The Violent Femmes, The Blind Leading The Naked, 1986

Produzent/ Jerry Harrison

Label/ Slash

Zwischen die interessanten Monologe Gordon Ganos, die geheimnisvollen Gesänge und wuchernde Instrumentierungs- und Stilvielfalt der durchweg anrührenden Femmes, mischen sich so solide klingende Sachen wie original englischer R & B („ Faith“ klingt sehr nach Yardbirds) und eine Coverversion von „Children of the Revolution“. Die an das Original angelehnte Fassung erfährt hier allerdings eine wunderliche Behandlung: Ein altertümlich-funkiges Daddel-Intro leitet zur weidlich ausgespielten Schleimgitarre, Gordon Gano greint abgehackt darin rum – aber doch auf bescheidene Art schön. 

Das ganze Album scheint mir ziemlich „witzig“ zu sein, mit vielen humorträchtigen Details. Zum Glück nicht zu viele, denn: ich mag seriöse Leute. Und G. G. ist über die Massen seriös. Das Album hat auch den Vorteil, dass die Femmes, egal wie geschwind die Musik dahingehoppelt, immer wie gelähmt wirken. So gelähmt, wie man sich fühlt, wenn es einem gelungen ist, die Hose über den Kopf und die Jacke über die Beine zu ziehen. Sie sind reizend, das reizendste Zitat aber ist: „l can’t even remember if we were lovers, or if I just wanted to“.

Holly Goligthly, The Good Things, 1995

Produzent/ Holly Goligthly

Label/ Damaged Goods

In unseren unseligen Zeiten sind sie rar geworden, die (musikalisch) wirklich unverwechselbaren Gestalten. Ich erspar mir hier mal die übliche „früher war alles besser“ Leier (dass das so ist wissen wir doch eh alle…), dabei würde die genau hier doch wunderbar passen: schliesslich liegen die im Schaffen von Miss Goligthly so geschätzten Dekaden doch schon so zwischen 80 und 50 Jahren zurück. Mit ihrer unnachahmlichen Art, die die Dame zu eben so einem Charakter macht, wie er eingangs beschrieben wurde, ist auch diese eingespielte Scheibe ein Volltreffer.

„The Good Things“ ist ein herrlich unaufdringliches Album voller Perlen, die grob zwischen Country, Folk und Blues schweben; dabei sind sie ohne das geringste Anzeichen von Staub herrlich „altmodisch“, ohne 2026 unpassend zu wirken. Das liegt wohl daran, dass die Musik einfach zeitlos ist. Vierzehn wahnwitzige Beat-Hymnen mit laszivem Gesang, wummerndem Bass, polternden Drums, Quängel-Gitarre und quietschender Schweine-Orgel. Und weil das Ganze so herrlich dilettantisch, komisch, verwegen und doch vertraut klingt, findet sich hier natürlich Hit um Hit: „Wherever You Were“”, „Expert“, „Without You“ oder Wreckless Eric`s „Comedy Time“. Das alles im hippen Blümchen-Cover, selbstproduziert, in Kleinstauflage vertrieben und doch so belebend wie der erste Kaffee. Grandios.

The Go-Betweens, Before Hollywood, 1982

Produzent/ John Brand

Label/ Rough Trade

Die Go-Betweens sind bedrohte, sensible Geschöpfe, die vor der Welt zurückschrecken (die fürchten, es könne zuviel von ihnen verlangt werden, sich dann aber auf andere Weise wieder an das Leben herantasten). Dabei schaffen sie facettenreiche Gebilde, zarte Blüten von karger, brüchiger Schönheit und Transparenz. Wunderschöne, sehnsüchtige Folk-Pop-Melodien.

Ein weiter Himmel, darunter eine Schafherde, ein Junge in kurzen Hosen, Grant McLennan, einer der beiden Songwriter der Go-Betweens erinnert sich in „Cattle And Cane“ an seine Kindheit auf einer Farm im australischen Queensland. McLennan starb am 6. Mai 2006 im Alter von 48 Jahren.

The Who, Meaty Beaty Big And Bouncy, 1971

Produzent/ Kit Lambert, Shel Talmy

Label/ Polydor

Mehr noch als viele ihrer Zeitgenossen wie die Beatles oder die Stones, die gerne mal eine Single veröffentlichten, die nicht auf einem Album unterkam, waren die Who in den 60er Jahren primär eine Singles-Band. Und als solche fanden sich ihre grössten Hits eben nicht auf den Studioalben. Tatsächlich gab Townshend zu Protokoll, dass er erst mit „Tommy“ die Kunst des Albums entdeckt habe. Aus diesem Grund ist diese 1971 erschienene Compilation mitsamt ihrem grossartig melancholischen Cover ein Rückblick auf das Frühwerk der Band. Und zu diesem gehören ja schliesslich einige der besten Songs der 60er Jahre.

Diese LP konnte ich mir zur Zeit ihrer Veröffentlichung nicht leisten, daher existierte von „Meaty Beaty Big And Bouncy“ jahrelang nur eine Cassetten-Kopie, deren Qualität von vorneherein nicht die Beste war und im Laufe der Zeit immer schlechter wurde. Später habe ich mir dann das Album zugelegt und es auch nicht bereut: besonders reizvoll an den Who ist hier ihre Fähigkeit einen Gesamtsound hinzulegen – reiche Arrangements und üppige Harmonien von musikalischen Könnern.

The Specials, 1979

Produzent/ Elvis Costello

Label/ 2 Tone

Es hat eigentlich lange gedauert, bis die starke Sympathie und Solidarität zwischen Punks und Schwarzen in England einen gemeinsamen musikalischen Ausdruck gefunden hat, frühe Versuche von Kombinationen Punk-Reggae waren eher vereinzelt und bei weitem nicht immer glücklich, obschon hier auch Spitzen wie „White Man in Hammersmith Palais“ von den Clash herauskamen. Die Specials, als Mischgruppe aus Schwarz und Weiss begannen mit beidem, stellten dann fest, dass sich zur Verbindung, der alte, härtere und schnellere Ska, eine Reggae-Vorform, besser eignet; sie halfen damit entscheidend bei der Wiedergeburt und Neugestaltung des Ska weiter.

Die Musik auf dem ersten Album der Specials kann mal böse-aggressiv („Do The Dog“), kann bittersüss („You Wondering Now“ sentimental sein, aber sie lässt einem nicht eine Sekunde in Ruhe, immer ist da diese unwiderstehliche Rhythmik, Coffein und Adrenalin, immer voll wach, nie verpennt und ungeheuer menschlich. „Too Much Too Young“ ist so ein verflucht rührendes Stück, aber ich habe jetzt eigentlich keine Lust mehr, sinnlose Worte über dieses Album zu verlieren. Hört euch das an!

Blondie, Rapture, 1980

Text/Musik/ Debbie Harry, Chris Stein

Produzent/ Mike Chapman

Label/ Chrysalis Records

Im Video ist ein weissgekleideter Schwarzer zu sehen, der in einer Seitengasse tanzt. Mit goldenem Zylinder und schwarzer, blinkender Sonnenbrille nähert er sich einem vergitterten Fenster und blickt in einen Raum. Die Kamera schwenkt auf Debbie Harry, die einer Statue gleich dasteht. Sie bedeckt ihr Gesicht halb mit dem Kragen ihrer Chiffon-Weste und setzt sich langsam in Bewegung. Sie zieht die Weste aus, beginnt zu singen und läuft vorbei an erstarrten Personen. Debbie Harry lässt die Leblosen aufwachen. Musik und Stimme beleben die Situation und versetzen die Menschen in Verzückung: Rapture.

Die Personen im Raum tanzen linkisch zum Disco-Beat, den ein schwarzer DJ vorgibt. Der weissgekleidete Schwarze, der Eingangs in den Raum blickt, sowie der DJ, sind die eigentlichen Protagonisten des Songs. Sie liefern den Weissen den Sound, die ihn aufgreifen ohne ihn zu begreifen. Als die Kamera wieder nach draussen führt, wird klar, dass Blondie hier die Geschichte der Ausbeutung der schwarzen Kultur zeigt. Neben schwarze Graffiti-Künstler und Tänzer gesellen sich Uncle Sam, eine kleine Ballerina sowie ein Nervenarzt, die dem Geschehen kaum folgen können. Und der weissgekleidete Schwarze zieht mit den Weissen weiter, vermutlich in den nächsten Club. Dies ist die Geschichte einer anfänglich schwarzen Clubkultur, die vom weissen Markt verschluckt und ihrer eigentlichen Identität beraubt wurde.

Motörhead, Overkill, 1979

Produzent/ Jimmy Miller

Label/ Bronze Records

Wenn ein Album unter die besten fünf von Motörhead gehört, dann ist es wohl ganz klar „Overkill“ aus dem Jahre 1979. Der Metal-Einschlag war damals noch gar nicht vorhanden und die Briten bedienten eindeutig für damalige Verhältnisse simplen und leicht rüpelhaften Rock. Mit Lemmys charismatischem Organ, das seinerzeit noch etwas frischer klang als später (wenn man das überhaupt jemals von Lemmys Stimme behaupten konnte), rundet sich der positive Eindruck ab. Hard Rock wie er im Buche steht. Die Gitarren rocken, der Bass rödelt und das Schlagzeug spielt dienliche, treibende Beats. Hinzu kommen Refrains, einige geile Soli und eine ehrliche Produktion. Egal ob nun das Titelstück „Overkill“, das schnittige „No Class“, „Stay Clean“ oder „Metropolis“, auf dem gesamten Album gibt es Rock ohne Schnörkel und unnötigen Klimbim.

Motörhead waren schon am Anfang ein Garant für harte Rock-Musik und bis zum Schluss bewahrte diese Band ihre Traditionen, auch wenn sie sich dem Fortschritt nicht ganz verwehren konnte. Letzteres ist im Falle von Motörhead meiner Meinung nach keineswegs verwerflich, denn Lemmy & Co. haben genug Alben herausgebracht und wenn man halt lieber die alten Perlen hört, legt man eben Scheiben wie „Ace Of Spades“ oder eben „Overkill“ auf und geniesst den Stoff so pur, wie er aufgenommen wurde. Let’s Rock!

Roxy Music, Country Life, 1974

Produzent/ John Punter, Roxy Music

Label/ Island

Für das Jahr 1974 ein geradezu unverschämtes und schockierendes Cover. Zwei Frauen in Dessous, die eine mit eindeutiger Geste, ihre Hand im Schritt, während die andere ihren Busen mit den Händen bedeckt. Aus heutiger Sicht mehr als harmlos, die Werbung bietet solches am Fliessband und kaum einer schaut noch hin.

Um so mehr ist „Country Life“ ein hörenswertes Album geblieben. Das Piano-Intro von „The Thrill Of It All“ verspricht einiges, dann legt die Band los, ein eleganter Glam-Art-Pop-Rock und dann die bebend-vibrierende Stimme Bryan Ferrys mit manierierten Schlenkern. Auf „Three And Nine“ gibt es den sanfteren Bryan Ferry. Ein verspielt-erheiternder Song, stylish würde der Engländer sagen. „All I Want Is You“ hat lärmendes Instrumentarium und angeschrägte Melodie, Ferry singt unterkühlt, aber geschmeidig. „Out Of The Blue“ beginnt disharmonisch, Ferrys befreiter Gesang fügt dem Song poppige Strukturen hinzu, die Band schlägt Haken, die von Glam-Pop bis zu exzessiven Prog-Rock-Exzessen reichen. Danach wird’s fast rock-klassisch gemütlich mit „If It Takes All Night“, während „Bitter Sweet“ mit Marschrhythmen und deutschem Liedgut spielt: „Nein – das ist nicht/Das Ende der Welt/Gestrandet an Leben und Kunst/Und das Spiel geht weiter/Wie man weiss/Noch viele schönste…wiedersehn“. So weit so deutschgut. Wie ein fanfarisches Zwischenspiel klingt „Triptych“. Das furios-schrille „Casanova“ mit einem Bryan Ferry in Höchstform, Tremolos mit Sex-Appeal und fragend: „Now you’re flirting/With heroin/Or is it cocaine?“. „Mit A Really Good Time“ wagen sie ein wohl nicht so ernst gemeintes Klassik-Rock-Crossover. Zu guter Letzt nochmals Glam-Art-Pop-Rock, mit „Prairie Rose“. „Country Life“ gehört neben „Stranded“(1973) und „Siren“ (1975) zu den besten Alben von Roxy Music.

Fleetwood Mac, Rumours, 1976

Produzent/ Ken Caillat, Richard Dashut

Label/ Warner Bros.

Als Fleetwood Mac im kalifornischen Sausalito 1976 mit dem Aufnahmen zu „Rumours“ begannen, lag die sechsjährige Beziehung zwischen Lindsey Buckingham und Stevie Nicks in Trümmern. Auch die Ehe zwischen John und Christine McVie waren derart zerrüttet, dass beide nicht mehr miteinander sprachen. Selbst Mick Fleetwood liess sich scheiden. Das Thema der Songs war klar: das Scheitern von Beziehungen. Die drei Songschreiber der Band – Nicks, Buckingham und Christine McVie – texteten über fast nichts anderes. Man kann natürlich sagen, „Rumours“ sei glatt, sauber und sonnig. Aber darunter ist Dunkelheit und Morast, was in jedem Fall zur Einzigartigkeit des Albums, womöglich auch zu dessen Erfolg beitrug.

„Gold Dust Woman“, der letzte Song des Albums, sprach noch ein anderes Thema an, das für die ganze Band zu diesem Zeitpunkt von höchster Wichtigkeit war. Während der Sessions zu „Rumours“ bedienten sich sämtliche Beteiligten regelmässig aus einem grossen Samtbeutel mit Kokain. Diese Sorglosigkeit führte bei Stevie Nicks zu einer schweren Drogenabhängigkeit; Mitte der Achtziger liess sie sich zum Entzug in eine Klinik einweisen. Der Song erinnert an die Naivität, mit der zu jener Zeit Kokain konsumiert wurde. Niemand bemerkte, wie stark es abhängig machte, denn niemand hatte es lange genug genommen, um das erfahren zu haben.

John Prine, Souvenirs, 2000

Produzent/ Jim Rooney, John Prine

Label/ Ulftone Music


John Prine starb am 7. April 2020 im Alter von 73 Jahren an den Folgen einer Infektion mit dem Coronavirus. Er war einer dieser Musiker, die von Kollegen hoch verehrt wurden, die aber selbst nie Starruhm erreichten. Der Songwriter aus Illinois veröffentlichte 1970 seine erste Platte und beeindruckte Kollegen wie Bob Dylan und Kris Kristofferson.

Ein kommerzieller Durchbruch gelang Prine nicht wirklich, aber seine Songs wurden gerne und oft gecovert u.a. von Bruce Springsteen, Johnny Cash, Bonnie Raitt, David Lindley und Tom Petty. John Prine veröffentlichte in regelmässigen Abständen seine Alben und ging weiter auf Tour, obwohl er seit 1998 von diversen Krebserkrankungen geplagt wurde.

Normalerweise kommt der Manager der Musikzombies erst kurz vor dem Exitus des Schützlings auf die verzweifelte Idee, den abgetakelten Exstar die alten Songs noch einmal aufnehmen zu lassen. Ein Indiz für das nahe Ende. Ausser bei John Prine, wie man nach dem Hören seines persönlichen Best-of-Album „Souvenirs“ von 2000 sofort zugeben muss. Fünfzehn Interpretationen seiner bekanntesten Lieder ( darunter „Angel From Montgomery“ oder die bedrückende Drogenelegie „Sam Stone“) hat er neu eingespielt, meist zur akustischen Gitarre, manchmal mit karger Countryband. Mit überwältigendem Ergebnis: Nur ganz wenige Countryalben haben diese Intensität, diese Intimität.

Prines Gesang ist leicht verschlurft, er visiert die Melodien nur an, ohne sie auf die „schöne“ Nashville-Art zu treffen. Alle Versionen auf diesem Album übertreffen die Originale bei weitem. Sie gewinnen in ihrer Kargheit jene Kraft zurück, die ihnen die (Über-)Produktion einst entzogen hatte. So was ist selten, aber wahr.