The Who, Boris The Spider, 1966

Text/ Musik/ John Entwistle

Produzent/ Kit Lambert

Label/ Polydor

Die finanzielle Situation von The Who war ziemlich desolat, als 1966 ihr zweites Album fällig war. Mit der Plattenfirma hatten sie einen Vorschuss von fünfhundert Pfund ausgehandelt, der jedoch erst ausgezahlt werden sollte, wenn jedes Bandmitglied zwei Songs abgeliefert hatte. Nachdem sie John Entwistles „Whisky Man“ geübt hatten, erkundete sich Pete Townshend bei seinem Bassisten, ob er seinen zweiten Song schon fertig habe. Um nicht als faul zu erscheinen, nickte Entwistle zustimmend, der allerdings lieber mit Bill Wyman und Charlie Watts um die Häuser gezogen war, statt im stillen Kämmerlein zu komponieren. Townshend wollte Näheres wissen: „Wovon handelt er?“ Von einer Spinne. „Wie heisst er?“ Entwistle wand sich schuldbewusst und druckste rum. Als er mit Bill und Charlie zechen war, hatten sie, schon ziemlich angeheitert, spasseshalber blöde Tiernamen erfunden und so stammelte er schliesslich: „Oh, äh, ‚Boris The Spider‘.“

Als dann Townshend auch noch wissen wollte, wie der Song geht, kam Entwistle in Panik. Er eilte nach Hause und schrieb das Ding in einem Rutsch. „Es war der schnellste Song, den ich je in meinem Leben geschrieben habe.“

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The Who, Meaty Beaty Big And Bouncy, 1971

Produzent/ Kit Lambert, Shel Talmy

Label/ Polydor

Mehr noch als viele ihrer Zeitgenossen wie die Beatles oder die Stones, die gerne mal eine Single veröffentlichten, die nicht auf einem Album unterkam, waren die Who in den 60er Jahren primär eine Singles-Band. Und als solche fanden sich ihre grössten Hits eben nicht auf den Studioalben. Tatsächlich gab Townshend zu Protokoll, dass er erst mit „Tommy“ die Kunst des Albums entdeckt habe. Aus diesem Grund ist diese 1971 erschienene Compilation mitsamt ihrem grossartig melancholischen Cover ein Rückblick auf das Frühwerk der Band. Und zu diesem gehören ja schliesslich einige der besten Songs der 60er Jahre.

Diese LP konnte ich mir zur Zeit ihrer Veröffentlichung nicht leisten, daher existierte von „Meaty Beaty Big And Bouncy“ jahrelang nur eine Cassetten-Kopie, deren Qualität von vorneherein nicht die Beste war und im Laufe der Zeit immer schlechter wurde. Später habe ich mir dann das Album zugelegt und es auch nicht bereut: besonders reizvoll an den Who ist hier ihre Fähigkeit einen Gesamtsound hinzulegen – reiche Arrangements und üppige Harmonien von musikalischen Könnern.

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The Who, I Can See For Miles, 1967

Text/ Musik/ Pete Townshend

Produzent/ Kit Lambert

Label/ Polydor

Nach meiner Meinung war das die beste Who-Single aller Zeiten. Niemals zuvor hat die Band so geschlossen geklungen wie auf dieser in allen Belangen ausgefeilten Langstrecken-Single. Psychedelisch zwar, jedoch keineswegs tripmässig, zerrt sie zwar an der buchstäblichen Leine, wird aber von Pete Townshends straffen, gehaltenen Gitarrenphrasen, Keith Moons besonders als Melodiebegleitung makellosem Drumming und knisternder Elektrik im Zaum gehalten. Das Solo ist eine Offenbarung: brummendes Feedback, gehackte Akkorde und Moon in Topform. Weil es nicht möglich war, die beiden dazusynchronisierten Gitarrenparts von Pete Townshend in Konzerten zu replizieren, haben The Who diesen Song bis 1989 nur selten live gespielt.

Dass es „I Can See For Miles“ nicht zur Hit-Single schaffte, war für Townshend eine herbe Enttäuschung. Dass zu dieser Zeit „The Last Waltz“, eine zuckersüsse, fürchterlich sentimentale Ballade mit dem elenden Engelbert Humperdinck an der Spitze stand, machte das Ganze auch nicht unbedingt besser. Bei der späteren CD-Version ist das Gitarrensolo nicht wie bei der Single und der Original-LP „The Who Shell Out“ in einer Ping Pong-Stereo-Version von Lautsprecher zu Lautsprecher zu hören.

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The Who, Behind Blue Eyes, 1972

Text/Musik/ Pete Townshend

Produzent/ The Who

Label/ Polydor

Am Woodstock-Festival 1969 prügelte Pete Townshend den amerikanischen Politaktivisten Abbie Hoffman von der Bühne als dieser während des Who-Auftritts eine Rede halten wollte. Townshend sagte später, dass er eigentlich nichts gegen das Anliegen von Hoffman einzuwenden gehabt hätte: nämlich die Verurteilung des MC5-Managers und „White Panther Party“-Gründers John Sinclair zu kritisieren, der versucht hatte, zwei Drogenfahnder zwei Joints zu verkaufen. Was Townshend aber nicht so direkt sagte, war, dass er einfach von dem ganzen Chaos, das auf der Festivalwiese herrschte und von aufgeregten, zugedröhnten und häufig Unfug schwatzenden Hippies, die Schnauze voll gehabt hatte.

Aggressiv, laut und unberechenbar – seit ihrem Debüt-Album „My Generation“ von 1965 steckten die Who tief in dieser Schublade. Roger Daltrey, Pete Townshend, John Entwistle und Keith Moon galten als Sprachrohr eines aggressiven Teils der britischen Jugendkultur, der Mod-Bewegung. In den USA und bei uns standen sie für den Genre-Begriff „British Invasion“ – eine merkwürdige Mischung aus Angst vor Gewalt bei gleichzeitiger Bewunderung.

Im Mai 1969 kam dann die Rockoper „Tommy“, im August der legendäre Woodstock-Auftritt der Band – der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Zwei Jahre nach Woodstock allerdings komponierte Pete Townshend einen Song, der dann in den USA als Single-Auskoppelung auf einmal ein Hit wurde: „Behind Blue Eyes“.

Inspiriert zu diesem Song hatte Pete Townshend der Selbstmordversuch eines engen Freundes. Und so wurde „Behind Blue Eyes“ ein Aufschrei gegen den Tod, gegen Verzweifelung und ein klares Votum für das Leben. Ein Leben, bei dem Freunde den Rücken stärken, füreinander da sind und verhindern, dass man in Depressionen und Einsamkeit versinkt. Ein Song, der trotz aller Trauer sagt: Das Leben ist viel zu schön, um es einfach wegzuwerfen.

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Wilko Johnson / Roger Daltrey, Going Back Home, 2014

Produzent/ Dave Eringa

Label/ Chess

Was für eine Paarung: Wilko Johnson, Ex-Gitarrist der britischen Pubrock-Institution Dr. Feelgood und Rocklegende Roger Daltrey (The Who). 2010 trafen sich beide an einer Preisverleihung. Sie kamen ins Gespäch und entdeckten gemeinsame musikalische Vorlieben. Wie The Who ein Jahrzehnt zuvor waren auch Dr. Feelgood vom Sound von Johnny Kidd & The Pirates („Shakin All Over“) beeinflusst. Deren Gitarrist Mick Green lieferte die Blaupause für Wilkos Stakkato-Stil.

Im Januar 2013 wurde bei Johnson Krebs diagnostiziert. Die Ärzte sagten ihm, dass er nur noch Monate zu leben hätte, und dass seine Situation hoffnungslos sei. Er entschied sich gegen eine Chemotherapie und ging auf Tournee. Und mit Daltrey ins Studio. Mit dabei Wilkos versierte Liveband (Blockheads-Bassist Norman Watt-Roy und Drummer Dylan Howe, dazu Keyboarder Mick Talbot ( Ex-Style-Council, Dexy’s.)

Das Album „Going Back Home“ enthält elf Songs, alle von Wilko Johnson, mit der Ausnahme von Bob Dylans „Can You Please Crawl Out Your Window“. Daltrey singt sich mit viel Herzblut durch diese Tour de Force. Es gibt Covers der Solid Senders-Tracks „Everybody Carrying A Gun“ und „Ice On The Motorway“, die Feelgood-Hämmer „All Through The City“ und „Keep It Out of Sight“. Wilko Johnson ist übrigens nicht gestorben. Er spielt weiter. Bis heute.

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Pete Townshend, White City: A Novel, 1985

Produzent/ Chris Thomas

Label/ Atco Records

Zu Beginn der 80er-Jahre geriet die Karriere der britischen Rock-Gruppe The Who ins Stocken. Was sicher auch eine Spätfolge des Verlustes von Who-Drummer Keith Moon war, der am 7. September 1978 an den Folgen einer unbeabsichtigten Medikamentenüberdosis starb. Besonders Pete Townshend, Gitarrist und Haupt- Songwriter von The Who, konzentrierte sich damals auf eine Solo-Karriere. Dabei versank er abwechselnd in Depression und Drogen oder in Aktionismus und Tatendrang. Er gründete einen Verlag, einen Buchladen, besass eine kleine Flotte von Themse-Barkassen und half ein Meher-Baba-Zentrum und diverse Studios zu führen bis er mit einer Million Dollar verschuldet war. Nach der erfolgreichen Behandlung seiner verschiedenen Drogenabhängigkeiten, verkündete er 1983 das Ende von The Who und begann als Lektor in einem Verlag zu arbeiten, jenseits des Rock-Business, und an einem Buch mit Erzählungen zu schreiben.

1985 verwirklichte er im Studio ein neues Solo-Projekt: „White City: A Novel“ ist ein durchaus ein typisches Album für die 80er-Jahre, das getragen wird von vielen Keyboards und „sauberen“ Gitarren-, Bass- und Drums-Sounds, die im Gesamtbild ausgewogen platziert wurden. Von Puristen wurde dies auch gerne mal als steril bezeichnet, aus heutiger Sicht beeindruckt aber gerade dieser ausgefeilte Klang, der einen sehr eigenen Retro-Charme ausstrahlt.

Beim Hören all dieser Songs geht ein wenig unter, dass sie eigentlich Teil eines Konzept-Albums sind, dass sich in einer losen Handlung um die schwierigen Lebensumstände in einer heruntergekommenen Wohnsiedlung im West- Londoner Stadtteil White City dreht. Ergänzend zum Album entstand unter der Regie von Richard Lowenstein der 60-minütige „White City: The Music Movie“, der noch im selben Jahr als eine Art „Longform Video“ veröffentlicht wurde. Er verknüpfte in lockerer Form einige Songs des Albums mit teils surreal verfremdeten Grosstadt-Impressionen und Episoden aus dem Leben von Jimmy (gespielt von Andrew Wilde) in der White City, wobei er stets begleitet wird von seinem alten Kumpel Pete (Townshend).

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The Who, The Who By Numbers, 1975

Produzent/ Glyn Jones

Label/ Polydor

Es ist das unbekannteste Album von The Who und wahrscheinlich auch das am meisten unterschätzte. Nach den wegweisenden Alben „Who’s Next“ und „Quadrophenia“ schlagen sie hier eine neue Richtung ein. In den frühen 70er Jahren produzierten The Who einen bombastischen, durch Synthesizerarrangements aufgefüllten monumentalen Sound, der auch live gespielt Massstäbe setzte. Ganz anders nun „The Who By Numbers“: Das Spiel der Band ist zurückgenommen, fast verhalten, die Synthesizer werden ganz weggelassen, die Stimmung ist melancholisch, fast depressiv, die Songs werden kürzer, klarer, prägnanter und persönlicher.

Jeder der vier Musiker stellt sich in den Dienst, die Songs in ihrer Eigenart herauszuarbeiten. Besonders herausragend ist dabei der Gesang von Roger Daltrey – auf keinem anderem Album der Band singt er so gefühlvoll, dynamisch und variabel. Ebenso herausragend: Pete Townshends Gitarrenspiel. Wer bisher der Meinung war, dass Townshend nur Rhythmus kann und kein herausragender Leadgitarrist ist, der sollte sich in „Who By Numbers“ anhören: die Soli sind Masswerk vom Feinsten, unterstreichen die Individualität der Songs ohne aufgesetzte virtuose Schaustückchen zu sein. Insbesondere die letzten beiden Songs des Albums „How Many Friends“ und „In A Hand Or A Face“ sind in dieser Hinsicht herausragend.

In der Diskographie bleibt dieses Album ein Aussenseiter, ein einsames Dokument der Zeit, in der The Who vor der Auflösung und mindestens Townshend und Schlagzeuger Moon auch vor ihrem persönlichen Niedergang standen. Mit der Ausnahme von „Squeeze Box“ wurden die Stücke nie ins Live-Programm der Gruppe aufgenommen, auch dies eine Indikation für die Sonderstellung des Albums. Das Cover stammt übrigens vom Bassisten der Band John Entwistle.