The Ramones, Leave Home, 1977

Produzent/ Tony Bongiovi

Label/ Sire Records

Manchmal verfolgt einen tage- oder sogar wochenlang eine Melodie, womöglich noch ein Schlager, den man eigentlich gar nicht ausstehen kann. So habe ich letzthin im Radio „Glad To See You Go Go Go“ von den Ramones gehört und seither nudelt dieses Lied vor meinem inneren Ohr. Auch von der Platte „Leave Home“, auf der sich der Song befindet, kann ich zur Zeit nicht genug bekommen, ich kann zur Tages- und Nachtzeit einen Song vertragen.

„Leave Home“ ist das zweite Album der Ramones. Geändert hat sich seit ihrem Debüt-Album nicht viel, nur dass „Leave Home“ vielseitiger produziert ist. Der Sound kommt für damalige Verhältnisse sehr „fett“ rüber. Die nächste Neuerung findet sich in den Backing Vocals, die auf dem Debüt noch eher rar gesät waren. Hier gibt es in so gut wie jedem Song eine zweite Stimme oder an die Beach Boys erinnernde Background-Chöre, die den rauen Gitarrenklängen entgegenwirkend einen Hauch Surf-Pop geben. Auch das Songwriting geht in eine etwas freundlichere Ecke, als die Lieder des ersten Albums. „I Remember You“ oder „Oh Oh I Love Her So“ sind da programmatisch. Aber für „Carbona Not Glue“ gab es wirklich Ärger, weil eine Reinigungsfirma ein Trademark auf diese Chemikalie angemeldet hatte. Der Song wurde von allen Nachpressungen des Albums genommen und durch „Sheena Is A Punk Rocker“ ersetzt.

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The Ramones, I Wanna Be Sedated, 1978

Text/Musik/ The Ramones

Produzent/ Tommy Ramone, Ed Stasium

Label/ Sire

Drei Akkorde, wahnwitziges Tempo, eingängige Refrains. Dazu Texte, die von Klebstoff, Gehirnwäsche und imaginären Nazi-Schatzis handelten – und davon, wie langweilig es ist, ein Teenager zu sein. Die Ramones haben den Punkrock vielleicht nicht erfunden, aber sie haben ihn geprägt und populär gemacht wie keine zweite Band.

„I Wanna Be Sedated“ stammt vom vierten Ramones-Album „Road To Ruin“. Leicht humoristisch verbrämt, erzählt der Song vom immensen Tourstress, unter dem die Band damals litt. Um die schwachen Plattenverkäufe anzukurbeln, wurden sie von ihrem Label verdonnert, so viele Konzerte wie möglich zu spielen, ohne Rücksicht auf Verluste: „Just put me in a wheelchair, get me to the show“.

Auch wenn die Ramones nie so etwas wie einen Hit hatten und einander spätestens seit 1978 persönlich nicht mehr ausstehen konnten, hielten sie über zwanzig Jahre lang stur an ihrem Stil fest. Als sie sich im Herbst 1996 auflösten, konnten sie auf 14 Studioalben und unglaubliche 2’263 Konzerte zurückblicken. Jeder dieser Auftritte begann mit einem krude ins Mikro gebrüllten: „One – two – tree – four“ und jeder präsentierte dem Publikum die Essenz des Rock’n’Roll.

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Ramones, Rocket to Russia, 1977

Produzent/ Tony Bongiovi, Tommy Ramone

Label/ Sire

August 1977 in einem Studio in New York: eine junge aufstrebende Band arbeitet an ihrem dritten Album. Die verflixte Dritte, wie man sie immer nennt; das Album, das über Top oder Flop einer Band entscheiden soll. Diesbezüglich sah sich die Band optimistisch. „Wir dachten, dass wir es schaffen würden – dass wir auf der Abschussrampe stünden.“, sagt Tommy Ramone später.

Textlich geht es wieder etwas kränker zu als auf dem Vorgänger-Album „Leave Home“. Mit ihrem schwarzen Humor sinnieren die Ramones über Geisteskranke („Cretin Hop“, „I Wanna Be Well“), Lobotomien bei Teenagern („Teenage Lobotomy“, die kaputte Grossstadtfamilie („We’re A Happy Family“) und selbst harmlos klingende Titel entpuppen sich als von schwarzem Humor geprägt. „Rockaway Beach“ etwa – der von Dee Dee Ramone verfasste Titel weist alle Merkmale eines typischen Gute-Laune-Surf-Rock-Songs auf, von den Background-Chören bis zu den vom besungenen Strand schwärmenden Lyrics. Zu dumm nur, dass dieser „Rockaway Beach“ wirklich existierte und das letzte Loch war, Drogenverkauf und Prostitution nicht ausgeschlossen. Die Vorstellung, dass Tausende Teenager vergnügt diesen Song mitsingen, ohne zu ahnen, was sich dahinter verbirgt, amüsierte die Ramones wohl gar so sehr, dass sie ihn als Single auskoppelten.

Der Clou an der ungewöhnlichen Themenwahl der New Yorker war eben das Licht, in dem sie es sahen. Wenn die Ramones über „Cretins“, „Pinheads“ oder „Teenage Lobotomies“ singen, dann sind diese plötzlich keine Ausgestossenen der Gesellschaft mehr, sondern werden viel mehr in ein sympathisches, romantisiertes Licht geführt. Zwei Coverversionen hatten sie sich auch wieder ausgesucht, zum einen „Do You Wanna Dance?“ von Bobby Freeman, zum Anderen „Surfin‘ Bird“ von den Trashmen, beide passen wunderbar in den Ramones-Sound und fallen kaum aus der Reihe. Mit „Here Today, Gone Tomorrow“ hingegen enthält „Rocket to Russia“ eine der wohl schönsten Balladen der Band. Man merkt, wie viel Seele Joey hier in den Gesang steckt. Das Album würde der grosse Durchbruch der Ramones werden, da war man sich sicher. Band und Label waren sich dessen einig, man hatten an alles gedacht, mit „Sheena is a Punk Rocker“ gab es einen Top-10 kompatiblen Hit als Single-Vorboten, die Promotion war am Anrollen, nichts konnte mehr schief gehen.

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Ramones, Blitzkrieg Bop, 1976

Text/Musik/ The Ramones

Produzent/ Craig Leon

Label/ Sire

Man kann doch davon ausgehen, dass sich die Gemeinsamkeiten zwischen den New Yorker Punk-Pionieren Ramones und den schottischen Pop-Püppchen namens Bay City Rollers darauf beschränkten, dass beides in den 1970er Jahren gegründete Männer-Bands waren, deren Mitglieder sich als Geschwister ausgaben (was im Fall der Ramones nur erfunden war)? Glaubt man jedoch Frontmann Joey Ramone, gingen die Parallelen darüber hinaus.

„Ich gestehe es ja nur ungern“, sagte er, „aber damals mochten wir Kaugummi-Pop wirklich sehr, und wir mochten die Bay City Rollers. Ihr Song „Saturday Night“ hatte einen tollen Sprechchor… „Blitzkrieg Bop“ war unser „Saturday Night“. Das Lied wurde sowohl seinem Titel als auch dem Aufruf „Hey ho, let’s go!“ gerecht. Es war wild, witzig und wahnsinnig mitreissend. Erst nach sechs Monaten kamen die britischen Punks so langsam auf den Trichter.

„Blitzkrieg Bop“ wird, wie der Rest des Debutalbums, zwar der ganzen Band zugeschrieben, war aber eigentlich das Baby von Drummer Tommy Ramone, ergänzt um ein paar Vorschläge von Bassist Dee Dee Ramone (etwa die Umbenennung, denn das Stück hiess ursprünglich „Animal Hop“).

Tommy fasste das musikaliosche Manifest der Gruppe im Jahr der Veröffentlichung von „Blitzkrieg Bop“ wie folgt zusammen: „Rock’n’Roll, Mann, einfach Rock’n’Roll – unterhaltsam, spassig, sexy, dynamisch, aufregend.“ Die Ramones hatten wohl nicht vor die Welt zu verändern, aber ihre überwältigende Wirkung auf der Tanzfläche machte das vergessen.