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David Bowie, Heroes/Helden, 1977

Text/Musik/ David Bowie, Brian Eno

Produzent/ David Bowie, Tony Visconti

Label/ RCA Records

In David Bowies „Heroes/Helden“ kulminierte alles, was 1977 im Angesicht von Englands „No Future“ zu sagen war: die distanzierenden Anführungszeichen zum Helden, dieses Wir-gegen-die-Welt-mit-dem-Rücken-zur-Wand-Gefühl, dazu die politische Kulisse der Berliner Mauer, Schüsse peitschen durch die Luft, doch vor allem – „just for one day“. Die Geschichte eines einzigen glücklichen Tages setzte den trotzigen, hoffnungsvollen Gegenentwurf zur alten Jugendhymne „My Generation“ mit dem legendären „I hope I’ll die before I get old“ oder zur kommenden Losung Neil Youngs „Better to burn out than it is to rust.“ Und die deutsche Sprache fügte zur richtigen Haltung noch Tiefe: „Und die Scham fiel auf ihrer Seite /und wir können sie schlagen/ für alle Zeiten/ dann sind wir Helden/ für diesen Tag.“ Am Rande des stimmlichen Abgrunds schrammt er, kratzt an den grössten Gefühlen, versteht nicht die Sprache, nur ihren Klang.

Bowie stand damals im Zentrum der Aufmerksamkeit und die amerikanische Rockmusik musste sich über Deutschland und Berlin Gedanken machen. Zudem hatte sich Bowie als Maler im expressionistischen Stil nach deutscher Heckel-Manier profiliert, er spielte, gar neben Marlene Dietrich, in einem Kostümfilm, aus den dreissiger Jahren. „Just A Gigolo“. Dass er einen Titel seines Albums „Heroes“ nach dem Berliner Stadtteil „Neukölln“ nannte, einen anderen nach Florian Schneider von Kraftwerk – allerdings in der martialischen Verbindung „V-2-Schneider“ – schlug in dieselbe Kerbe.

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David Bowie, Rebel, Rebel, 1974

Text/Musik/ David Bowie

Produzent/ David Bowie

Label/ RCA Victor

Wer nicht rebelliert, schockiert. Die Schocker der 70er Jahre begehrten gegen die Rebellen der 60er Jahre auf, indem sie ihren Machismo attackierten. Daraus entstand die Figur des androgynen Stars, wie er in den 70ern von David Bowie oder Marc Bolan, in den 80ern von Prince und Madonna perfektioniert wurde.

David Bowie hat 1974 einen Song geschrieben, der die Auflösung der einen Rolle durch die andere, des Rebellierens durch das Schockieren, des Hetero- durch das Bisexuelle zum Inhalt hat. Mit einer „bodentiefen Verneigung vor den Stones“ parodiert Bowie das Gitarrenriff von „Satisfaction“ und beginnt mit den Zeilen: „Got your mother in a whirl/ She’s not sure you’re a boy or a girl.“ um später den Refrain nachzuschieben: “ Rebel rebel, you’ve torn your dress/ Rebel rebel, your face is a mess/ Rebel rebel, how could they know?/ Hot tramp, I love you so“.

„Rebel Rebel“ schon die Verdoppelung verhöhnt den Gestus – feiert einen Subversionsmythos, der in einer Hymne auf androgyne Verlockungen verhöhnt wird. Camp heisst diese Rolle, der Bowie seinen Karrierestart verdankt.

Der Begriff, einst Ausdruck für homosexuelle Kommunikationsgestik in repressiven Zeiten, war von der amerikanischen Schriftstellerin Susan Sontag bereits 1964 in ihrem Buch „Notes On Camp“ kulturell verallgemeinert worden. Der Unterschied zwischen Dandy und Camp, so Sontag, liege in der Einstellung zur Vulgarität: Camp beflügle sich nicht am Wahren und Guten, sondern am schlechten Geschmack der anderen.

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David Bowie, The Jean Genie, 1972

Text/Musik/ David Bowie

Produzent/ Ken Scott, David Bowie

Label/ RCA

Nach Aussage von David Bowie ist der französische Schriftsteller Jean Genet die Inspiration für den Song Jean Genie gewesen. Zumindest sagte er das. „This song is about a New York lady and a guy who lives in New York and he’s called Jean Genet”, summte er 1972 bei einem Live-Auftritt in London ins Mikrofon, um daraufhin das rustikale Werk anzustimmen.

Der Song ist absichtlich hart und minimalistisch in Szene gesetzt. Zu Zeiten als die Rockmusik immer pompöser wird, wollte Bowie einen Kontrastpunkt setzen. Die Bewunderung zu Jean Genet war echt. Bowie selbst war der lebende Widerstand, optisch eine einzige Provokation und ein musikalisches Genie, aber die Behauptung, der Song sei für Jean Genet geschrieben, war reine Angeberei.

Glaubhafter ist, dass der Song in der Wohnung von Cyrinda Foxe entstand. Cyrinda war zu diesem Zeitpunkt Model für die Jeansmarke „Jean Genie“. Angeblich wollte Bowie die Dame beeindrucken und schrieb den Song, während sie ihm zuschaute. Dafür spricht auch, dass Cyrinda im offiziellen Musikvideo zu sehen ist. Vielmehr geht es in dem Song um die Bühnenpersönlichkeit von Iggy Pop wie Bowie auch in einem Interview erklärte.