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Elvis Presley, Tomorrow Is A Long Time, 1966

Text/Musik/ Bob Dylan

Label/ RCA Victor

1966 erwarteten nur noch eingefleischte Elvis-Fans Grosses von ihrem Idol. Dennoch machte Presley im Mai und im Juni jenes Jahres einige seiner bedeutendsten Aufnahmen seit seiner Glanzzeit. Bei diesen Sessions – aus denen das Gospel-Album „How Great Thou Art“ hervorging, das dem King einen Grammy und sein musikalisches Comeback einbrachte – wurde auch eine Version von Bob Dylans „Tommorrow Is A Long Time“ aufgenommen, die Dylan als sein Lieblingscover bezeichnete.

Das war nicht Presleys einziger Ausflug in Dylans Diskographie. Etwa zu gleichen Zeit nahm er zu Hause „Blowin‘ in the Wind“ auf und coverte „I Shall Be Released“. Sein „Tomorrow Is A Long Time“ orientierte sich jedoch an einer gewissen sparsamen, bluesigen Version der Folksängerin Odetta, die ihrerseits Dylan beeeinflusst hatte. Völlig im Gegensatz zu dem, was Presley damals sonst lieferte, war dieser Track gespenstisch und mit über fünf Minuten ungewöhnlich lang.

Dylans eigene Version (ursprünglich gedacht für „The Freewheelin‘ Bob Dylan“, 1963) erschien lediglich als Live-Take auf seinem 1970er Album „Greatist Hits Vol.II“. Gecovert wurde der Song u.a. von Rod Steward, Nick Drake und Sandy Denny, aber keine Version reicht an die von Elvis Presley heran.

Elvis Presley, Mystery Train, 1955 (Mystery Train, 1989)

Text/Musik/ Junior Parker, Sam Phillips

Produzent/ Sam Phillips

Label/ Sun Records

Bereits dem Titel lässt sich entnehmen, dass der Film „Mystery Train“ von Jim Jarmusch eine Hommage an die Rock-’n‘-Roll-Musik beinhaltet, denn „Mystery Train“ heisst auch ein Song von Elvis Presley. Der gleichnamige Song eröffnet den Film und Elvis bleibt über die gesamte Erzählung hinweg ein zentrales Thema.

In drei Episoden schildert der Film das Alltagsleben völlig unterschiedlicher Individuen. Der Handlungsort aller drei Episoden ist Memphis, die Heimatstadt von Elvis Presley. Die erste Episode erzählt von einem jungen japanischen Liebespaar, welches als grosse Rock-’n‘-Roll-Fans Graceland und die Sun Studios besuchen wollen. Die zweite Episode handelt von einer verwitweten Italienerin, die allerhand eigenartige Begegnungen macht, unter anderem mit Elvis Presleys Geist. In der letzten Episode dreht sich alles um die Probleme von Johnny, der den Spitznamen Elvis trägt. Er wurde von seiner Freundin verlassen, hat seinen Job verloren und gerät mit seinen Freunden in noch grössere Schwierigkeiten.

Jarmuschs Hingabe zur Rock-’n‘-Roll-Musik äussert sich im Film neben dem allgegenwärtigen Elvis Presley auch im Soundtrack, welcher mehrere Rock-’n‘-Roll-Klassiker aufweist, darunter Songs von Otis Redding, Rufus Thomas und natürlich auch Elvis. Neben Elvis‘ Version des Songs „Mystery Train“ ist auch jene von Blues-Sänger Junior Parker zu hören, welche zwei Jahre zuvor erschienen ist. Zudem finden sich in der Besetzung des Films Grössen der Rockmusik wieder. Joe Strummer, Frontmann der Punkband The Clash, Blues-Legende Screamin‘ Jay Hawkins, Rufus Thomas und Tom Waits haben Auftritte in Mystery Train.

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Elvis Presley, Blue Suede Shoes, 1956

Text/Musik/ Carl Perkins

Produzent/ Steve Sholes

Label/ RCA

Meine blauen Wildlederschuhe

Im Sommer 1957 sah ich sie im Schaufenster eines Schuhgeschäftes in Vechta ausgestellt. Ich ging rein und kaufte sie mir. Sie standen mir gut, und ich sagte zu dir, mach was du willst, aber tritt mir bloss nicht auf die neuen Wildlederschuhe.

Einmal wegen des Geldes und dann wegen der Schau und schliesslich sind die Schuhe so unwahrscheinlich blau; mach was du willst, aber tritt mir nicht auf die neuen Wildlederschuhe, meine neuen, blauen Wildlederschuhe, die blauen Wildlederschuhe, mach was du willst, aber tritt mir bloss nicht auf die neuen blauen Wildlederschuhe, war alles was ich denken konnte, als ich mitten in dem Sonnenlicht langsam auf dich zuschlenderte.

Rolf Dieter Brinkmann

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Elvis Presley, Mystery Train, 1955

Text/Musik/ Junior Parker, Sam Phillips

Produzent/ Sam Phillips

Label/ Sun Records

„Mystery Train“ war die letzte Aufnahme, die Elvis für Sam Phillips machte. Der Song beschreibt einen langen schwarzen Dampfzug, der die Geliebte hinwegführt. Zwar wird am Schluss eine Wiedervereinigung inszeniert, aber das Happy-End klingt unglaubwürdig, es kontrastiert mit der Atmosphäre des Songs. Doch von Kontrasten handelt das ganze Stück. Das Glück ist überschattet in „Mystery Train“, die Trauer exaltiert.

Der Song selbst erzeugt die Bewegung, von der die Rede geht. Elvis‘ Raspeln auf der akustischen, Scotty Moores fast banjoartige Countrylicks auf der elektrischen Gitarre, der hüpfende Bass, das klappernde Minimalschlagzeug suggerieren das Rattern und Rollen des Zuges. Nur die Stimme, scheint es, lässt sich nicht mitziehen. Sie singt nicht vom schnellen, sondern vom langen Zug.

Man muss hören, wie Elvis die Zeilen singt, wie er das Ziehen der Lok und das Rattern der Räder, Abschiedsschmerz und Wiedersehenshoffnung, Ankommen und Fortgehen kollidieren lässt. Das „train I ride“ hat etwas Jubilierendes, man hört das hohe Pfeifen der davonfahrenden Lokomotive, während das „sixteen coaches long“ in der ersten, das „coming round the bend“ in der zweiten Strophe punktiert wird wie die sechzehn Wagen, die von der Lok gezogen werden. Elvis singt „coming do-hown the be-hend“. Die ersten Zeilen verströmen Optimismus, jugendliches Irresein, das später quer zu den Country-Pickings der Gitarre, mit Bluesschwermut überzogen wird.

Der Blues ist endlos wie die Arbeit, und auch der „Mystery Train“ führt nirgendwohin; er hat kein Ziel, weil er keine Richtung hat. Diese Tatsache wird betrauert. Da sie unverrückbar ist, kann sie ebensogut gefeiert werden. Noch ganz im Blues aufgehoben, singt Elvis zum ersten Mal davon, was ihn den Rest seines Lebens ereilen wird.

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Elvis Presley, Hound Dog, 1956

Text/Musik/ Jerry Leiber, Mike Stoller

Produzent/ Steve Sholes

Label/ RCA

Als Mike Stoller 1956 von einer Europareise zurückkam, hatte Songwriter-Kollege Jerry Leiber gute Neuigkeiten für ihn: Ihr Song „Hound Dog“ war ein Riesenhit – nicht mit Big Mama Thornton, die das Stück 1953 aufgenommen hatte, sondern mit „so einem jungen weissen Kerl namens Elvis Presley“.

Thorntons Original ist langsam, frech und bluesig. Stoller fand Presleys Version anfangs „irgendwie steif und etwas zu schnell; ein bisschen nervös“; für Leiber war es „eine Menge Krach“, mit anderen Worten: erstklassiger Rock’n’Roll. Elvis spuckte die Worte ins Mikrophon, D.J. Fontana trommelt wie ein Maschinengewehr und Scotty Moore liefert funkensprühende Gitarrensoli.

Nach seinem Auftritt in der „Milton Berle Show“ hatte Elvis sexy Hüftschwung einen Sturm der Empörung beim Publikum entfacht. Als öffentliche Busse für seine „Sünden“ trat er am Abend vor dem Aufnahmetermin im Smoking in der „Steve Allen Show“ auf und sang den Song einem ungerührten Basset vor. Nach all dem Ärger steckte er seine gesamte Energie in die Studioaufnahmen am nächsten Tag. Im Verlauf von etwa 30 Takes entstand eine rauhe, höhnische, vor Energie knisternde Version. Das Resultat: ein genreprägender, sieben Millionen Tonträger schwerer US-Kult-Hit.