The Gil Evans Orchestra Plays The Music Of Jimi Hendrix, 1974

Produzent/ Mike Lipskin

Label/ RCA Victor, Bluebird

Miles Davis liebte nicht nur die Musik von Jimi Hendrix, sondern auch seine bunten („weissen“) Klamotten; die er ähnlich bald selbst anzog. Selbst als Miles Davis Frau Betty in die Girlande der Hendrix-Frauen abwanderte und sich von Miles scheiden liess, behielt dieser die Freundschaft zu Hendrix bei. Sie hatten Pläne für eine gemeinsame Musik. Ebenso Pläne mit Gil Evans, dem Pianisten und Bandleader, der mit Miles Davis den Big Band Sound des Cool Jazz erfunden und mit ihm die „Sketches Of Spain“ aufgenommen hatte; sich aber dann immer stärker dem Free-Spiel , inspiriert von Sun Ra, zuwandte. Er bestückte seine Band mit einer E-Gitarre und produzierte eine ganze LP mit Hendrix Stücken ohne Vocals; immer wieder gespielt von Gil-Evans-Formationen in den Jahrzehnten nach Hendrix’ Tod, am schönsten in einem Konzert in Hamburg im Oktober 1986.

Der Trompeter, der die rasanten Soli bläst in Gil Evans’ Hendrix-Bearbeitungen, heisst Miles – Miles Evans hatte Gil Evans seinen Sohn getauft, als Hommage an seine epochalen Collaborations mit Miles Davis. Und der Sohn hat es ausgehalten. Er ist ein phantastischer Trompeten-Spieler geworden. Vielleicht hätte sich Jimi Hendrix sowas auch gewünscht mit seinem Vater Al. Der konnte aber nur gut tanzen, nicht spielen.

Miles Davis, Bitches Brew, 1970

Produzent/ Teo Macero

Label/ Columbia Records

Miles Davis war ein unkonventioneller Musiker. Er hatte den Jazz bereits mehrmals neu erfunden, als er mit 43 Jahren zu seiner wohl innovativsten Schaffensphase ansetzte. Für den Trompeter standen neben künstlerischen Ambitionen damals auch geschäftliche Interessen im Vordergrund. Während er sich für kleine Gagen in winzigen Clubs abmühte, begeisterten junge Rockbands Tausende Menschen bei bestens bezahlten Stadionkonzerten: Jimi Hendrix, Carlos Santana und Sly Stone waren nur einige von vielen Musikern, die harmonische und rhythmische Konzepte von Davis übernommen hatten. Nun wollte der Meister sich auch ein Stück von diesem Kuchen abschneiden.

Insgesamt 12 Musiker (darunter Wayne Shorter, Chick Corea und John McLaughlin, Joe Zawinul und Billy Cobham) holte Davis Ende August 1969 zu sich in die Studios der New Yorker Plattenfirma Columbia. Das 1970 erschienene Doppelalbum „Bitches Brew“, das bei diesen Sessions entstand, gilt als Geburtsstunde des sogenannten Jazzrock. Die freien Improvisationen von Davis‘ Grossformation mit multiplen Keyboardern, Perkussionisten und Bassisten tönen wie ein musikalischer Höllenritt. Weil auf „Bitches Brew“ jeder Musiker zugleich ein Solist ist, drohen die losen Soundstrukturen immer wieder auseinanderzubrechen. Schon das Eröffnungsstück „Pharaoh’s Dance“ hat eine brodelnde Intensität, die bis zum sanft versöhnlichen Finale „Sanctuary“ nicht abebbt.

„Bitches Brew“ war für Miles Davis der Höhepunkt seiner Karriere. Immerhin hatte sich das Album 500.000 Mal verkauft. Gerne berichtete Davis, dass ihm das Konzept aus weniger Jazz und mehr Rock den Durchbruch bei der Hippie-Generation brachte; gerne berichtete er aber auch von Aktien und sechsstelligen Einnahmen oder von seinem Lamborghini.

Passport, Doldinger Jubilee Concert, 1974

Produzent/ Andy Johns

Label/ Atlantic Records

Als ich Anfang der 70er Jahre zum ersten Mal etwas von der Gruppe Passport hörte, war ich fasziniert. Ich kaufte mir damals die Platte „Hand Made“ und war begeistert von vorne bis hinten, diese Musik pustete bei mir das ganze Gedudel abgeschlaffter Rock-Grössen wie Deep Purple aus den Ohren. Auch heute finde ich „Hand Made“ traumhaft schön. Die Rhythmusgruppe spielt lebendig, kraftvoll, ideenreich; sie regt die Kreativität des Saxophonisten Klaus Doldinger an und lässt sich wieder von ihm inspirieren; Piano, Synthesizer und Mellotron setzen Akzente, der Freiraum zwischen Jazz und Rock füllt sich mit pulsierendem Leben.

Wer Passport näher kennenlernen möchte und nicht viel Zeit hat, sollte sich auf jeden Fall ihre Platte „Doldinger Jubilee Concert“ anhören, auf der die Gruppe mit Berühmtheiten wie Brian Auger, Johnny Griffin, Alexis Korner, Volker Kriegel und Pete York zusammenspielt. Es handelt sich hierbei um den Mitschnitt eines Jubiläumskonzert in der Düsseldorfer Rheinhalle im Oktober 1973, das, nach dieser Platte zu urteilen, wirklich ein Konzert der Superlative gewesen sein muss. Passport war damals schon eine der wenigen deutschen Gruppen der Güteklasse A – und mit diesen Gastmusikern konnte eigentlich kaum noch etwas schief gehen, so dass die Musik auf diesem Album Doldinger at his best ist.

Tony Allen, The Source, 2017

Produzent/ Bertrand Fresel, Vincent Taurelle

Label/ Blue Note

Er war einer der nicht sehr häufigen Drummer, der mit seinem Instrument eine ganze Musikrichtung prägte. Ja, der im Grunde eine eigene Musikrichtung war. Tony Allens Spiel hört sich – für westliche Ohren jedenfalls – so an, als würde er ständig unglaublich genau und funky stolpern. Es gab und gibt hier sonst keinen, der so spielt.

In den 70ern war Allen der wichtigste Mann in Fela Kutis Band Africa ’70. Er verliess später die Band, weil er fand, dass Kuti seine Dringlichkeit verlor und sich auf Tour mit einer Horde mitgenommener Freunde zerstreute, statt Musik zu machen. Danach spielte Allen mit Manu Dibango und arbeitete am Afrofunk, sozusagen der um Hip-Hop erweiterten, modernisierten Version des Afrobeat. Dass Tony Allen heute auch bei vielen Pop- und Rock-Hörer bekannt ist, geht auf Damon Albarn zurück, der 2006 eine Band mit Allen, Paul Simonon von The Clash und Simon Tong von The Verve gründete: The Good, The Bad & The Queen. Tony Allen spielte später auch auf Soloplatten von Albran und der Cosmic-Dance-Supergroup Rocket Juice and the Moon. Exellent stilvoll gekleidet und musikalisch insistent trat Allen praktisch bis zuletzt an World-Music, Funk- und Rock-Festivals auf.

Seine womöglich allertollstes Vermächtnis ist aber die Schallplatte „The Source“: 2017 hatte der in Paris lebende Drummer aus Nigeria mit Musikern der französischen Jazzszene auf rein analogem Wege elf Titel eingespielt, die er zusammen mit dem Sopransaxofonisten Yann Jankielewicz komponiert hatte. Diese bieten eine abwechslungsreiche Mischung aus Jazz und Afrobeat, wobei mal diese Spielart dominiert, mal jene. Es kommt nicht häufig vor, dass man bei einem Album durchgängig am mitgrooven ist. Bei jedem einzelnen Stück lohnt es sich insbesondere auf das Schlagzeugspiel zu achten. 77 Jahre alt war Tony Allen als das Album aufgenommen wurde, und er verkörperte noch einmal die Zukunft der Musik. Mit knappen, trocken rausgehauenen und dabei extrem variablen Mustern aus Snare-, Hihat- und Bassdrum-Schlägen treibt er die Groovemusik voran und verspricht eine unerbittliche, aber bessere und grössere Welt.

Art Blakey and the Jazz Messengers, Moanin‘, 1959

Produzent/ Alfred Lion

Label/ Blue Note Records

Es groovt, es hat Gospel-Schmelz und ist mit wenigen Tönen so einprägsam wie manche Hookline von den Beatles oder – beinahe – das Klopfmotiv von Beethovens Fünfter. „Moanin'“ heisst das Stück, eine Komposition von Pianist Bobby Timmons – die Titelnummer dieses Albums mit Blakeys gelb eingefärbtem Gesicht auf dem Cover.

Schlagzeuger Art Blakey war ein Meister kompakter und doch lässig durchlaufender Rhythmen, in denen er Akzente setzte durch Drum-Wirbel, die so wirkten, als hole die Musik tief Luft und richte sich auf. Der Gesamtklang der Band schien stolz und kraftvoll afroamerikanisches Selbstbewusstsein zu unterstreichen. Blakey hatte damals die wohl konturenschärfste Besetzung seiner Jazz Messengers: Trompeter Lee Morgan und Saxophonist Benny Golson, Pianist Bobby Timmons, Bassist Jymie Merritt. Ausser dem dem Titelstück stammen vier Nummern von Golson.

In nur ganz wenigen Aufnahmen des Jazz stimmen Inhalt und Atmosphäre so perfekt überein wie auf diesem Album. Der Sound, der in dem berühmten Rudy van Gelder Studio in Hackensack, New Jersey, aufgenommen wurde, hat eine nachtblaue Tiefe und zugleich eine Klarheit, die das Nonplusultra für diese Stücke sind. Alles wirkt organisch: die Themen, die Tempi – und viele hervorragende Soli der Bandmitglieder, vorallem das epochemachende von Lee Morgan im Titelstück.

Billie Holiday, The Best Of Billie Holiday, 2015

Produzent/ John Hammond, Bernie Hanighen

Label/ Halidon Music

Die ideale Zusammenstellung mit Liedern von Billie Holiday gibt es nicht. Zwischen 1936 und 1959 hat sie rund 350 Titel mit unterschiedlichen Besetzungen eingespielt, wobei man den umstrittenen späten Aufnahmen schon deutlich das brüchige Timbre des gelebten Lebens anhört.  In den späten Dreissigern jedoch bis zum Höhepunkt ihrer Karriere in den Vierzigern hatte ihre Stimme ebenjene Mischung aus Seele und Swing, Musikalität und Verletzlichkeit, die sie neben Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan zur wichtigsten Sängerin des Jazz heranreifen liess.

Aus armseligen Verhältnissen in Baltimore nach New York gezogen, hatte sie ihre ersten Engagements noch als Minderjährige in zweifelhaften Bars und Nightclubs, bis John Hammond sie entdeckte und 1933 an Benny Goodman vermittelte. Von da an ging es schrittweise bergauf, mit Engagements bei Count Basie, Artie Shaw und vorallem aber Teddy Wilson, mit dem in den späten Dreissigern berühmte Aufnahmeserien entstanden („My Man“, „Love Me Or Leave“). Es gelang ihr ausserdem, unter eigenem Namen ein prominent besetztes Orchester zusammenzuhalten, das neben der Basie-Rhythmusgruppe auch ihr frühes Alter ego am Tenorsaxophon, Lester Young, beschäftigte. Besonders beeindruckend wurde ein Song, den sie 1939 mit dem Orchester von Eddie Heywood aufnahm: „Strange Fruit“ war eine bittere Anklage an die Lynchjustiz, von Holiday mit einer Mischung aus Wut und Lakonik gesungen, die den Menschen Gänsehaut auf den Rücken trieb.

Diese Best-Of ist eine gute, wenn auch nicht ultimative Zusammenstellung mit Liedern von Lady Day. Denn die kann eigentlich nur in einer Gesamtausgabe ihrer Aufnahmen bestehen.

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Wes Montgomery, So Much Guitar, 1961

Produzent/ Orrin Keepnews

Label/ Riverside-Records

John Lesley „Wes“ Montgomery war ein Autodidakt, der wie viele grosse Jazzmusiker gegen alle gängigen Regeln sein Instrument gleichsam neu erfand. Heute wird der Mann mit seiner Gibson L-5 zu den grössten nach Django Reinhardt und Charlie Christian gezählt. Wie sie erfand er einen persönlichen Stil, an den ihn nicht nur die Eingeweihten sofort erkennen.

Die Art und Weise wie Wes Montgomery beispielsweise den legendären „Twisted Blues“ auf seiner Gitarre spielt, zeigt diesen Stil sehr gut. Nichts, gar nichts an diesem Mann wirkt verkrampft. Sein Wesen versprüht Musik, die Finger gehorchen auf eigenwilligste Weise der untastbaren Autorität seines vor Schöpferwillen strotzenden Geistes. Wer diese Beschreibung als aufgeblasene Wortspielerei empfindet, muss ich höflich zurechtweisen. Wen hier von Montgomerys „eigenwilligen“ Fingern die Rede ist, so hat das gute Gründe: Wie er mit seiner rechten Hand spielt, nur mit diesem verrückt auf und ab flatternden Daumen, das trifft jeden ernsthaften Jazzgitarren-Professor wie ein gemeiner Faustschlag. So spielt man nicht!

In der Tat, so spielt man nicht – so spielte Wes Mongomery! Weil er sich das Gitarrenspiel selbst beibrachte. Obwohl ihn seine Reise sehr weit vom traditionellen Blues forttrug, blieb seine unkonventionelle Technik stets mit diesem archaischen Element verbunden. Doch das betrifft nur die rechte Hand. Auch John Lee Hookers Daumen flatterte ähnlich verrückt, wurde aber immerhin noch ergänzt durch gelegentliche Zeigefinger-Anschläge. Ansonsten ist John Lees Musik ein wildgewachsener kleiner Löwenzahn im Vergleich zu Montgomerys kunstvoll gehegter Bonsoi-Pracht. Der Urmensch namens Hooker verkörpert den natürlichen Rohstoff Blues, während Wes Mongomery der lebendige Beweis dafür ist, wie aus diesem Rohstoff ein ungemein kunstvoll geschmiedetes, brillant glitzerndes Gebilde werden konnte.

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Lee Morgan, The Sidewinder, 1963

Produzent/ Alfred Lion

Label/ Blue Note

„The Sidewinder“ von Lee Morgan ist eine Besonderheit im Blue Note Katalog. Vielleicht genau weil diese Platte ein exzellentes Beispiel für den Hard Bop Sound darstellt, wie ihn das Label mit seinen Künstlern entwickelt hat. Man nehme einen Pool sehr begabter Instrumentalisten und Komponisten und lasse diese immer wieder in ähnlichen oder verschiedenen Besetzungen in das legendäre Rudy-van-Gelder Studio. Mit diesem Rezept entstand die erstaunliche Souveränität des Zusammenspiels, der die Blue Note Aufnahmen auszeichnet. Dass die Eigner des Labels dann anders als ihre Konkurrenten ihren Musikern vor jedem Studiodate auch noch zwei Probentage einräumten, ist wohl der Hauptgrund für den unbezähmbaren Groove, der sich wie eine Visitenkarte durch einen Grossteil der Blue Note Platten zieht.

All dies kommt auf The Sidewinder“ exzellent zum tragen. Worin also die Besonderheit? Hier gelang nicht nur ein musikalischer, sondern seinerzeit auch ein kommerzieller Erfolg. Das Titelstück wurde zu einem klassischen Juke-Box Hit. Jeden Moment erwartet man dabei, dass beispielsweise Aretha Franklin ihre Stimme erhebt und über dem souligen Teppich anfängt sich Respekt zu verschaffen. Doch dieses Stück funktioniert eben auch ohne Gesang sehr gut. Insbesondere weil die Solisten auf der ganzen Platte „immer auf dem Boden bleiben“ und sich ganz klar zum Rhythmus in Beziehung setzen.
Ein besonders gutes Beispiel dafür gibt Joe Henderson mit seinem Tenorsaxophonsolo auf „Totem Pole“. Ein Genuss wie hier abwechselnd lässig laid-back und treibend vorwärts musiziert wird.

Jede Nummer zieht einem in den Bann. Ein tolles Album für jeden, der es gerne mag, wenn es richtig grooved und swingt. Schwer souliger Hard Bop at its Best!

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The Ramsey Lewis Trio, The In Crowd, 1965

Produzent/ Esmond Edwards

Label/ Argo

„The In Crowd“ war eine bahnbrechendes Album des Soul Jazz, der Mitte der 60er Jahre populär wurde. Mit ihm meldete sich ein tänzerisches Element in den Jazz zurück, das mit dem Verklingen des Swing fast völlig untergegangen war. Ein funkiger Sound mit repetitiven Rhythmen, der oft zeitgenössische Pophits aufgriff.

Ramsey Lewis wurde 1935 in Chicago geboren. Mit vier Jahren bekam er Klavierunterricht, mit sieben trat er in Kirchen auf, mit 15 gründete er eine Band und mit 21 veröffentlichte er sein erstes Album. Bis zum grossen Durchbruch brauchte es dann allerdings noch neun Jahre und 18 Alben.

„The In Crowd“ wurde live im Bohemian Caverns Club in Washington D.C. aufgenommen. Eine damals mondäne Nachtclubszenerie zeigt auch das Cover. Doch anfangs liess das Publikum keine Stimmung aufkommen. Erst gegen ein Uhr morgens, als die Nachtschwärmer hereinkamen, wurde es lockerer. Das Trio spielte „The In Crowd“ und sofort begann das Publikum zu klatschen. Es wirkt alles sehr einfach und lässig, was Ramsey Lewis macht, aber er ist ein fabelhaft effektsicherer Pianist. Sein gedämpftes Spiel wird durch Glissandi dynamisch aufgelockert, wobei er das vergleichsweise simple Basismotiv ständig variiert und erweitert, ohne die harmonische Korrektheit zu vernachlässigen.