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P J Harvey, Man-Size, 1993

Text/ Musik/ PJ Harvey

Produzent/ Steve Albini

Label/ Island Records

P J Harveys „Man-Size“ verwaltet Adoleszenz-Emotionen der gehobenen Sorte mit der geboteten Sorgfalt, will sagen: hocherotisch, hochkomplex und sick of postmodernism. Die Direktheit und Gereiztheit dieses Liedes lässt sich nicht das intellektuelle Vergnügen einiger formaler Scherze nehmen. Das gehört erstens zur gehobenen Mit- bis Endzwanzigergrundausstattung und muss zweitens entstehen, wenn jemand wie Polly Jean Harvey mit einem Produzenten wie Steve Albini zusammenkommt. Das Prinzip, formale Strenge, (abstrakter Titel, aber kontrastierter Songablauf, Konzentration auf wenige, aber heftige Stilmittel) unemotionale Dichte (Steigerungen, Dramatik, extreme Lautstärke und Tempogegensätze) sich gegenseitig zuarbeiten zu lassen (mithin Poesie zu schreiben) ist hier erfolgreich im Einsatz zu beobachten.

P J Harvey war die Indie-Lieblingsfrau der 90er Jahre. Sie verbreitete damals durchaus das Gefühl neuer und neu eroberter Möglichkeiten „individuellen Ausdrucks“. Da war in den 80ern solange abgearbeitet, zitiert und relativiert worden, dass man ein Jahrzehnt später plötzlich richtig frisch aus dem Schatten von Captain Beefheart und Patti Smith treten konnte und das Rock-Individuum neu erfinden. Aber wahrscheinlich können das nur Frauen (Gegenbeispiele sind kaum bekannt).

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Neil Young, Rockin’ in the Free World, 1989

Text/Musik/ Neil Young

Produzent/ Neil Young, Niko Bolas

Label/ Reprise

Es gibt Leute, die meinen dieser Song sei ironisch oder zynisch. Dabei ist die Aufforderung zum Rocken und die Bezeichnung derjenigen Welt als frei, die sich in ihrer Propaganda so nennt und daher Freiheit als letzten einklagbaren Anspruch ihrer Untertanen wohl oder übel anbieten muss, vor dem Horizont des Rocken, das in seiner Mythologisierung als eine Bewegung zur Freiheit hin verstanden werden will, doch nur logisch. Und das hängt logischerweise wiederum eng mit dem perspektivenlosen Elend und dem Nichtgewähren des wichtigsten, vom Rockin in den letzten Jahrzehnten erkämpften Menschenrecht, nämlich cool zu sein, zusammen.

Neil Young beklagt mit Zwiespältigkeit was die Strasse – als ein mythologischer Ort des Rock, der Arbeiterbewegung und der Gerechtigkeit – für den korrekten Standpunkt bedeutet. Dabei nimmt er angesichts der Situation des kompletten Sieges der kapitalistischen Propaganda, die Position des Wörtlich Nehmens für verbriefte Rechte ein.

Der oft gegen Protest-Sänger erhobene Vorwurf, sie würden sich mit dem Elend anderer Leute schmücken, trifft hier nicht nur nicht zu, sondern umgekehrt hat einer es geschafft, die Verhältnisse so klar zu stellen – ohne sich und seine Beziehung dazu zu mythologisieren, oder sich in die Pose des Aufklärers zu begeben. Die Fakten sind ja hinlänglich bekannt und Neil Young tut auch nicht, als wäre es anders, sondern gibt sich genau als der „Verstärker“ zu erkennen, der der Künstler ist. Es wäre also falsch, von irgendetwas anderem zu sprechen, als wovon dieses Lied spricht: „ Keep on rockin’ in the free world“ – Gültiges Statement für alles, was jetzt noch kommen wird.

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The Nits, In The Dutch Mountains, 1987

Produzent/ The Nits

Label/ Columbia

„Nits“ sind übersetzt Läuseeier, sogenannte Nissen, aber hier handelt es sich um eine holländische Band, die Henk Hofstede 1974 mit Kommilitonen von der Kunsthochschule Amsterdam gegründet hat. Den Namen aus dem Insektenreich haben sie  gewählt, um ihren Vorbildern, den Beatles, zu huldigen, denn Beetles sind ja übersetzt Käfer, werden nur anders geschrieben.

Das erste Album wird ein wilder Klangbrei aus Jazz und New Wave, vor dem sich die Musiker am Ende selbst gruseln. Das peinliche Teil wird nicht veröffentlicht. Trotzdem machen sie einen Plattenvertrag, ihre Alben verkaufen sich in den heimatlichen Niederlanden ziemlich gut, live werden die leicht verschrobenen Individualisten besonders von Studenten geliebt. Die internationale Karriere bleibt jedoch aus. Daraufhin geht der Gitarrist und wird lieber Buchhalter. Die Freunde tragen es mit Humor, und Henk beginnt über seine Kindheitserlebnisse zu schreiben. Als Sohn eines Bauunternehmers hatte er es eigentlich gut, aber der phantasievolle Junge dachte nicht daran, in die Fussstapfen des Vaters zu treten. Zu gross  war die Sehnsucht nach der grossen, weiten Welt, nach Bergen und Meeren, nach Malerei und Musik.

Berge sucht man in den Niederlanden vergeblich, das Land ist platt wie eine Flunder. Henk beschreibt Kinder, die in einem Tal aus Ziegelsteinen geboren werden, weil Häuser oft in Tiefebenen gebaut werden und sogar die Flüsse oft höher liegen. Dann geht die Phantasie mit ihm durch. Die Bauern reiten auf Kühen durchs Land und die Wolken sehen aus wie Schafe. Und alles, was negativ ist, erklärt er kurzerhand mit fehlenden Bergen.

Obwohl der liebevoll spöttische Text über seine Heimat so absurd ist wie das dazu selbstgedrehte Video, finden das auch die Leute in den angrenzenden Nachbarstaaten witzig. Berge in Holland, ha ha! Auch die Russen haben Humor und laden die Nits zu einer Tournee ein. Obwohl sie den Erfolg von „In The Dutch Mountains“ nie wiederholen können, touren die Nits bis heute und veröffentlichen regelmässig Platten.

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Small Faces, Tin Soldier, 1967

Text/Musik / Steve Marriott, Ronnie Lane

Produzenten/ Steve Marriott, Ronnie Lane

Label/ Immediate

Dieser Song, den Steve Marriott auf Ibiza schrieb, um die Frau zu beeindrucken, die er später heiraten sollte, war ursprünglich nicht für die Small Faces gedacht, aber da das Label Immediate eine Philosophie des Teilens vertrat, bot der Komponist seinen „Tin Soldier“ Pat (P.P.) Arnold an. Die Ex-Backgroundsängerin von Ike & Tina Turner war nach London gezogen, und Marriott erinnerte sich später: „Sie flippte aus, und da dachte ich, vielleicht behalte ich das Stück besser.“ Stattdessen gab er ihr einen ähnlich kraftvollen Song („If You Think You’re Groovy“). Die Band spielte auf ihrer Platte, sie sang dafür bei den Small Faces mit.

„Tin Soldier“, veröffentlicht im Dezember 1967, kam zu einer Zeit, als das Ostlondoner Quartett nichts falsch machen konnte. Die dritte ihrer insgesamt fünf Immediate-Singles steckte zwischen „Itchycoo Park“ und „Lazy Sunday“, würde aber alle Umfragen nach dem besten Stück der Small Faces gewinnen. Nach dem Psychedelic-Pop des Vorjahres kehrten sie mit diesem Song zu ihren Mod-Soul-Ursprüngen zurück.

Eine frühere Instrumentalversion bringt jede Menge Akustikgitarren zum Vorschein, die den Song ursprünglich tragen sollten, aber das Endergebnis nahm grossen Einfluss auf die Heavy-Rock-Szene, die 1968 aufkam. Der Song ist ein Paradies für Headbanger; Ronnie Lanes Bass ist sowohl Rhythmus- als auch Leadinstrument, und die Drums von Kenny Jones (inklusive Blechtrommeleffekte) machen Kleinholz aus dem Track. Und Marriotts Gesang? Nichts mehr mit Kinderkram – hier beginnt tatsächlich die Rockära.

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Loudon Wainwright III, The Swimming Song, 1973

Text/Musik/ Loudon Wainwright III

Produzent/ Bob Johnston

Label/ Columbia

Man könnte natürlich auch (fast) jeden anderen Song aus seinem fast 50 Jahre umspannenden Werk herausgreifen, weil Wainwright nun einmal der Grossmeister der beiläufigen Beobachtung und des unkommentierten Staunens ist – „Dead Skunk“ etwa, seine enthusiastische Beschreibung eines überfahrenen Stinktiers, oder „I Eat Out“, der zu zwei Minuten komprimierte Horror, allein in einem Restaurant essen zu müssen, das nur von Paaren und geselligen Gruppen frenquentiert wird. Als „tongue in cheeck“ würde der Amerikaner den Tenor all seiner Songs bezeichnen – und es ist wohl kein Zufall, dass es für diesen Terminus keine adäquate deutsche Übersetzung gibt. Ein begnadeter Musiker war Wainwright nie, dafür aber unschlagbar, wenn es darum ging, Momentaufnahmen in der alltäglichen Banalität in brillante Vignetten zu giessen.

„This summer I went swimming/ This summer I might have drowned/ But I held my breath and I kicked my feeth/ And I moved my arms around.“

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The Modern Lovers, Pablo Picasso, 1976

Text/ Musik/  Jonathan Richman

Produzent/ John Cale

Label/ Home of the Hits

Galten bis dahin drei Akkorde als Minimum, schaffte es Jonathan Richman auch mit einem. Ein unangestrengter, wunderbar belangloser, schnöselig herausgenuschelter Geniestreich, der die ganze Malaise der menschlichen Existenz auf den Punkt bringt: „Some people try to pick up girls/ And the get called an asshole/ This never happened to Pablo Picasso.“

Dass John Cale als Produzent fungierte, konnte nicht wirklich überraschen. „Pablo Picasso“ schrummelt so amateurhaft und minimalistisch wie die frühen Velvet Underground. Die Aufnahmen entstanden bereits 1973, auf dem Höhepunkt des Supergroup- und Virtuosen-Wahns, aber es sollte drei Jahre dauern, bis diese Demos überhaupt veröffentlicht wurden.

Die Modern Lovers hatten sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits wieder aufgelöst – was für John Cale wohl der Anlass war, den Song auf seinem eigenen Album „Helen Of Troy“ vorzustellen – noch ein Jahr vor dem eigentlichen Modern-Lovers-Release. Und selbst David Bowie, der für Coverversionen bekanntlich nur selten Verwendung hatte („Pin Ups“ einmal ausgenommen) nahm Richmans Loser-Hymne 2003 für sein „Reality“-Album auf. (Mit dem naiven Charme des Originals hatte Bowies vollfette Band-Version allerdings nur noch den Titel gemein.) Selbst die Herrschaften aus dem Zerebral-Zoo waren von Richmans kindlichem Kunstwerk angetan. Greil Marcus nannte „Pablo Picasso“, „the most obvious song in the world and the strangest.“

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The Clash, (White Man) In Hammersmith Palais, 1978

Text/Musik/ Joe Strummer, Mick Jones

Produzent/ The Clash

Label/ CBS

Am 5. Juni 1977 besuchte Joe Strummer von The Clash zusammen mit Bekannten einen Reggae-Abend im Hammersmith Palais; Headliner waren die jamaikanischen Künstler Dillinger, Leroy Smart und Delroy Wilson. Nach dieser Nacht schrieb Strummer seinen, wie er fand, besten Song: „(White Man) In Hammersmith Palais“. Ausschlaggebend war sein Gefühl, dass die Show zu sehr Showbiz, die Musik zu sehr „Pop-Reggae“ war, wo er sich revolutionätren Roots-Sound erhofft hatte. In „(White Man) In Hammersmith Palais“, im Juni 1978 als Single veröffentlicht, entfernte sich die Band vom rifflastigen, rauhen Punk und baute auf dem punkigen Reggae-Hybrid ihres Junior-Murvin-Covers „Police and Thieves“ auf.

Joe Strummer beschwert sich im Song, dass jede bewaffnete Revolution scheitern würde, weil sie nicht gegen die britische Armee ankäme. Er ruft schwarze und weisse Jugendliche zur Einheit auf, regt eine Umverteilung des Reichtums an und wirft der Punkbeweghung vor, die „neuen Gruppen“ in „Mass-Anzügen“ wollen die Rebellion zu Geld machen. Strummer gibt auch einen ätzenden Kommentar zum Aufstieg des rechtsextremen National Front in Grossbritanien an: „Wenn Hitler heute einflöge, würden sie ihm auf jeden Fall eine Limousine schicken.“