The Milkshakes, 20 Rock And Roll Hits Of The 50′ and 60′, 1991

Produzent/ Will Hay

Label/ Big Beat Records

Schon als Pop Rivets hatten sie weltweit unbeachtet zwei LP’s veröffentlicht und waren in Eigenregie durch die Lande gezogen. In Hamburg hatten sie es sogar geschafft, im alten „Star Club“, wo sich längst das „Salambo“ etabliert hatte, für eine Nacht wieder „Star Club“ zu spielen. Echte Afficionados also!

Ich habe The Milkshakes 1982 kennengelernt, an einem Konzert im Berner ISC-Club, das mir unvergesslich geblieben ist. Ihre Musik ist ein Rhythm’n’Beat, so wie er Anfang der 60er gespielt wurde. Manchmal hört man auch alte Songs von Bo Diddley, Kinks oder den Beatles, aber die Milkshakes geben eine Atmosphäre wieder, die die meist geglättet aufgenommenen Original-Beat-LP’s kaum haben. Was andere Bands mit Rockabilly getan haben, nämlich die zeitgemässe Form eines alten Musikstils zu schaffen, haben die Milkshakes mit Starclub-Rock’n’Roll getan. Absolut leidenschaftlicher Sound mit John-Lennon-in-den-Flegeljahren-Stimme vom Sänger Billy Childish (absolut passender Name).

The Ramones, Leave Home, 1977

Produzent/ Tony Bongiovi

Label/ Sire Records

Manchmal verfolgt einen tage- oder sogar wochenlang eine Melodie, womöglich noch ein Schlager, den man eigentlich gar nicht ausstehen kann. So habe ich letzthin im Radio „Glad To See You Go Go Go“ von den Ramones gehört und seither nudelt dieses Lied vor meinem inneren Ohr. Auch von der Platte „Leave Home“, auf der sich der Song befindet, kann ich zur Zeit nicht genug bekommen, ich kann zur Tages- und Nachtzeit einen Song vertragen.

„Leave Home“ ist das zweite Album der Ramones. Geändert hat sich seit ihrem Debüt-Album nicht viel, nur dass „Leave Home“ vielseitiger produziert ist. Der Sound kommt für damalige Verhältnisse sehr „fett“ rüber. Die nächste Neuerung findet sich in den Backing Vocals, die auf dem Debüt noch eher rar gesät waren. Hier gibt es in so gut wie jedem Song eine zweite Stimme oder an die Beach Boys erinnernde Background-Chöre, die den rauen Gitarrenklängen entgegenwirkend einen Hauch Surf-Pop geben. Auch das Songwriting geht in eine etwas freundlichere Ecke, als die Lieder des ersten Albums. „I Remember You“ oder „Oh Oh I Love Her So“ sind da programmatisch. Aber für „Carbona Not Glue“ gab es wirklich Ärger, weil eine Reinigungsfirma ein Trademark auf diese Chemikalie angemeldet hatte. Der Song wurde von allen Nachpressungen des Albums genommen und durch „Sheena Is A Punk Rocker“ ersetzt.

The Clash, 1977

Produzent/ Mickey Foote

Label/ CBS Records

Das Debütalbum von The Clash wurde im April 1977 veröffentlicht. Ein Jahr nachdem die Ramones die Punk-Rock-Welle von New York aus mit ihrer ersten Platte in die Welt hinausschickten und ein halbes Jahr bevor die Sex Pistols mit „Never Mind The Bollocks“ die Punk-Bewegung auf die Spitze trieben. Punk war damals im besten Fall anarchstisch, im Sinne von „gegen alles“ und wollte sich ganz klar nicht politisch oder ideologisch einbinden lassen. Es war ein Anti-Alles, sogar gegen die Zukunft. Auch The Clash hatten mit dieser rabiaten Ausdruckskraft gespielt, aber in nuanciert vielfältiger Art. Sie hatten klassenbewusste und kämpferische Texte, die die Unzufriedenheit der englischen Kids in Worte fassten. Sänger und Gitarrist Joe Strummer war ein charismatischer Frontmann und Gitarrist Mick Jones und Bassist Paul Simonon zwei nicht minder starke Charaktere. Schlagzeuger Terry Crimes war nur auf dem Debüt zu hören und wurde später durch Topper Headon ersetzt.

Der Sound des The Clash-Debüts ist roh und unbehauen. Diese Energie steht durchaus auf Pfeilern der britischen Rockgeschichte; die Kinks- oder Troggs-Einflüsse sind nicht überhörbar. Die meisten der vierzehn Songs auf diesem Album bersten vor aufgestauter Wut und übertreffen sich im Geschwindigkeitsrausch. Titel wie „White Riot“, „I’m Bored With The U.S.A.“, „Hate & War“, „London’s Burning“, „Career Opportunities“ und  „Police & Thieves“ haben eindeutige Bezugnahmen auf die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse im UK der siebziger Jahre. 

Das Debütalbum von The Clash ist ein wichtiger Beitrag für die Geschichte des Punk. Es steht für eine Zeit des Aufbruchs, der künstlerischen Energie, des „Alles ist möglich, man muss es nur tun!“. Diese „echte“ Punkmusik hatte eine kollektive Energie, eine wilde Kreativität, wie sie nur aus Langeweile und Restriktion entstehen kann.

Syd Straw, War And Peace, 1996

Produzent/ Syd Straw

Label/ Capricorn Records

Die Karriere von Syd Straw verläuft auf ziemlich krummen Wegen. Sehr begabt, von Grossen umschmeichelt, als Backingstimme auf deren Aufnahmen genutzt, in unzähligen Booklets dankend erwähnt – nur sie selbst bekam es irgendwie nicht so richtig auf die Strasse! Ihre Stimme ist spröde, seltsam uncharmant, ihre Kompositionen im Kleinen schräg, obwohl es doch nur Rockmusik ist, eigentlich gar nichts ambitioniertes, es klingt nur oft so ungeniessbar. Dabei hatte sich ihre alte Firma Virgin sogar Mühe mit Syd Straw gegeben und sie durfte für ihr erstes Album „Surprise“ alles einladen was Rang und Namen hat, von Michael Stipe bis Richard Thompson, von Greg Leisz bis Marc Ribot usw. Trotzdem wurde „Surprise“ ein Flop. Spröde Songs, spröde Stimme – unverkaufbar.

Dann ein neues Label, immer noch ein grosses, aber offensichtlich kleines Budget. Für die Stars reichte es diesmal nicht mehr. Also einfach eine Rockband ins Studio eingeladen. Und das ist genau das Reizvolle an diesem Album – Die Skeletons die hier den musikalischen Background abgeben sind ganz Abgehangene, uralte Füchse, die zeitlosen Rock’n’Roll spielen – und das bekommt „War And Peace“ gut! Die Platte aus einem Guss; Syd Straw hat auch alle Texte selbst geschrieben und die Songs produziert: https://sydstrawmusic.bandcamp.com/album/war-and-peace-1996

The Clash, Give ‚Em Enough Rope, 1978

Produzent/ Sandy Pearlman

Label/ CBS Records

Mit ihrem zweiten, 1978 vom amerikanischen Produzenten Sandy Pearlman ( u.a. Blue Öyster Cult, Mahavishnu Orchestra) produzierten, Album lösten The Clash etliche Kontroversen innerhalb der damaligen Punk-Szene aus. Mainstream, Verrat schrien da einige ohne sich auch nur ansatzweise auf das Album einzulassen.

„Give ‚Em Enough Rope“ war die Einstimmung auf den Crossover-Klassiker „London Calling“ und braucht sich vor dem ebenfalls überragenden Debütalbum keinesfalls zu verstecken. Ich glaube auch nicht, daß sich Strummer, Jones und Kollegen dem amerikanischen Markt anbiedern wollten, denn dazu sind die Texte viel zu politisch. The Clash war das starre Korsett des Punk einfach zu eng und daher wandten sie sich anderen Sounds und Genres zu, um daraus ihre ureigene Musik zu entwickeln. Neben „klassischen“ Punk-Granaten à la „Tommy Gun“, „Safe European Home“, „English Civil War“ oder „Cheapskates“ finden sich Glam-Rock Anleihen, wie bei dem hymnischen „All The Young Punks“, Ska-Reggae „Julie’s Been Working For The Drug Squad“ oder gar straighter Hard-Rock „Guns On The Roof“, das von einem wüsten Abenteuer auf dem Dach eines Hotels handelt.

Ich höre dieses Album nach 40 Jahren immer noch gern. „Give ‚Em Enough Rope“ ist für mich ein weiterer Beweis für die überwältigenden Qualitäten dieser Londoner Band, auch wenn man das Album heute allzugerne in den riesigen Schatten ihrer beiden strahlenden Klassiker „The Clash (1977)“ und  „London Calling (1979)“ stellt.

Ian Dury, Sex & Drugs & Rock & Roll, 1977

Text/Musik/ Ian Dury, Chaz Jankel

Produzent/ Nobody

Label/ Stiff Records

Sex, Drugs & Rock’n’Roll. In dieser heiligen Trias werden der Hedonismus und das wilde Leben, die man mit der Rockmusik verbindet, gerne zusammengefasst. Der englische Songwriter, Pub-Rocker und für die Entstehung des Punk sehr wichtige Ian Dury hat diesen Slogan in einem Song unvergänglich gemacht: „Sex and drugs and rock and roll/ Is all my brain and body need/ Sex and drugs and rock and roll/ Are very good indeed.“

Natürlich schwingt in dieser banalen Botschaft Ironie mit, aber es ging Ian Dury tatsächlich darum einen alternativen Lebensstil zu propagieren: Es gibt mehr als das langweilige, einschränkende Leben der Eltern. Und um all die Komplexe und Hemmungen zu überwinden und aus den autoritären gesellschaftlichen Strukturen auszubrechen, sind Drogen genau das richtige Mittel. Es ist sicher kein Zufall, dass der Name Rock’n’Roll bereits in den 50er Jahren in erster Linie ein Slangausdruck für Sex war.

Heute ist der Begriff „Rock’n’Roll“ längst im Rentenalter. Auch der Sex ist nach dem Aufkommen von Aids in den 80er Jahren nicht mehr ganz so frei, und Drogen helfen auf Dauer weder der Produktivität noch der Kreativität. Doch der Klassiker „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“ von Ian Dury mit seiner unverwechselbaren Stimme im breiten Cockney-Akzent gesungen, hat nichts von seinem trockenem Charme verloren.

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Dr. Feelgood, Down At The Doctors, 1978

Text/Musik/ Mickey Jupp

Produzent/ Richard Gottehrer

Label/ United Artists Records

Pubrock war der proletarische Überrest des britischen Bluesbooms der 60er Jahre, eine Art Verweigerungshaltung gegen die Pink Floyds dieser Welt, knochentrocken, laut, eine Zwischenlösung, bis Punk aus der Ablehnung der Supergruppen mehr machte als Wochenendfrustration. Die Pubrocker waren unter den Punks geachtet, alte Männer in deren Augen, fast schon dreissig, die aber immerhin keinen Ausverkauf betrieben, und nie hat jemand schlecht geredet über Dave Edmunds, Nick Lowe, Mickey Jupp oder Dr. Feelgood.

Dr. Feelgood wurden 1971 auf Canvey Island in der Nähe von Southend, Essex, von Sänger Lee Brilleaux und Gitarrist Wilko Johnson gegründet. Zuerst spielten sie Chuck Berry und Elmore James nach und machten die Backing Band für einen britischen Schlager-Star um Geld zu verdienen. Aber bald besannen sich Dr. Feelgood auf ihre eigentliche Liebe, den Rhythm & Blues. Mit Brilleaux hatte die Gruppe einen charismatischen Sänger und in Wilko Johnson einen guten Songschreiber. 1974 machten sie eine erste LP für United Artists; schon der Zweitling „Malpracrice“ (1975) kam in die Top Twenty. LP Nummer 3 sicherte ihnen die Nummer 1 in Englands Hitparaden: ein Live-Album mit dem Titel „Stupidity“.

Nach vier Platten stieg Wilko Johnson aus und wurde durch Gypie Mayo ersetzt. Lee Brilleaux verpasste der Gruppe einen feineren Studiosound, holte sich Nick Lowe als Produzenten und hetzte seine Privatpraxis an durchschnittlich 250 Abenden im Jahr auf die Bühne. Dies kostete allerdings seinen Preis: Anfang der 80er Jahre stiegen nacheinander Gypie Mayo und die Original-Mitglieder der Gruppe aus, was Lee Brilleaux zur Unterweisung neuer Krankenschwestern zwang. Vorher hatte er aber mit der alten Garde noch zwei veritable Single-Hits veröffentlicht: „Milk & Alkohol“ und „Down At The Doctors“. Letztgenannter Song gehört zu meinen Lieblingen, wenn es um britischen Blues- respektive Boogie-Rock der 70er Jahre geht.

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Pretenders, 1980

Produzent/ Chris Thomas, Nick Lowe

Label/ Real

Der Punk gab vor, dass das Geschlecht unwichtig sei, doch Chrissie Hyndes Kollegen von den Sex Pistols und The Clash nannten sie trotzdem eine vorlaute Yankee-Lady ohne jede Chance. Die Lady aus Ohio war zur richtigen Zeit am richtigen Ort: sie war in London gelandet und arbeitete für den „New Musical Express“. Doch als Aufruhr und Anarchie ausbrachen, war Hynde eine Mitläuferin.

Schliesslich sagte ihr Lemmy (Motörhead) die Meinung – „mach mit oder halt’s Maul“ – und sie rekrutierte Peter Farndon (Bass), James Honeyman-Scott (Gitarre) und Martin Chambers (Drums). Ein Cover von „Stop Your Sopping“ von den Kinks, produziert von Nick Lowe gab eine Kostprobe von Hyndes aussergewöhnlicher Stimme, sie bewies aber noch kein Songwriting-Talent.

Diesen Beweis lieferte das Album. In präzis gestrickten Stories von Lust und Leiden trägt Hyndes zu abgehackten Riffs ihr honigsüsses Gift vor. Die A-Seite ist teuflisch; Highlights sind das verzweifelte „Baby, fuck off“ in „Precious“, Honeymoon-Scotts Tribut an die Gitarristen-Vorbilder beim Solo von „Tattooed Love Boys“ und das erstaunliche „The Wait“. Auf der B-Seite kommt der Hit „Kid“, das grüblerische „Private Life“ (das prompt von Grace Jones gecovert wurde), das unwiderstehliche „Brass In Pocket“ und das mutige „Mystery Achievement“ als Vorschau auf das prägnantere „Pretenders II“.

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The Clash, London Calling, 1979

Produzent/ Guy Stevens

Label/ CBS

Schon wieder trinken sie an allen Ecken auf Weihnachten, die lieben Heilsarmeekapellen, und preisen den Heiland, als ob er der leibhaftige Elvis wäre. Das erinnert mich daran, dass vor vierzig Jahren, im Dezember 1979, das Doppelalbum „London Calling“ von den Clash erschienen ist. Ich muss zugeben, dass mir die Selbstmythologisierung der Band und ihre Art über Politik zu singen, ohne viel Ahnung zu haben, damals ziemlich auf den Wecker gingen. Heute kann ich mich eines Nostalgieanfluges nicht erwehren. Was mir an der Band im Nachhinein besonders imponiert, ist, dass sie der mit gewöhnlichem Vokabular unfassbaren Aggression der Sex Pistols eine rock’n’rollende Punksprache entgegensetzten, die jeder verstand.

„London Calling“ war das definitive Statement der Band nach dem Punkmanifest der ersten LP und der US-orientierten Produktion „Give Em Enough Rope“. Für die beiden Songwriter Joe Strummer und Mick Jones gab es nun ausser Punk und Reggae auch andere Einflüsse wie Rockabilly ( „Brand New Cadillac“) , Pop ( „Lost In The Supermarket“ ) und R&B ( „I’m Not Down“ ), während Simonon die düstere Hymne „Guns Of Brixton“ schrieb. „Spanish Bombs“ war ein politisches, bewegendes Lied, aber erst die hackende Basslinie, die schneidende Gitarre und der fetzende Gesang des Titelsongs verschafften der Band ihre grösste Hitsingle.

Das Tüpfelchen auf dem i erhielt die Platte durch Guy Stevens Produktion. Seit Ende der sechziger Jahre war Stevens ein genialer Unternehmer in der Plattenindustrie; dann kam eine Durststrecke, aber sein enthusiastischer Ansatz überging die einschüchternde Reputation der Band. Das Cover spielt bewusst auf das erste Album von Elvis an, obwohl das Photo von Simonon kurz vor dem Zertrümmern seiner Bassgitarre purer Punk ist. „London Calling“ ist eines der raren Alben, das die Ära definiert und dabei zeigt, wie die Musiker ihre Kunst in den Griff bekamen.

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L7, Pretend We’re Dead, 1992

Text/Musik/ Donita Sparks

Produzent/ Butch Vig

Label/ Reprise Records

Die Neunziger hatten gerade begonnen, da kam im „Rock Special“ ein Song aus den Boxen, wie ich ihn noch nie gehört hatte. Wohl wusste ich, dass Frauen nicht nur als Staffage für Hardrockvideos gut waren. Dass sie aber derart hart rocken, das hatte ich weder von Suzi Quatro noch von Joan Jett gelehrt. „Get out of my way or I’m gonna shove“, keifte Suzi Gardner, und selbst vor dem Radio regte sich der Fluchtreflex.

Bald hörte ich, dass es da ein neues Phänomen namens Riot Grrrls gab. Diese Frauen redeten nicht nur von Feminismus, sondern schritten zur symbolträchtigen Tat. Als 1992 bei Reading Festival Schlamm auf die Bühne flog, warf Frontfrau Donita Sparks ihren Tampon in die Menge.

1999 stellen L7 den Betrieb erst einmal an, doch 2014 kam es zu einer Reunion. Und so ist das Original-Line-Up seit 2014 wieder unterwegs. Neue Songs gibt es keine, aber wer sich auf Youtube Ausschnitte ihrer Konzerte aus den letzten Jahren ansieht, wird feststellen, dass Songs wie „Pretend We’re Dead“, „Shitlist“ und „Shove“ noch immer zünden. Tampons werfen die Musikerinnen heute eher nicht mehr von der Bühne, sowas brauchen Frauen der Generation 50+ wohl auch nicht mehr so häufig.