The Beatles, Rain, 1966

Text/ Musik/ Lennon/McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Während die Beatles diese B-Seite der „Paperback Writer“ Single aufnahmen, stiessen sie erstmals auf die technische Möglichkeit, Aufnahmen rückwärts abzuspielen. Das klang wie aus einer anderen Welt. John Lennon war so begeistert von dem neuen Sound, dass er die ganze Nummer rückwärts aufnehmen wollte. Schliesslich beugte er sich aber doch George Martin und gab sich zufrieden, dass nur die letzten 25 Sekunden seines Gesanges entsprechend entfremdet eingesetzt wurden.

Thema dieses Songs war, wie auch bei vielen anderen psychedelischen Werken, die Natur. Die Sonne, die Wolken, der Himmel, Blumen und Bäume wurden plötzlich in ganz anderem Licht gesehen, erfahren und besungen. Durch Acid bekam das Gewöhnliche plötzlich eine besondere Faszination und es dauerte nicht lang, bis The Move das Gras wachsen hörten („I can hear the grass grow“). Die Grünen tauchten erst ein Jahrzehnt später auf.

The Replacements, Unsatisfied, 1984

Text/Musik/ Paul Westerberg

Produzent/ Peter Jesperson, Paul Westerberg

Label/ Twin/Tone Records

„Unsatisfied“ ist ein mit vier Minuten untypisch langes Stück für die Replacements. Ein Song ohne echten Refrain, den Westerberg unfertig ins Studio bringt, wo er recht spontan aufgenommen wird. Gitarrist Bob Stinson steuert  nachträglich noch eine improvisierte Solo-Gitarre hinzu. Eine gezupfte 12-saitige Akustikgitarre leitet den Song schon fast hippiesk-folkig ein, bis die Band nach 30 Sekunden einsetzt und ein wenig vor sich hin mäandert. Fast denkt man, dies wäre nur ein kleines Instrumental-Intermezzo, da setzt Paul Westerberg mit kehlig-desillusionierter Stimme und den Worten „Look me in the eye and tell me that I’m satisfied, was you satisfied?“ ein. Die Zeilen werden in leichten Variationen immer fordender und krächzender gesungen, während in zwei bridgeartigen Teilen ein wenig Hintergrund für diese Unzufriedenheit geliefert wird. „Everything goes well, anything goes all of the time. Everything you dream of is right in front of you and everything is a lie“, heisst es da etwa. Und am Ende überschlägt sich Westerbergs Stimme förmlich, wenn er wieder und wieder „I’m so, I’m so unsatisfied“ brüllt. 

„Unsatisfied“ ist kein Song für die Indie-Disco, keine Radio-Ballade. Der Song wurde nie als Single ausgekuppelt, die Band selbst hielt den Song und die Aufnahme nicht für sonderlich gelungen. Unausgereift und und unfertig wäre er. Und doch ist er ein zentrales Stück der „Teenage Angst“ der damaligen Zeit. Etwa zehn Jahre später sollte Kurt Cobain für die Grunge-Generation ähnliches leisten. Doch das ist eine andere Geschichte.

Joni Mitchell, Big Yellow Taxi, 1970

Text/Musik/ Joni Mitchell

Produzentin/ Joni Mitchell

Label/ Reprise Records

„Big Yellow Taxi“ ist vermutlich der bekannteste Song über die so einzigartige menschliche Tendenz, den Planeten Erde, der unser aller Zuhause ist, gedankenlos zu zerstören. Dabei ist „They paved paradise, put up a parking lot“ mehr als nur eine gelungene Alliteration, sondern basiert nach Joni Mitchell auf einer realen Begebenheit: Am ersten Morgen einer Reise nach Hawaii öffnete sie den Vorhang, um die wunderbare Berglandschaft der Insel zu sehen, sah aber nur einen lächerlich grossen Parkplatz, der sich vor ihr erstreckte.

Ausserdem geht es in dem Lied um die Entwaldung, die Kommerzialisierung der Natur und giftige Pestizide in unseren Nahrungsmitteln. In der letzten Strophe singt Mitchell: „A big yellow taxi took away my old man“. Ist „old man“ vielleicht eine Art Bezeichnung für ihren Freund? Falls ja, verknüpft sie hier zwei Geschichten, anhand derer man sieht, wie vergänglich das Glück ist: „Don’t it always seem to go/ That you don’t know what you got til it’s gone?“ Es scheint als wollte Joni Mitchell damit sagen, dass es, wenn es um den Planeten Erde geht, nicht anders ist als bei Herzensangelegenheiten. Zurückrudern bringt nichts.

Bildschirmfoto 2021-11-18 um 08.44.24

Ian Dury & The Blockheads, Sweet Gene Vincent, 1977

Text/Musik/ Ian Dury, Chas Jankel

Produzenten/ P. Jenner, L. Latham, R. Walton

Label/ Stiff

Ian Dury beschreibt seine Einflüsse als „die Labels Stax und Motown, Max Miller und viel Fernsehen“, aber häufig diente ihm Gene Vincent als Inspiration. Es war nach Vincents Tod 1971, dass Dury seine erste Band gründete, Kilburn & The High Roads, und neben der Musik prägte ihn auch die elegante Bühnenerscheinung seines Idols ( vorallem dessen schwarze Lederhandschuhe). Dury, der selbst aufgrund von Kinderlähmung gehbehindert war, beteuerte, dass ihn zuerst Genes Stimme und Gesangsstil fasziniert hätten und er erst später dessen Beinschiene bemerkte.

Dury Hommage „Sweet Gene Vincent“ erschien auf seinem ersten Soloalbum „New Boots und Panties!!“ und war die einzige Single-Auskoppelung. Durys Text ist verspielt und lebendig, mit raffinierten Querverweisen auf Vincent-Songs wie „Blue Jean Bop“, „Who Slapped John?“ und „Be-Bop-A-Lula“. Co-Autor Chas Jankel erzählte, dass die Aufführung des ersten Textentwurfs – dank Durys ausgiebiger Recherche über Vincent – mehr als 15 Minuten lang gewesen wäre. Der Text ist vollgestopft mit Wortspielereien und Anspielungen auf Essex und Ostlondon, alles in breitem „Estuary English“, das kaum jemand verstand, die Amerikaner erst recht nicht, weswegen das Album samt „Sweet Gene Vincent“ ein sehr englischer Erfolg geblieben ist.

Elvis Presley, Tomorrow Is A Long Time, 1966

Text/Musik/ Bob Dylan

Label/ RCA Victor

1966 erwarteten nur noch eingefleischte Elvis-Fans Grosses von ihrem Idol. Dennoch machte Presley im Mai und im Juni jenes Jahres einige seiner bedeutendsten Aufnahmen seit seiner Glanzzeit. Bei diesen Sessions – aus denen das Gospel-Album „How Great Thou Art“ hervorging, das dem King einen Grammy und sein musikalisches Comeback einbrachte – wurde auch eine Version von Bob Dylans „Tommorrow Is A Long Time“ aufgenommen, die Dylan als sein Lieblingscover bezeichnete.

Das war nicht Presleys einziger Ausflug in Dylans Diskographie. Etwa zu gleichen Zeit nahm er zu Hause „Blowin‘ in the Wind“ auf und coverte „I Shall Be Released“. Sein „Tomorrow Is A Long Time“ orientierte sich jedoch an einer gewissen sparsamen, bluesigen Version der Folksängerin Odetta, die ihrerseits Dylan beeeinflusst hatte. Völlig im Gegensatz zu dem, was Presley damals sonst lieferte, war dieser Track gespenstisch und mit über fünf Minuten ungewöhnlich lang.

Dylans eigene Version (ursprünglich gedacht für „The Freewheelin‘ Bob Dylan“, 1963) erschien lediglich als Live-Take auf seinem 1970er Album „Greatist Hits Vol.II“. Gecovert wurde der Song u.a. von Rod Steward, Nick Drake und Sandy Denny, aber keine Version reicht an die von Elvis Presley heran.

Calexico, Ballad Of Cable Hogue, 2000

Text/Musik/ Joey Burns

Produzent/ Joey Burns

Label/ City Slang

Der Kern von Calexico – Sänger Joey Burns und Drummer John Convertino – war ursprünglich die Rhythmussektion der Rockband Giant Sand um Howe Gelb. Mitte der Neunziger gründeten die beiden Musiker aus Tucson, Arizona dann ihre eigene Band. Mit einem eindrucksvollen Arsenal an Instrumenten, von Vibraphon über Akkordeon bis hin zu Mandoline und Steel-Gitarre, suchten sich Calexico ihre eigene Ecke im grossen Americana-Universum: einen Sound zwischen Country, Post-Rock und mexikanischer Folklore. Bei mir erscheinen immer schemenhafte Bilder vor der inneren Leinwand, wenn ich diese Musik höre. Die Wüste und die Sonne, imaginäre weite, leere Landschaften und staubige Strassen, irgendwo zwischen den USA und Mexico.

Calexico-Lieder sind Lieder im Schwebezustand, die den Traum vom Glück spazieren fahren, aber immer auch die Ahnung eines Schattens mit sich tragen. Kein Wunder, dass ihre Lieder auch schon für zahlreiche Filme verwendet wurden. So haben Calexico Taylor Hackfords Film „The Love Ranch“ vertont. Auf dem Soundtrack des Bob-Dylan-Films „I’m Not There“ war die Band gleich fünf Mal vertreten. Doch der Transfer verläuft auch umgekehrt: „ Ballad Of Cable Hogue“ heisst ein Calexico-Stück in Anlehnung an den gleichnamigen Western von Sam Peckinpah aus dem Jahr 1970. Es geht darin um einen Goldgräber, der von seinen Kumpanen ausgeraubt und ohne Nahrung und Wasser in der Wüste zurückgelassen wird. Kurz vor dem Erschöpfungstod stösst er auf eine Quelle, die ihn rettet. Dann plant er seine Rache. Der Song von Calexico ist eine Spielerei zu dem Film; ein musikalisches Klischee, das dazu dient, das Hybride zu erforschen und in Sound umzusetzen. Der Klang von „Ballad Of Cable Hogue“ machte Calexico weltberühmt. Das Lied wurde zusammen mit der US-amerikanisch-französischen Sängerin Marianne Dissard aufgenommen.

Fleetwood Mac, Oh Well, Parts 1 & 2, 1969

Text und Musik/ Peter Green

Produzent/ Fleetwood Mac

Label/ CBS

Sein Gitarrenspiel erschien zunächst wenig aufregend, weniger spektakulär als jenes von Hendrix oder Jeff Beck. Peter Green spielte sogar noch langsamer als Mr. Slowhand Eric Clapton. In der Fleetwood-Mac-Urbesetzung tat sich Green sowohl durch psychedelisch-zarte Klänge wie durch derben, obzönen Rock’n’Roll hervor. „Oh Well, Parts 1 & 2“ vereinte diese Gegensätze und beleuchtete das geplagte Genie der Band. Der Schlagzeuger Mick Fleetwood erinnerte sich später, Peters Persönlichkeit habe eine „aggressive Seite“ gehabt. Die erste Hälfte des Tracks war eine grossspurige, mörderische Blues-Attacke mit einem Text, der voller Verachtung sein Zielobjekt anfauchte, einen Verrückten, der Green unrecht getan hatte. Darauf folgte die idyllische zweite Hälfte, ein eindringliches Instrumental für Cello, Akustikgitarre und Flöte. Dies brachte, so Fleetwood, die andere Seite von Greens Persönlichkeit zum Ausdruck, „den nachdenklichen, spirituellen Musiker“.

Weil er zuviel LSD geschluckt hatte, erlitt Peter Green im Frühling 1970 einen Nervenzusammenbruch und verliess die Band. Er selbst sagte dazu später: „Ich machte einen Trip und kam nie mehr zurück“. Peter Green wurde Friedhofsgärtner und schloss sich einer Sekte an. Nach einem längeren Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt kehrte er zwar zwischenzeitlich wieder auf die Bühne zurück, doch Green war nur noch ein Schatten seiner selbst. Der Wahn hatte das Genie besiegt. Die Nebenwirkungen der Psychopharmaka machten ihm zu schaffen. Er hatte Mühe, sich zu konzentrieren. „Das Schlimmste, was mir im Leben passiert ist, sind die Drogen“, sagte er einmal in einem Interview. Am 25. Juli 2020 ist Peter Green gemäss seinen Familienangehörigen im Alter von 73 Jahren „friedlich eingeschlafen“. Er hat seinen Trip endlich beendet.

The Kinks, Sunny Afternoon, 1966

Text/Musik / Ray Davies

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Wie so viele Songs aus der Zeit zwischen 1966 und 1968 schien „Sunny Afternoon“ den Geist des Wandels zu verkörpern, der damals die USA und Europa durchströmte. „Tune in, turn on, and drop out“, lautete das Motto der Gegenkultur, und immer mehr Menschen begriffen, dass man nicht zum Mainstream gehören musste. Auch die Beatles rieten ihren Fans 1966, sich zu entspannen, die Gedanken auszuschalten und sich flussabwärts treiben zu lassen. Die Kinks jedoch waren vor ihnen da.

Musikalisch und textlich war der Song eine Offenbarung. Der Schritt zurück, den Songwriter Ray Davies damit wagte (zurück in die verrückte Music-Hall-Zeit seiner Jugend), statt die progressive Richtung weiterzuverfolgen, in die die früheren Hits der Band zu weisen schienen, erwies sich im nachhinein als genial. Hinter der warmen, lakonischen Weichheit der Aufnahme verbergen sich kluge Köpfe – eine Beobachtung, die, mal wieder auch auf die Beatles zutrifft, die im Jahr darauf ihre eigene Music-Hall-Hommage, „Being for the Benefit of Mr. Kite“, aufnahmen.

Cream, I Feel Free, 1966

Text/Musik/ Jack Bruce, Pete Brown

Produzent/ Robert Stigwood

Label/ Reaction

Nach dem Fehlstart der Debutsingle „Wrapping Paper“ musste Cream – die erste Rock-Supergroup der Welt: Jack Bruce, Eric Clapton und Ginger Baker – zeigen, dass sie dem Hype um die Band gerecht werden konnten. „I Feel Free“ beweist: Ernsthafte Blues-Musiker können Popmusik machen.

„I Feel Free“ war ein prima Gaumenreiniger. Der britische Charterfolg kam gerade, als die Beatmusik das Feld endgültig der Psychedelica überliess. Mit markanter Stimme präsentiert Bruce Browns frohe Botschaft von alles verzehrender Liebe. Clapton bündelt seine Fähigkeiten zu einem extrem kurzen Gitarrensolo. Baker war mit seinem Schlagzeugpart nie zufrieden, passt aber hervorragend in das wilde Tempo des Songs.

Der Song, der auf der britischen Ausgabe des Debutalbums „Fresh Cream“ fehlte, war der Opener der USA-Ausgabe und der Anfang einer langen Liebesbeziehung zwischen Amerika und der Band. David Bowie bewunderte den Song, spielte ihn auf der Ziggy Stardust-Tour 1972 und nahm ihn 1993 für sein Album „Black Tie White Noise“ auf.

„I Feel Free“ versetzt den Zuhörer in freudige Erregung und hört auf, wenn es am schönsten ist. Es ist einer der schönsten Cream-Momente überhaupt.

Pink Floyd, Astronomy Domine, 1967

Text/Musik/ Syd Barrett

Produzent/ Norman Smith

Label/ EMI

„Astronomy Domine“ ist das erste Stück auf der ersten Platte von Pink Floyd. Der Text lässt Farben und Klänge miteinander kollidieren, Planeten und Wasser, Weltall und Untergrund, es flackert und zuckt. „Neptun, Titan, stars can frighten“, singt Syd Barrett zum drohenden Spiel seiner Gitarre. Barrett war ein ungewöhnlicher und ungewöhnlich begabter Songschreiber. Sein Gitarrenspiel hat viele beeinflusst, seine Songs haben etwas Träumerisches und Bedrohliches zugleich, seine Harmonien und abrupten Tempi klangen unüberhörbar originell.

Aber schon nach dem ersten, von ihm dominierten Album merkten seine Kollegen, dass etwas mit ihm nicht stimmte, er hörte auf der Bühne auf zu spielen, wurde schweigsam und unberechenbar, kam immer später von seinen LSD-Trips zurück. Zwei Soloalben entstanden unter grössten Schwierigkeiten, weil Barrett keinen seiner Songs zweimal gleich spielte. 1978 zog er sich definitiv nach Cambridge und zu seiner Mutter zurück; mit der Musik hatte er schon vorher aufgehört. „Shine on You Crazy Diamond“ nannten Pink Floyd den einsamen, traurigen Song zu seinen Ehren. Als sie ihn aufnahmen, besuchte er sie im Studio, kahl rasiert und aufgedunsen. Syd Barrett starb am 7. Juli 2006 an Krebs.