The Kinks, Sunny Afternoon, 1966

Text/Musik / Ray Davies

Produzent/ Shel Talmy

Label/ Pye

Wie so viele Songs aus der Zeit zwischen 1966 und 1968 schien „Sunny Afternoon“ den Geist des Wandels zu verkörpern, der damals die USA und Europa durchströmte. „Tune in, turn on, and drop out“, lautete das Motto der Gegenkultur, und immer mehr Menschen begriffen, dass man nicht zum Mainstream gehören musste. Auch die Beatles rieten ihren Fans 1966, sich zu entspannen, die Gedanken auszuschalten und sich flussabwärts treiben zu lassen. Die Kinks jedoch waren vor ihnen da.

Musikalisch und textlich war der Song eine Offenbarung. Der Schritt zurück, den Songwriter Ray Davies damit wagte (zurück in die verrückte Music-Hall-Zeit seiner Jugend), statt die progressive Richtung weiterzuverfolgen, in die die früheren Hits der Band zu weisen schienen, erwies sich im nachhinein als genial. Hinter der warmen, lakonischen Weichheit der Aufnahme verbergen sich kluge Köpfe – eine Beobachtung, die, mal wieder auch auf die Beatles zutrifft, die im Jahr darauf ihre eigene Music-Hall-Hommage, „Being for the Benefit of Mr. Kite“, aufnahmen.

Cream, I Feel Free, 1966

Text/Musik/ Jack Bruce, Pete Brown

Produzent/ Robert Stigwood

Label/ Reaction

Nach dem Fehlstart der Debutsingle „Wrapping Paper“ musste Cream – die erste Rock-Supergroup der Welt: Jack Bruce, Eric Clapton und Ginger Baker – zeigen, dass sie dem Hype um die Band gerecht werden konnten. „I Feel Free“ beweist: Ernsthafte Blues-Musiker können Popmusik machen.

„I Feel Free“ war ein prima Gaumenreiniger. Der britische Charterfolg kam gerade, als die Beatmusik das Feld endgültig der Psychedelica überliess. Mit markanter Stimme präsentiert Bruce Browns frohe Botschaft von alles verzehrender Liebe. Clapton bündelt seine Fähigkeiten zu einem extrem kurzen Gitarrensolo. Baker war mit seinem Schlagzeugpart nie zufrieden, passt aber hervorragend in das wilde Tempo des Songs.

Der Song, der auf der britischen Ausgabe des Debutalbums „Fresh Cream“ fehlte, war der Opener der USA-Ausgabe und der Anfang einer langen Liebesbeziehung zwischen Amerika und der Band. David Bowie bewunderte den Song, spielte ihn auf der Ziggy Stardust-Tour 1972 und nahm ihn 1993 für sein Album „Black Tie White Noise“ auf.

„I Feel Free“ versetzt den Zuhörer in freudige Erregung und hört auf, wenn es am schönsten ist. Es ist einer der schönsten Cream-Momente überhaupt.

Pink Floyd, Astronomy Domine, 1967

Text/Musik/ Syd Barrett

Produzent/ Norman Smith

Label/ EMI

„Astronomy Domine“ ist das erste Stück auf der ersten Platte von Pink Floyd. Der Text lässt Farben und Klänge miteinander kollidieren, Planeten und Wasser, Weltall und Untergrund, es flackert und zuckt. „Neptun, Titan, stars can frighten“, singt Syd Barrett zum drohenden Spiel seiner Gitarre. Barrett war ein ungewöhnlicher und ungewöhnlich begabter Songschreiber. Sein Gitarrenspiel hat viele beeinflusst, seine Songs haben etwas Träumerisches und Bedrohliches zugleich, seine Harmonien und abrupten Tempi klangen unüberhörbar originell.

Aber schon nach dem ersten, von ihm dominierten Album merkten seine Kollegen, dass etwas mit ihm nicht stimmte, er hörte auf der Bühne auf zu spielen, wurde schweigsam und unberechenbar, kam immer später von seinen LSD-Trips zurück. Zwei Soloalben entstanden unter grössten Schwierigkeiten, weil Barrett keinen seiner Songs zweimal gleich spielte. 1978 zog er sich definitiv nach Cambridge und zu seiner Mutter zurück; mit der Musik hatte er schon vorher aufgehört. „Shine on You Crazy Diamond“ nannten Pink Floyd den einsamen, traurigen Song zu seinen Ehren. Als sie ihn aufnahmen, besuchte er sie im Studio, kahl rasiert und aufgedunsen. Syd Barrett starb am 7. Juli 2006 an Krebs.

Bob Dylan, Like A Rolling Stone, 1965

Text/Musik/ Bob Dylan

Produzent/ Tom Wilson

Label/ Columbia

Aggressiv und boshaft versetzt Bob Dylan ein Mädchen – es wird angenommen, dass damit die Schauspielerin Edie Sedgwick gemeint ist – ins Märchen – „Once upon a time you dressed so fine / You threw the bums a dime in your prime, didn’t you?“, um dann in die Gegenwart der Zukunft zu springen – „Now you don’t seem so proud / About having to be scrounging for your next meal.“ Man hatte uns damals gewarnt vor all den Gefahren, den Konsequenzen, die hinter jenem Horizont liegen, den manche Swinging Sixties, manche Utopie nannten: „When you got nothing, you got nothing to lose.“ Und trotzdem war es möglich eine Freiheit zu fordern im Bewusstsein der Gefahr, sich wie ein „Rolling Stone“ zu fühlen. Der Song funktioniert, weil er nur im Moment existiert. Er beginnt mit einem Trommelschlag, steht wie ein Monolith im Raum, betäubt jede Analyse und verlöscht mit dem letzten Ton. Repeat! Der Song als poetisches Manifest, ekstatisch und inszeniert.

Jefferson Airplane, Somebody To Love/ White Rabbit, 1967

Text/ Musik/ Grace Slick

Produzent/ Rick Jarrard

Label/ RCA Victor

„White Rabbit“ war der erste wirklich populäre Pro-LSD-Song. Anhand von Bildern aus „Alice im Wunderland“ wird hier zu trockenen Marschrhythmen die Welt der „pills“ und „mushrooms“ besungen. Natürlich ist „White Rabbit“ en Masse attraktiver als die Musik späterer Tage, in der LSD als „künstliches Paradies“, als vermeintlich natürliche Begabung der Phantasie attraktiv gemacht wird. Es geht in dem Song nicht darum sich in indische Heilige zu verwandeln, sondern das Künstliche, willkürlich Herbeigeführte des Trips zu lieben. Und Grace Slick meinte es dann schon ziemlich ernst, wenn sie am Schluss von „White Rabbit“ forderte: „Leave Your Head!“

Noch wichtiger als Drogen war Sex. Grace Slick hob bei Konzerten gern ihren Minirock und hatte nichts darunter. Das war damals viel brisanter, als man heute denken könnte, aber die Airplane gingen noch einen wesentlichen Schritt weiter: „Tears are running down your breast…/ And all the joy within you dies/ Don’t you want somebody to love/ Don’t you need somebody to love/ Wouldn’t you love somebody to love/ You better find somebody to love.“ Und Millionen Teenager im ganzen Land schrien „Ja! Ja! Ja!“. Und „to love“ hiess nicht „lieben“ sondern „ficken“. Und die Teenager gingen raus und suchten sich jemanden zum Ficken. Auch heute denken die jungen Leute keinen Deut anders als damals. Von Phasen und Genies mal abgesehen, fragen sich 14- bis 24jährige in ihrer Musik wie in ihrer Literatur immer dasselbe, wo komme ich her, wie fühle ich mich, fühle ich mich wohl, was ist das eigentlich, Sichwohlfühlen, wo gibts Liebe und was kostet sie, was ist das eigentlich Liebe?

Guesch Patti, Étienne, 1987

Text/Musik/ Guesch Patti

Produzent/ Jean M’Ba, Rémi Walter

Label/ EMI

Das emphatische „Etienne“ klingt mir heute noch in den Ohren; und das Video erst. Kaum ein Videoclip konnte so eindeutig und kontrovers zugleich die Rolle der Frau in einer voyeuristischen Unterhaltungsgesellschaft thematisieren. All das trug den Stempel der Meisterin: Sämtliche Register der Provokation unter Einsatz der eigenen Person ziehen. Dafür stand Guesch Patti. Sicher geschieht nichts zweimal. Ein Megahit lässt sich so nicht wiederholen.

Doch wer Guesch Patti nur auf diesen Moment reduziert, übersieht das Eigentliche an ihr. Sie war nicht einfach nur eine Sängerin mit einem Hit. Sie war Tänzerin, Darstellerin, Musikerin, Bühnenmensch – eine Frau, die ihren Ausdruck aus dem ganzen Körper formte und der Kunst nie nur eine einzige Türe öffnete.

Nancy Sinatra, These Boots Are Made for Walkin’, 1965

Text/Musik/ Lee Hazlewood

Produzent/ Lee Hazlewood

Label/ Reprise

Nancy Sinatras „These Boots Are Made for Walkin’“ nahm international die ersten Plätze ein. Eigentlich hatte Lee Hazlewood den Song für sich selbst geschrieben, aber Nancy bestand einfach darauf ihn zu singen. Woraufhin Lee ihr riet, das Ding dann auch nicht mit gewohnt hoher Kopfstimme, sondern eher aus Brust und Bauch heraus zu singen. So bekam das Lied, ursprünglich ein Country-Macho, einen feministischen, ja dezent sadistischen Unterton, und Nancys Image, einst ganz Daddy’s Little Girl, wurde, sowohl auf Platten wie im Film, durch eine fordernde Hooker- bzw. Bikerin-Dimension, zum reizvoll ambivalenten Wackelbild erweitert.

Abertausende haben sich bis heute die Zähne daran ausgebissen, ein Cover dieses Meilensteins aufzulegen – es geht nicht. Nancy Sinatras Erfolgsgeschichte bestand neben Lee Hazlewoods raffinierter Produktions-Regie, nicht zuletzt auch in den zwischen Surf und Country pendelnden, leicht hörbaren, aber durchaus funky Arrangements des 12-String-Gitarristen Billy Strange. 1966 erschien dann auch Nancys erstes Album, selbstredend „Boots“ betitelt, die Künstlerin posiert in roten solchen auf dem Cover.

The Beatles, She Said She Said, 1966

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

„Who put all those things in your head?“ Diese Dinge besorgte wohl Dr. Robert. John stellt hier das letzte von mir ausgewählte Stück vom „Revolver“ Album vor, voller verdrehten Rhythmen und auf- und niederstrebenden Melodien. Dieses Lied wurde durch die Begegnung der Beatles mit einige Mitgliedern der Byrds und dem Schauspieler Peter Fonda inspiriert. Im August 1965, bevor die Beatles Elvis in Graceland besuchten, nahmen sie einen gemeinsamen Trip mit dem Angeber Fonda, der ihnen weismachen wollte: „I know what it’s like to be dead.“ John glaubte ihm offenbar jedes Wort.

Der ursprüngliche Titel des Liedes war „He Said He Said“ und jeder, der sich schon einmal als Hobbypsychiater mit dem anregend regressiven Bild der Liedzeile „You’re making me feel like I’ve never been born“ beschäftigt hat, wird neuen Stoff zum Sinnieren erhalten, ursprünglich sang John nämlich: „You’re making me feel like my trousers are torn.“

The Beatles, Doctor Robert, 1966

Text/Musik/ Lennon/ McCartney

Produzent/ George Martin

Label/ Parlophone

Es handelt sich hier um eine „saubere“ Aufnahme. Der Text jedoch lässt keine Zweifel an der wahren Natur des Rezepts, das der gute Doktor verschreibt. Vorbild war ein gewisser Dr. Charles Robert, ein Acid-Doktor aus New York. Der Sänger lädt auf „Doctor Robert“ sowohl dazu ein, mit ihm einige illegale pharmazeutische Produkte zu teilen, wie auch eine Warnung, dass es sich bei diesem Charlie um einen Mann handele, dem man Glauben schenken müsse, der jedem Bedürftigen helfe.

Es dauerte nur wenige Jahre, bis John Lennon zu jenen gehörte, die für sich Drogen brauchten. Der „Doctor“ erinnert auch an Lennons und Harrisons ersten Acid-Trip. Ein befreundeter Zahnarzt hatte ihre Getränke mit LSD gespiked, ihnen ohne ihr Wissen LSD untergejubelt. Die Lennons fürchteten eine geplante Sexorgie und flüchteten mit George Harrison. Ihre Heimfahrt wurde zur spektakulärsten und entdeckungsfreundlichsten Reise in ihrem bisherigen Leben, zumal sie an der Haustür nicht aufhörte, sondern noch viel weiter führte.

The Beatles, I’m Only Sleeping, 1966

Text/Musik/ Lennon/McCartney

Produzent/ George Martin

Label Parlophone

Mit diesem Lied ändert John seine auf „Tomorrow Never Knows“ eingeschlagene Richtung um 180 Grad: statt „downstream“ floatete er nun „upstream“. Der Schlaf und vor allem die Träume spielen unter dem Einfluss von LSD eine völlig neue Rolle. Dieses dem Titel angemessen einschläfernde Stück dokumentiert jene faszinierende Grauzone zwischen Schlaf und Wachbewusstsein hervorragend. Mitten in diesem luziden Song gähnt Lennon schamlos und bittet: „Please don’t spoil my day, I’m miles away.“