Roxy Music, Country Life, 1974

Produzent/ John Punter, Roxy Music

Label/ Island

Für das Jahr 1974 ein geradezu unverschämtes und schockierendes Cover. Zwei Frauen in Dessous, die eine mit eindeutiger Geste, ihre Hand im Schritt, während die andere ihren Busen mit den Händen bedeckt. Aus heutiger Sicht mehr als harmlos, die Werbung bietet solches am Fliessband und kaum einer schaut noch hin.

Um so mehr ist „Country Life“ ein hörenswertes Album geblieben. Das Piano-Intro von „The Thrill Of It All“ verspricht einiges, dann legt die Band los, ein eleganter Glam-Art-Pop-Rock und dann die bebend-vibrierende Stimme Bryan Ferrys mit manierierten Schlenkern. Auf „Three And Nine“ gibt es den sanfteren Bryan Ferry. Ein verspielt-erheiternder Song, stylish würde der Engländer sagen. „All I Want Is You“ hat lärmendes Instrumentarium und angeschrägte Melodie, Ferry singt unterkühlt, aber geschmeidig. „Out Of The Blue“ beginnt disharmonisch, Ferrys befreiter Gesang fügt dem Song poppige Strukturen hinzu, die Band schlägt Haken, die von Glam-Pop bis zu exzessiven Prog-Rock-Exzessen reichen. Danach wird’s fast rock-klassisch gemütlich mit „If It Takes All Night“, während „Bitter Sweet“ mit Marschrhythmen und deutschem Liedgut spielt: „Nein – das ist nicht/Das Ende der Welt/Gestrandet an Leben und Kunst/Und das Spiel geht weiter/Wie man weiss/Noch viele schönste…wiedersehn“. So weit so deutschgut. Wie ein fanfarisches Zwischenspiel klingt „Triptych“. Das furios-schrille „Casanova“ mit einem Bryan Ferry in Höchstform, Tremolos mit Sex-Appeal und fragend: „Now you’re flirting/With heroin/Or is it cocaine?“. „Mit A Really Good Time“ wagen sie ein wohl nicht so ernst gemeintes Klassik-Rock-Crossover. Zu guter Letzt nochmals Glam-Art-Pop-Rock, mit „Prairie Rose“. „Country Life“ gehört neben „Stranded“(1973) und „Siren“ (1975) zu den besten Alben von Roxy Music.

Roxy Music, Virginia Plain, 1972

Text/Musik/ Brian Ferry

Produzent/ Peter Sinfield

Label/ EG

Roxy Musik waren auf so natürliche Weise unnatürlich, dass von Anfang klar war: Hier kommt die Zukunft im Glitzerkostüm. Die Musik setzte sich aus postmodernen Rock’n’Roll-Bausteinen zusammen, die nur als zitathaftes Festmachdings dienten, als eklektische Walls of Sound, in die man nach Belieben burleske Elemente von Jazz bis Disco, von elektronischer Avantgarde bis Gospel als verdübeln konnte. Man assoziierte Roxy Musik mit Überfluss, Dekadenz, Luxus und Subversion – Begrifflichkeiten, die auf den überstilisierten Covern der ersten Platten durch glamouröse Models getriggert wurden und gleichzeitig eine ironische-transsexuelle Brechung hatten.

Am besten gefällt mir dieser Song „Virginia Plain“ von dem Debütalbum. Die Aufnahme ist so aufgepumpt mit Adrenalin, so überdreht stilwütig, dass einem jedesmal der Atem wegbleibt. Auch 50 Jahre danach, bin ich noch fasziniert von dieser Raserei aus Synth-Plasma, einem improvisierten Gitarren-Solo und Brian Ferrys herrlich dekadentem Chic: „Baby Jane’s in Acapulco, we are flying down to Rio.“