Guesch Patti, Étienne, 1987

Text/Musik/ Guesch Patti

Produzent/ Jean M’Ba, Rémi Walter

Label/ EMI

Das emphatische „Etienne“ klingt mir heute noch in den Ohren; und das Video erst. Kaum ein Videoclip konnte so eindeutig und kontrovers zugleich die Rolle der Frau in einer voyeuristischen Unterhaltungsgesellschaft thematisieren. All das trug den Stempel der Meisterin: Sämtliche Register der Provokation unter Einsatz der eigenen Person ziehen. Dafür stand Guesch Patti. Sicher geschieht nichts zweimal. Ein Megahit lässt sich so nicht wiederholen.

Doch wer Guesch Patti nur auf diesen Moment reduziert, übersieht das Eigentliche an ihr. Sie war nicht einfach nur eine Sängerin mit einem Hit. Sie war Tänzerin, Darstellerin, Musikerin, Bühnenmensch – eine Frau, die ihren Ausdruck aus dem ganzen Körper formte und der Kunst nie nur eine einzige Türe öffnete.

Nancy Sinatra, These Boots Are Made for Walkin’, 1965

Text/Musik/ Lee Hazlewood

Produzent/ Lee Hazlewood

Label/ Reprise

Nancy Sinatras „These Boots Are Made for Walkin’“ nahm international die ersten Plätze ein. Eigentlich hatte Lee Hazlewood den Song für sich selbst geschrieben, aber Nancy bestand einfach darauf ihn zu singen. Woraufhin Lee ihr riet, das Ding dann auch nicht mit gewohnt hoher Kopfstimme, sondern eher aus Brust und Bauch heraus zu singen. So bekam das Lied, ursprünglich ein Country-Macho, einen feministischen, ja dezent sadistischen Unterton, und Nancys Image, einst ganz Daddy’s Little Girl, wurde, sowohl auf Platten wie im Film, durch eine fordernde Hooker- bzw. Bikerin-Dimension, zum reizvoll ambivalenten Wackelbild erweitert.

Abertausende haben sich bis heute die Zähne daran ausgebissen, ein Cover dieses Meilensteins aufzulegen – es geht nicht. Nancy Sinatras Erfolgsgeschichte bestand neben Lee Hazlewoods raffinierter Produktions-Regie, nicht zuletzt auch in den zwischen Surf und Country pendelnden, leicht hörbaren, aber durchaus funky Arrangements des 12-String-Gitarristen Billy Strange. 1966 erschien dann auch Nancys erstes Album, selbstredend „Boots“ betitelt, die Künstlerin posiert in roten solchen auf dem Cover.

The Beatles, She Said She Said, 1966

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

„Who put all those things in your head?“ Diese Dinge besorgte wohl Dr. Robert. John stellt hier das letzte von mir ausgewählte Stück vom „Revolver“ Album vor, voller verdrehten Rhythmen und auf- und niederstrebenden Melodien. Dieses Lied wurde durch die Begegnung der Beatles mit einige Mitgliedern der Byrds und dem Schauspieler Peter Fonda inspiriert. Im August 1965, bevor die Beatles Elvis in Graceland besuchten, nahmen sie einen gemeinsamen Trip mit dem Angeber Fonda, der ihnen weismachen wollte: „I know what it’s like to be dead.“ John glaubte ihm offenbar jedes Wort.

Der ursprüngliche Titel des Liedes war „He Said He Said“ und jeder, der sich schon einmal als Hobbypsychiater mit dem anregend regressiven Bild der Liedzeile „You’re making me feel like I’ve never been born“ beschäftigt hat, wird neuen Stoff zum Sinnieren erhalten, ursprünglich sang John nämlich: „You’re making me feel like my trousers are torn.“

The Beatles, Doctor Robert, 1966

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Es handelt sich hier um eine „saubere“ Aufnahme. Der Text jedoch lässt keine Zweifel an der wahren Natur des Rezepts, das der gute Doktor verschreibt. Vorbild war ein gewisser Dr. Charles Robert, ein Acid-Doktor aus New York. Der Sänger lädt auf „Doctor Robert“ sowohl dazu ein, mit ihm einige illegale pharmazeutische Produkte zu teilen, wie auch eine Warnung, dass es sich bei diesem Charlie um einen Mann handele, dem man Glauben schenken müsse, der jedem Bedürftigen helfe.

Es dauerte nur wenige Jahre, bis John Lennon zu jenen gehörte, die für sich Drogen brauchten. Der „Doctor“ erinnert auch an Lennons und Harrisons ersten Acid-Trip. Ein befreundeter Zahnarzt hatte ihre Getränke mit LSD gespiked, ihnen ohne ihr Wissen LSD untergejubelt. Die Lennons fürchteten eine geplante Sexorgie und flüchteten mit George Harrison. Ihre Heimfahrt wurde zur spektakulärsten und entdeckungsfreundlichsten Reise in ihrem bisherigen Leben, zumal sie an der Haustür nicht aufhörte, sondern noch viel weiter führte.

The Beatles, I’m Only Sleeping, 1966

Text/Musik/ Lennon/McCartney

Produzent/ George Martin

Label Parlophone

Mit diesem Lied ändert John seine auf „Tomorrow Never Knows“ eingeschlagene Richtung um 180 Grad: statt „downstream“ floatete er nun „upstream“. Der Schlaf und vor allem die Träume spielen unter dem Einfluss von LSD eine völlig neue Rolle. Dieses dem Titel angemessen einschläfernde Stück dokumentiert jene faszinierende Grauzone zwischen Schlaf und Wachbewusstsein hervorragend. Mitten in diesem luziden Song gähnt Lennon schamlos und bittet: „Please don’t spoil my day, I’m miles away.“

The Beatles, Love You To, 1966

Text/Musik/ George Harrison

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Ich möchte die Psychedelic Music Compilation der Beatles weiterführen mit George Harrisons akustischem Sitargeschnörkel, das in der Folge zu einem Markenzeichen der psychedelischen Musik der Mittsechziger wurde. Acid verfeinerte nicht nur die Hörfähigkeiten, sondern auch das Bewusstsein. Durch die trippigen, exotischen Ideen von „Love You To“ bekam Indien für die HörerInnen dieses Liedes einen ganz neuen Stellenwert.

Es handelt sich hier um einen der ersten westlichen Popsongs, der für indische Instrumente geschrieben wurde. Um so erstaunlicher, dass George Harrison hier eigenhändig die Saiten bedient. Er hat zugegeben, dass die Sitarklänge auf „Norwegian Wood“ noch eher zufällig waren, sie bei „Love To You“ jedoch erstmals bewusst eingesetzt wurden. Mit einem Text, der sich inhaltlich definitiv von üblicher Popromantik abgenabelt hat und einem gesunden Schuss proto-hippiehafter Instruktionen wie „to make love all day long“ – begann die psychedelische Zeit der Beatles in atemberaubendem Stil.

The Beatles, Tomorrow Never Knows, 1966

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Auf Besen reitende Hexen, die durch das sternenverpixelte Weltall rasen: Solch ein Bild suggerierten die Geräusche, die den Beatles-Song „Tomorrow Never Knows“ begleiteten, eine mantraartige Litanei in ostinatem C-Dur, von John Lennon mit verstellter Stimme gesungen und getragen vom ruckelnden Schlagzeug. Die Effekte hatten die Band und ihr Produzent George Martin mithilfe rückwärts gespielter oder beschleunigter Endlosbandschlaufen kreiert.

Das bahnbrechende Stück erschien im Sommer 1966 am Schluss des Albums „Revolver“ – und läutete ein Psychedelikfieber in der Popmusik ein, das seinen Höhepunkt 1967 erlebte. Wer Rang und Namen hatte in der Szene – und erst recht, wer es nicht hatte – begann nun, Klänge zu verfremden, Songs zu zersetzen, Engelschöre anzustimmen, barock zu trompeten und zu behaupten, man höre das Gras wachsen.

Run-DMC/Aerosmith, Walk This Way, 1986

Text/Musik/ Steven Tyler, Joe Perry

Produzent/ Russell Simmons, Rick Rubin

Label/ Profile

Ursprünglich ein Aerosmith-Song aus dem Jahr 1975, bescherte die Nummer den Bluesrockern aus Boston 1986 ein Riesencomeback, und viel wichtiger, schrieb mit seiner neuartigen Mixtur aus Hip-Hop und Rock Geschichte. Dennoch war die Zusammenarbeit eine schwere Geburt. Die Idee dazu stammte nicht von Russell Simmons, sondern von Rick Rubin. Beide Bands waren zunächst skeptisch: Vorallem die Rapper aus Queens hatten noch nie von Aerosmith gehört. Doch nach Rubins Überzeugungsarbeit und einer improvisierten Session mit Sänger Steven Tyler und Gitarrist Joe Perry ging man die Nummer an.

Bei „Walk This Way“ geht es vorallem um amouröse Initiation eines „high school losers“ durch sexuell zielstrebige Cheerleader. Das Schlagzeugintro gleicht einer Beatbox, Tylers rhythmisierter Sprechgesang ist bereits Rap. DJ Jam Master pitcht die Geschwindigkeit ein paar Schläge hoch, der Beat hämmert drauflos und hält nur beim Scratchen kurz inne. Das Gitarrenriff klingt scharf wie ein Rasiermesser, und was wichtig ist: Der Sprechgesang ist nun echter Rap von Leuten, die wissen, was sie tun. Ja, selbst Tylers mehr geschriener als gesungener Chorus „Walk this way, talk this way!“ klingt hier tausendmal griffiger als in dem verwaschenen Original aus den 70ern.

Jimi Hendrix, Crosstown Traffic, 1968

Text/Musik/ Jimi Hendrix

Produzent/ Jimi Hendrix

Label/ Polydor

Seine Kleidung ist exzentrisch, bunt, sein Umgang mit Frauen ist freizügig und dass er ständig auf Drogen ist, weiss auch jeder. Jimi Hendrix führt dieses Leben in der ständigen Grenzübertretung als ganz selbstverständlich vor und er trifft damit auch den Nerv der US-Jugend. Es ist der „Summer of Love“ – die kurze Zeit der Hippiebewegung, die sich zunächst als Subkultur und schliesslich als Lebensform ausbreitete. Hendrix wird zur Ikone der Bewegung. Aber irgendwie artet alles, was mal als Vergnügen gedacht war, in der Existenz-Form-Rockstar in Arbeit aus. Harte Arbeit, auspowernde Arbeit. Schlechte Inspiration, wie beschrieben in „Crosstown Traffic“: „You jump in front of my car when you, you know all time/ Ninety miles an hour, girl, is the speed I drive/ You tell me it’s alright, you don’t mind a little pain/You say you just want me to take you for a drive/ You’re just like Crosstown traffic/ So hard to get through to you, Crosstown traffic“.

Die wenige Zeit zwischen den Auftritten lässt Hendrix oft nichts anderes zu als eben diese Sorte Traffic. „Nach einer Weile erinnert man sich nur noch anhand der Frauen an die Städte, in denen man gewesen ist. Wir fahren in eine neue Stadt, und man hat keine Zeit, irgendwas zu machen, ausser mit einer Frau, also erinnert man sich zwangsläufig an die Frauen, bloss bringe ich in letzter Zeit Frauen und Städte ständig durcheinander“. Im Tagebuch, das Hendrix in dieser Zeit schreibt, findet sich auch immer öfter der Vermerk S.O.S, same old shit! (zitiert nach Charles R. Cross, „Jimi Hendrix – Hinter den Spiegeln“, Hannibal Verlag, 2006 ).

The Rolling Stones, Shattered, 1978

Text/Musik/ Jagger/Richards

Produzent/ The Glimmer Twins

Label/ Rolling Stones

Die Stones singen auf „Shattered“ ihr Psychogramm von New York City. Ungerührt listet das Stück die Ekelmomente der Stadt auf: „Don’t you know the crime rate is going up, up, up, up/ To live in this town you must be tough, tough, tough, tough, tough, tough/ You’ve got rats on the West Side/ And bed bugs uptown – what a mess/ This town’s in tatters“.

Während Jagger seine Monosyllablen abspult, murmelt der Chor unentwegt sein „shattered, shattered, shattered, shidoobey““. Das Stück klingt monoton, seine Struktur ist unterentwickelt. Zu Recht liesse sich hier sagen: eine mechanische Begleitung. Bass und Schlagzeug klopfen einen reizarmen Beat. Keith Richards Gitarre verzichtet ausnahmsweise auf das erkennungszeichnende Riff, beschränkt sich auf eine ostinante, zum Gurgeln verfremdete Begleitfigur. „Shattered“ heisst: zerstört, vernichtet, in seine Bestandteile zerstampft; shattered können Häuser sein, Flugzeuge, Menschen, Hoffnungen, Gefühle. Bei den Stones ist das einerlei: „shattered“ und „shidoobey“ sind nur ein Komma weit weg.

„Shattered“ als emotionaler Zustand liefert die Voraussetzung, ein kaputtes Leben leben zu können. Der Unterschied zwischen „shattered“ und „shidoobey“ ist ein Unterschied zwischen Realität und Reaktion: In der Wortwiederholung „up, up, up“ der Verbrechensrate und dem „tough, tough, tough“ der eigenen Verfassung wird der Schrecken relativiert durch sarkastische Übertreibung. „Shattered“ ist kein Protestsong, sondern eher ein Protest durch Bewegung.