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Ry Cooder, The Prodigal Son, 2018

Produzent/ Joachim Cooder, Ry Cooder

Label/ Fantasy Records

Seit mehr als vierzig Jahren bin ich ein Van Morrison Fan – und nun fassungslos, was der in letzter Zeit für lustlose, belanglose Dudel-Alben veröffentlicht. Eben solange bin ich auch begeisterter Hörer der Musik Ry Cooders – und im Gegensatz zu Van Morrison hat der nun ein ein Album zum Träumen veröffentlicht. Die alten Vocalists sind wieder dabei (auch noch der leider im Januar verstorbene Terry Evans), Sohn Joachim und einige wenige Studiomusiker. Den Rest der Instrumente, natürlich alle Gitarren, hat Ry Cooder selbst übernommen. Rys Stimme ist dunkel, fest, besser denn je und passt zu den Songs so gut, dass man sie sich von niemand anderem gesungen wünscht. Er legt eben seine Seele hinein (was Van Morrison auch einmal getan hat, aber nicht mehr willens ist zu tun).

Die Hauptsensation sind aber die Songs selbst, einige Eigenkompositionen, aber vor allem Schätze aus dem amerikanischen Folk-, Blues- und Gospel-Book. Ry Cooder scheint es um eine Erinnerung an die Grundwerte der Moral zu gehen, und er bedient sich dabei vor allem der Tradition schwarzer, religiöser Musik. Dies geht unter die Haut, selbst wenn man kein religiöser Mensch ist. Nach „You Must Unload“ möchte man garantiert einiges von seinem Plunder verschenken. Die zentrale Botschaft, die eigentlich in allen 11 Songs zu finden ist: Wenn wir unser Leben – persönlich wie global – nicht ändern, sind wir verloren, haben wir unsere Chance gehabt, aber verspielt. Wer möchte solche Aussagen angesichts unserer Gegenwart da einfach als „naiv“ vom Tisch wischen? Ry Cooder hat ein Album gemacht, das man in mehrfacher Hinsicht als „himmlisch“ oder „für die Ewigkeit“ bezeichnen kann. Man kann sich auch als Träumer wehren, dank der Kraft dieser Musik. Thanks, Ry!

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Ry Cooder, Paradise And Lunch, 1974

Produzent/ Russ Titelman, Lenny Waronker

Label/ Reprise

Mit „Paradise And Lunch“ hatte Ry Cooder im Juni 1974 ein Roots-Album veröffentlicht, das sich in wesentlichen Merkmalen recht deutlich von seinen bisherigen drei Alben unterschied. Ry Cooder präsentierte sich hier nicht nur als begnadeter Slidegitarren-Spieler, sondern er zeigte seine Fähigkeiten auch an der akustischen Gitarre und insbesondere an der Mandoline. Durch diese zusätzlichen Saiteninstrumente erhält „Paradise And Lunch“ einen wesentlich stärkeren Tex-Mex Appeal als seine bisherigen Alben. Dazu passen dann auch die entsprechenden Songs wie etwa die Coverversion des von Burt Bacharach geschriebenen „Mexican Divorce“, das ein herrlich träumerisch-trauriges Stück Mariachi-Musik zeigt, oder auch das Eingangsstück „Tamp ‚Em Up Solid“, einem uralten traditionellen Blues, dem Cooder einen schönen Eisenbahner-Tramp-Groove verpasst.

Die neun Songs auf „Paradise And Lunch“ repräsentieren ausschliesslich alte Traditionals, alte Bluesnummern und Ausflüge in Gospel und traditionellen Folk. Die verwendeten Instrumente passen perfekt dazu, und lassen die Bilder von Feldarbeitern, alten Männern auf der Veranda und alten Autos, also typische Klischees zu Blues und Folk, im Kopf des Hörers entstehen. Kein Anderer als Ry Cooder kann dieses Flair entstehen lassen, diesen relaxten Sound, der tief in der amerikanischen Roots-Musik verwurzelt ist.

Meine persönlichen musikalischen Höhepunkte, neben dem bereits erwähnten Opener „Tamp Em Up Solid“, sind übrigens die gospelig-vertrackte Coverversion von „Jesus On The Mainline“, sowie die verspielten Reggae-Version von „It’s All Over Now“. Auch die letzte Nummer der Platte, wo Ry Cooder allein mit dem eleganten Pianisten Earl Hines und seinen perlenden, präzisen Pianofiguren das lustige Nonsense-Lied „Ditty Wa Ditty“ zum Grooven bringt, ist in dieser Besetzung wohl einmalig. Tolle und abwechslungsreiche Musik, die das Herz berührt – was will man mehr?

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Ry Cooder, Chicken Skin Music, 1976

Produzent/ Ry Cooder

Label/ Reprise Records

Bereits das Cover ist ein echter Hingucker, und der Titel ist grotesk. All jene, die nicht an der permanenten Angst vor Arteriosklerose oder Herzverfettung leiden, ist bewusst, das die Haut eines frisch gegrillten Huhnes der mit Abstand geschmackvollste Teil des Broilers ist. Und einer der geschmackvollsten Gitarristen unserer Zeit ist sicherlich Ry Cooder, einer der grössten lebenden Bluesgitarristen, der auf diesem Meisterwerk einmal mehr sein breites Spektrum an Blues, Tex-Mex und Reggae von sich gibt.

Auch bei den Instrumenten zeigt Cooder ein grosses Spektrum: Nicht nur die klassische E-Gitarre oder die geliebte akustische sind da zu vernehmen, sondern auch ungewohnte Klänge von der Mandoline oder einer hawaiianischen Ukulele. Aus all seinen Instrumenten zaubert Cooder höchst eigenwillige Klänge, einmal jaulen sie auf („He’ll Have To Go“), dann wieder jubilieren sie („Always Lift Him Up“), doch niemals klingen sie gewöhnlich. Dafür ist Cooder einfach zu gut.

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Buena Vista Social Club, 1997

Produzent/ Ry Cooder

Label/ World Circuit

1996 war Gitarrenlegende Ry Cooder zu Besuch auf Kuba und versammelte eine Gruppe von Musikveteranen, um den Sound der vorrevolutionären Club-Szene Havannas wiederzubeleben. Das Ergebnis war das Album „Buena Vista Social Club“. Weil er damit gegen das Gesetz verstiess, das Geschäfte mit dem politischen Feind verbietet (Trading with the Enemy Act), musste er 25’000 Dollar Strafe zahlen (Präsiden Clinton erliess ihm die übrigen 475’000).

Compay Segundo war sozusagen der Elder Statesman dieser Musiker. Der zum Zeitpunkt der Aufnahmen fast 90jährige war noch von kubanischen Troubadours des 19. Jahrhunderts wie Sindo Garay geprägt worden. Seinen Künstlernamen erhielt Compay Segundo (der eigentlich Francisco Repilado hiess), weil er anfangs die zweite Stimme gesungen hatte.

„Chan Chan“, eine spanisch anmutende Ballade in Moll, zeigt Segundo als Meister des kubanischen Liedes. Die Beschränkungen seiner kubanischen Gitarre (Tres) überwand er, indem er sich mit zusätzlichen sein eigenes Instrument, Armonico, baute. 1997 wurde der Song zum Aushängeschild des Buena Vista Social Club.

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Ali Farka Touré with Ry Cooder, Talking Timbuktu, 1994

Produzent/ Ry Cooder

Label/ World Circuit

Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1993 von einer Session während Ali Farka Tourés US-Tour. Die Scheibe zählt gemeinhin zur Musikrichtung „World Music“, also zur traditionellen Musik, in diesem Fall Musik aus Mali. Auf „Talking Timbuktu“ gibt es gemeinsame Klänge von Ry Cooder, der bekanntlich den Blues gut kennt und oft spielt, der aber auch eine Reihe anderer Musikstile pflegt, mit einem Star der afrikanischen Musik zu hören. Sein Gegenüber Ali Farka Touré, der die Aufnahmen musikalisch wesentlich prägt ist ein aus Mali stammender Gitarrist, der den Übernamen „König des Wüsten-Blues“ hat, weil sein Solo Gitarrenspiel bluesig klingt und seine Kompositionen ebenso mit einfachen hypnotischen Riffs arbeiten wie Blues-Boogie-Songs.

Dass die Zusammenarbeit zwischen Weltmusikern und Amerikanischen Musikern auch kommerziell erfolgreich sein können hat Paul Simons auf seinen Alben „Graceland“ und „Rhythm of the Saints“ gezeigt. Ry Cooder ist ein echter Pionier der Zusammenarbeit mit „Welt-Musiker“, so veröffentlichte er bereits 1974 zwei LP’s mit dem Haiwaianer Gabby Pahinui. 1994 folgte eine Zusammenarbeit mit dem indischen Gitarristen Vishwa Mohan Bhatt. Und bei den Veröffentlichungen aus dem Umfeld des Buena Vista Social Club trat Ry Cooder als Produzent in Erscheinung.

Musikalisch scheinen die Welten von Cooder und Touré zunächst getrennt, aber beide Musiker treffen und unterhalten sich auf „Talking Timbuktu“ mithilfe des rhythmischen Idioms des Blues. Diese Aufnahmen sind spannend und herausfordernd, weil sie teilweise klar Blues sind, aber dennoch etwas anders funktionieren. Was das Bluesige dieser Aufnahmen ausmacht ist die Grundlage eines Riffs, das deutlich an John Lee Hooker erinnert. Solche Boogie-Riffs gibt es verschiedentlich, und auf diese werden dann afrikanische Gesänge und teilweise traditionelle Instrumente gesetzt.

Ali Farka Touré singt hier in elf verschiedenen Sprachen. Er spielt akustische und elektrische Gitarre, dazu Six-String Banjo, das traditionelle Streichinstrument Njarka. Die Mitmusiker sind auch nicht ohne: Jazz-Fusion-Bassist John Patitucci, und Drummer Jim Keltner, sowie die afrikanischen Perkussionisten Hamma Sankare an der Calabash und Oumar Touré an den Congas. Dazu auf einem Titel Clarence „Gatemouth“ Brown mit einem Gastauftritt.

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Ry Cooder, Bop Till You Drop, 1979

Produzent/ Ry Cooder

Label/ Warner Bros.

„Bop Till You Drop“ ist ein weitere Beweis, dass ausser Taj Mahal niemand ein so authentisches und gleichzeitig reflektiertes Verhältnis zur Geschichte amerikanischer populärer Musik hat wie Ry Cooder. Seine Kenntnisse sind umfassend, was immer er aus dem Reservoir herausgereift. Er beherrscht die Materie.

Wie er auf dieser Platte völlig obskure Coverversionen (wie beispielsweise „Little Sister“, eine im Original völlig lahme Nummer von Elvis) mit flexiblen, eleganten Gitarrenparts (überragend: Sideman David Lindley), funkigem Bass (Tim Drummond) und elegantem Schlagzeug (Jim Keltner) anreichert, das hat Klasse.

Das verzweifelte, oberauthentische „I Can’t Win“ mit grandiosem Satzgesang, das gospelhafte, vertrackt synkopierte „Trouble, You Can’t Fool Me“ ebenso wie das düster-treibende „Down In Hollywood“ (mit Chaka Khan als Backgroundsängerin) – jeder Song hat schon nach zwei Takten eine eigene Stimmung, Stil, perfekte Interpretation und Klasse. Jeder Song garantiert besser als das Original. Absolut ergreifend und versteckt ganz in der Mitte das ruhige, sanft schunkelnde „I Think It’s Going To Work Out Fine“: Besser kann ein einfaches kleines Volkslied nicht interpretiert werden.

Ry Cooders Arbeit, die für mich mit seiner Mitwirkung an den ersten Bands von Captain Beefheart und Taj Mahal begann, wirkt hier reif und souverän, klar und ohne Schlacken. „Bob Till You Drop“ ist ein Ausnahmealbum, dass auch nach fast vierzig Jahren nichts von seinem Wert eingebüsst hat.

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Ry Cooder, Get Rhythm, 1987

Produzent/ Ry Cooder

Label/ Warner Bros.

In den den 80er Jahren war Ry Cooder oft hinter den Kulissen tätig. Als Produzent, Autor und Instrumentalist meisterte er einige der wertvollsten Soundtracks der Decade, „The Border“, „The Long Riders“, „Alamo Bay“, „Paris, Texas“, „Blue City“ und „Crossroads“. Der 40jährige-Gitarrist aus Los Angeles zeichnete sich stets von neuem als ein sensibler Interpret und Umsetzer enthnischer Musikstile aus.

Auf seiner ersten Nicht-Soundtrack-Platte nach fünf Jahre treibt Cooder wieder ganz auf der traditionellen amerikanischen Folk- und Country-Musik abseits von Kommerz-Tönen, nicht ohne tiefschürfende Abstecher zu Blues und Tex-Mex. Fast allein schreibt sich die Liste derer, die mitgemacht haben. Gute Namen sind reine Poesie: Buell Neidlinger, einst Bassist von Cecil Taylor, dann Dirigent, dann wieder 1972 bei Van Dyke Parks aufgetaucht. Der wiederum spielt alle Keyboards. Larry Blackmon von Cameo lässt sich bei einem überreich gewürzten „All Shock Up“ vernehmen, Harry Dean Stanton kommt zu Wort, wenn es virtuos traurig (hier exakt das Gegenteil von traurig virtuos) wird. Cooders langjährige Vocalbegleiter Bobby King und Willie Green sind auch dabei. Und der Akkordeonspieler Flaco Jimenez und der Schlagzeuger Kim Keltner nicht zu vergessen.

Das reizend sauber, zwangsneurotisch zusammenkonstruierte Amerika Ry Cooders – das reine Bild: es kann nur noch exakter, noch reizender, noch lustiger werden. Und es ist verwunderlich, aber schön, dass wirkliche Menschen wie Jim Dickinson ein Drittel der Songs schreiben dürfen. Ry Cooder ist mit „Get Ryhythm“ wieder so gut wie zur Zeit von „Chicken Skin Music“, jene schöne friedvolle Zeit, als man, ohne von Prostitution zu leben, Hawaii-Hemden trug.