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Roxy Music, 1972

Produzent/ Peter Sinfield

Label/ Island

Roxy Musics erste LP wurde in 19 Tagen eingespielt und zählt immer noch zu den aufregendsten Debütalben aller Zeiten. Sänger Bryan Ferry und Bassist Graham Simpson verliessen Newcastle und die R&B-Band Gasboard und gingen nach London. Dort gründeten sie zusammen mit Gitarrist Phil Manzanera, Saxophonist Andy Mackay, Drummer Paul Thompson und dem Synthesizer-Genie Brian Eno die Band Roxy Music.

Roxys innovativer Mix aus Fifties-Rock, bellendem Saxophon und modernster Elektronik war inspiriert von Ferrys Interesse an Pop-Art.

Auf dem pompösen Cover setzte sich das Model Kari Ann Muller als Fifties-Starlet in Szene. Aufgrund der Live-Reputation der Band verkaufte sich das Debütalbum von Roxy Music so gut, dass es bald in die UK-Charts kam (nach der erfolgreichen Single „Virginia Plain“). Der Anfang macht die Cocktailparty auf „Re-Make/Re-Model“ (nach Boshiers Gemälde Re-Think/Re-Entry), die sich mit bizarren Einlagen und elegantem Gesang zum Glam-Rock-Fetzer steigert.

Enos Sound-Rekonstruktion einer Mondlandung verblüffte als Hintergrund für moderne und klassische Instrumente auf „Ladytron“. Auf „Would You Believe?“ und dem futuristischen „If There Is Something“ zwischen Enos Moogs und Mellotrons im Kontrast zu Manzaneras heissen Gitarren.

Nach dem hektischen Jahr liessen die Ausfälle nicht auf sich warten: Simpson ging und Ferry kam total heiser ins Krankenhaus. Trotz Einbeziehung von „Virginia Plain“ auf der US-Version war das Album ein Flop, doch Roxy Music wurde ein wichtiger Einfluss für den UK-Punk und andere Bands.

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Brian Eno 1974 in Luzern an einer Ausstellung über Travestie. Eno hatte eben Roxy Music verlassen und sein erstes Solo Album „Here Come The Warm Jets“ veröffentlicht.

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Bryan Ferry, Frantic, 2002

Produzent/ Rhett Davies

Label/ Virgin

Ganz und gar nicht nostalgisch kommt Bryan Ferry auf seinem elften Soloalbum „Frantic“ rüber, auch wenn er dafür den guten, alten Rock, Blues, Country und Folk wieder entdeckt hat. Heiter, gelassen, bisweilen sogar ausgelassen präsentiert er unter der Regie von Produzent Rhett Davies neben Coverversionen auch eigene Songs und eine Truppe, die sich hören lassen kann.

Mit den ehemaligen Roxy-Mitgliedern Paul Thompson, Schlagzeug, und Brian Eno ist es eine kleine Band-Reunion geworden, dank Gitarrist Chris Spedding, dem alten Weggefährten, streckenweise eine musikalische Fortsetzung von Ferrys erster Solo-Scheibe, „These Foolish Things“, nicht nur, weil Ferry gleich zwei Dylan-Nummern covert.

Der radiotaugliche Country-Swing „It’s All Over Now, Baby Blue“ macht enorm gute Laune, auf „Don’t Think Twice“ tremoliert Ferry atemlos zur Mundharmonika und dem Piano. „Goin‘ Down“ von Don Nix wird zum hypnotischen Blues, beim Leadbelly-Klassiker „Goodnight Irene“ betritt eine komplette Cajun-Band die Bühne. Aus Dave Stewarts Feder stammen „Goddess In Love“  – in Gedenken an Marilyn Monroe mit Eno als Zweitstimme – und das witzige Luderliedchen „Cruel“. Gitarrist Johnny Greenwood von Radiohead glänzt auf dem elegischen „Hiroshima“, „Fool For Love“ lässt mit Zeilen des Mittelalterbarden Richard Löwenherz Frauenherzen schmelzen. Und mit dem melodramatischen „San Simeon“, das auch im Text an Ferrys pathetisches 70er-Paradestück „In Every Dreamhome A Heartache“ anknüpft, setzt Ferry noch eins drauf. „I Thought“, von Eno, ist jedoch das Highlight, ein leicht dahinfliegender Federball, der sich in wehmütigen Prärie-Rosen verfängt, bevor es ihn endgültig hinwegweht und wir überwältigt ins Spitzenkissen sinken und „Yuppi-Yeh“ rufen.

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Roxy Music, Virginia Plain, 1972

Text/Musik/ Brian Ferry

Produzent/ Peter Sinfield

Label/ EG

Bryan Ferry behauptete einmal, in Sachen Songwriting habe ihn Smokey Robinson am meisten beeinflusst, aber dem Hörer fällt es schwer, die Verbindung zwischen jenem Motown-Künstler und dem pseudo-schnulzigen Gesang samt Science-Fiction-Soundeffekten auf der erste Roxy-Music-Single herzustellen. Wenn etwas als Vorbild taugt, dann der hypnotisch-rhythmische Stil von The Velvet Underground, einer Gruppe, die Roxys bandinterner Tüftler Brian Eno als wichtigsten Einfluss (auf ihn und jeden, der sie gehört hatte) pries.

Die Klanggewalt des Songs ist monumental, eine „Wall of Sound“, die in einen Trümmerhaufen zerfällt: Weltraumgeräusche aus Enos koffergrossem VCS3-Synthesizer, Phil Manzaneras Ad-hoc-Gitarrensolo, Andy Mackays schräges Saxophon, Ferrys stampfendes Klavier und das Geräusch eines aufheulenden Motorrades (aufgenommen von einem mikrophonbestückten Roadie, der auf dem Motorrad durch London fuhr).

Ferry schräger, sprücheklopfender Text bezog sich auf ein Gemälde aus der Zeit seines Kunststudiums und vermengt Tabakwerbung-Metaphorik mit einem Porträt von Warhol-Gefolgsfrau Baby Jane Holzer, deren Frisur, die „Holzer-Mähne“ 1964 für eine Modesensation gesorgt hatte. Der Einfluss Warhols, als Pop-Art-Guru und einstiger Produzent von Velvet Underground, ist im ganzen Song deutlich spürbar. Der mit Amerikanismen vollgestopfte Text – eine Welt aus jugendlichen Rebellen am Drive-In, swingenden Hipstern, nächtelangem Cha-Cha-Cha-Tanzen und dem Musical „Flying Down to Rio“ (1933) – ist eine Collage aus Anspielungen auf die Pop-Kultur. Und von Smokey Robinsons „Tears of a Clown“ weit entfernt.

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Roxy Music, For Your Pleasure, 1973

Produzent/ Chris Thomas, Roxy Music

Label/ E.G. Records

Mit ihrem Debütalbum erregten Roxy Music Mitte 1972 grosses Aufsehen, mit der Single „Virginia Plain“ hatten sie im Spätsommer des gleichen Jahres ihren ersten Tophit in England. Gespannt warteten die internationalen Musikjournalisten und Fans auf das zweite Album. Die Erwartungen waren riesig, stellte sich doch die Frage, handelt es sich hierbei um ein kurzfristiges Phänomen, das seine Kreativität schon mit einem Album verpulvert hat, oder handelt es sich wirklich um eine innovative Gruppe.

Um das Interesse an LP Nr. 2 „For Your Pleasure“ anzuheizen, wurde im Februar 1973 die Single „Pyjamarama“ (die letztendlich nicht auf dem neuen Album war) veröffentlicht. Die Erwartungen an das neue Album waren gross, und wurden nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil! Gleich das Cover bietet einen Blickfang: Vor der nächtlichen Skyline von London posiert das Topmodell Amanda Lear mit einem Puma. Im Innencover präsentieren sich fünf scheinbar fröhlich aufgelegte Musiker im schrillen Outfit. Das Album beginnt mit „Do The Strand“, einem kraftvollen, herrlich chaotischen Rocker. Mit „Beauty Queen“, „Strictly Confidential“ und „Editions Of You“ folgt ein Knaller nach dem anderen, durchsetzt mit Andy McKays kraftvollem Saxophonspiel, elektronischen Einlagen von Brian Eno und Bryan Ferrys markante Stimme. „In Every Dream Home A Heartache“ ist eine „experimentelle“ Ballade, mit allerlei schrägen Elementen. Unkonventionell, schräg und und innovativ auch „The Bogues Man“, ein Stück, das sich stilistisch nirgendwo einordnen lässt. Richtig erdig dagegen kommt „Grey Lagoon“, eine mitreissender Rock’n’Roll-Nummer im Stil der 50er Jahre, aufgepeppt im Glamrockgewand der frühen 70er Jahre. Hier kreischt das Saxophon, klimpert das Piano in bester Boogie-Woogie-Manier und Bryan Ferry spielt ein derartig geiles Mundharmonikasolo. So und nicht anders würden Chuck Berry, Little Richard oder Jerry Lee Lewis klingen, wenn sie mit ihrer Musik Anfang der 70er Jahre gestartet wären. Eine Spur sanfter aber um so expressiver „For Your Pleasure“, das letzte Stück, welches einmal mehr durch die elektronischen Spielereien von Brian Eno geprägt wird.

Wer Spass an schräger Musik hat, der wird dieses Album mögen. Und nebenbei erfährt man, wo David Bowie seine musikalischen Ideen für seine Alben „Station To Station“, „Low“ und „Heroes“ bezogen hat. „For Your Pleasure“ ist ein echtes Meisterwerk der Rockmusik der 70er Jahre.