bob Quine (Ex-Richard-Hell) zugute kommt. Er hat auch zurecht keine Angst, eigene Melodieeinfälle ( „Vicious“, „Satellite Of Love“) wiederzuverwenden. Und einmal erklingt eine nur von Gitarre begleitete bizarre Folk-Ballade, die er seinen Kindern zum Schlafengehen vorsingen könnte. Wenn es nicht gleich danach dieses dumpfe, gefährliche Bass-Intro gäbe…