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James Cotton, Deep In The Blues, 1996

Produzent/ Paul Nelson

Label/ Verve

James Henry Cotton (1935 – 2017) gehörte noch zu der Generation der schwarzen Musiker, die in den Baumwollfeldern aufgewachsen ist. Als Kind erhielt er zu Weihnachten eine Harmonika. Etwas später hörte er in der King Biscuit Show den damaligen Star Sonny Boy Williamson II (Rice Miller) und eignete sich dessen Repertoire an. Als Neunjähriger verliess er mit einem Onkel Tunica und zog nach West Helena (Arkansas) und traf dort Williamson. Er erzählte ihm, er sei Waise und Williamson zog ihn auf. In späteren Jahren gab er zu, diese Geschichte erfunden zu haben. Williamson war aber tatsächlich sein Mentor und überliess ihm seine Band, als er von West Helena nach Milwaukee umzog. Cotton war allerdings zu jung, um die Band, die aus erfahrenen Musikern bestand, zusammen zu halten.

In den frühen Fünfzigerjahren begann seine Karriere als Mundharmonikaspieler in Howlin’ Wolfs Band. 1953 nahm er seine ersten Songs bei Sun Records unter seinem Namen auf. 1954 begann seine Zusammenarbeit mit Muddy Waters, dessen Harmonikaspieler er bis Mitte der Sechzigerjahre blieb. Auch danach war er bei Aufnahmen Waters immer wieder dabei. Allerdings ist er auf den Schallplattenaufnahmen der Band erst ab 1958 zu hören, da Chess Records auf Little Walter als Harpspieler bestand.

1965 entstand das Jimmy Cotton Blues Quartett mit Otis Spann als Pianist. Später tourte er mit Janis Joplin. 1967 gründete er die James Cotton Blues Band. Daneben arbeitete er mit so gut wie allen Bluesmusikern zusammen, die je die Bühne betreten hatten. 1990 erkrankte er an Kehlkopfkrebs, tourte aber weiterhin.

Für das 1996 erschienene Album „Deep In The Blues“ bekam James Cotton einen Grammy. Das Zusammenspiel von Cotton mit Joe Louis Walker und Charle Haden ist Delta-Blues vom Allerfeinsten. Vorallem Charlie Haden scheint hier mit seinem Stehbass wie ein ur-alter grosser Baum für meditativen Schatten zu sorgen, in welchem Cotton, Walker und gelegentlich David Maxwell am Piano ein Stück Blues leben. Die Stimme von James Cotton klingt, als ob sie Jahrzehnte in einem Whiskeyfass gereift wäre! Im ruhigen Zusammenspiel von Gitarre und Mundharmonika ist das wunderschön anzuhören. Handgemachter, erdiger Blues, jenseits vom gängigen Radiogedudel. Ein Musikerlebnis der etwas anderen Art. Einfach grossartig!

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Sue Foley, Live In Europe (DVD), 2006

Produzent/ Intact Produktion

Label/ Ruf Records

Am 6. Dezember 2005 fand im Kölner „Underground“ ein Konzert der kanadischen Bluesrock-Gitarristin Sue Foley statt. Leider schienen in Köln und Umgebung nicht genug Leute auf die (Blues) Dame aufmerksam geworden zu sein, denn an diesem Nikolaustag hielt sich der Besucheransturm im kleinen „Underground“ in bescheidenen Grenzen.

Mit einer DVD bekommt man das präsentiert, was man damals verpasst hat – nämlich ein grossartiges Konzert einer Enddreissigerin, die es versteht, in der Welt der 12 Takte dermassen variationsreich und versiert zu Werke zu gehen, dass kaum jemand mitbekommt, dass sie auch gerne mal die ausgetrampelten Pfade der Bluesschemata verlässt, bzw. diese Schemata einfach in Luft auflösen kann.

Dabei steckt implizit immer ein traditioneller Kern in ihrer Musik und ihrem künstlerischen Ausdruck. Das kann nicht verwundern, beschäftigt sich Sue Foley doch schon länger mit den historischen Zusammenhängen von Bluesmusik und Frauen, die sich in selbiger betätigt haben, vorzugsweise als Gitarristinnen. Das verfolgt sie bis in das Hier und Jetzt und tritt auch als Buchautorin („Guitar Woman“) in Erscheinung.

Aber ihr Vortrag und ihre Musik erstarren nie in traditionellen Formeln, sie orientieren sich daran, um diese Grundlage für spannende und abwechslungsreiche Ausflüge zu nutzen, die sich nie im Niemandsland der reinen Selbstdarstellung verlieren. Dabei kann einmal mehr ihr herausragend pointiertes Spiel auf den sechs Saiten begeistern, welches sie facettenreich in Szene zu setzen weiss, mit erstaunlich grossem Ausdrucksvermögen und jeder Menge Feeling und Emotionen.

Im ersten Teil des Sets spielt sie unprätentiös diverse Coverversionen persönlicher Vorbilder wie James Moore, Jody Williams, Memphis Minnie, Precious Bryant und Willie Dixon, um dann Earl Hooker zu huldigen („Hooker Thing“). Anschliessend bringt sie noch ein stimmungsvolles und rhythmisches „Mediterranean Breakfast“. Ein Höhepunkt des Konzerts ist für mich „Absolution“, ein hinreissender, gefühlsbetonter, leicht angejazzter Slow-Jam-Blues, voller grandioser, minutenlanger, variabler Gitarrenarbeit. Alleine die hier demonstrierte Lehrstunde an „Slow-Picking“ hievt Sue Foley in den Adelsstand aller Saitenzupfer.

Das Konzert hat eine Spieldauer von rund 75 Minuten, doch die DVD enthält neben ein paar Interviews noch einen Live-Nachschlag, nämlich rund 48 Minuten „Live in Amsterdam 2005“. Dort, mit einer anderen, aber ebenso starken Band im Rücken, gibt es 8 grossartige Live-Tracks.

Darüber hinaus bleibt noch festzuhalten, dass sich die Zusammenarbeit mit inakustik („Willkommen im Klangparadies“) hörbar auszahlt. Die Live-Atmosphäre im eigenen Wohnzimmer ist jedenfalls beängstigend realistisch. Auch das Bild scheint höheren Ansprüchen zu genügen. Dabei halten sich hektische Umschnitte in Grenzen, das Geschehen auf der kleinen Bühne wird so plastisch und spannend wie irgendmöglich eingefangen. Einfach faszinierend, Sue Foley bei ihren Fingerübungen auf der designten Fender Telecaster aus nächster Nähe verfolgen zu können.

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Howlin‘ Wolf, 1962

Produzent/ Willie Dixon

Label/ Chess

Willie Dixon komponierte viele der besten Blues-Songs in Chicago nach dem zweiten Weltkrieg. Dass Muddy Waters und Little Walter mehr Beachtung erfuhren, haben sie auch Dixon zu verdanken, der viele ihrer besten Aufnahmen schrieb, produzierte und/oder darauf mitspielte.

Keiner dieser Musiker profitierte jedoch mehr von Dixon als Chester Burnett (1910 – 1976) alias Howlin‘ Wolf. Howlin‘ Wolf war nach Aussagen von Zeitgenossen stockdumm, ziemlich primitiv – ein eher unangenehmer Zeitgenosse also, aber ein Genie, sobald er auf der Bühne stand und loslegte. Einen immensen Anteil an der elementaren Wucht seiner Songs hatten seine Mitmusiker, die später auch als Einzelinterpreten aus dem Schatten des Wolfs traten, insbesondere der Gitarrist Hubert Sumlin. Burnett kam ebenfalls aus dem Delta. Er war, wie die meisten Musiker dort, von Tommy Johnson und Charley Patton beeinflusst. Nach dem zweiten Weltkrieg bekam er einen Job als Radio-DJ, hatte eine eigene Band in Memphis und spielte schon bald elektrisch.

Burnett machte seine ersten Aufnahmen bei Sam Phillips, dem umtriebigen Inhaber der Sun-Studios in Memphis, der ihn an verschiedene Label, darunter Chess vermittelte. Seinen unverwechselbaren Stil entwickelte er dann in Chicago ab 1955 mit Sumlin und Willie Dixon, als er exklusiv bei Chess unter Vertrag stand. Mit Titeln wie „Little Red Rooster“, „Spoonful“ oder „Back Door Man“ begeisterte Howlin‘ Wolf sein schwarzes Stammpublikum im Süden wie auch ab Mitte der sechziger Jahre junge weisse Musiker wie die Rolling Stones.