Big Brother and the Holding Company, Cheap Thrills, 1968

Produzent/ John Simon

Label/ Columbia

In erster Linie ist das ein Album von Janis Joplin. Mit ihrer gutturalen, erdhaften, eindeutig vom Blues her kommenden, dennoch wandlungsfähigen Stimme dominiert sie. Wenn man sie in „Ball And Chain“, ihrer Paradenummer hört, hat man das Gefühl, dass sie ein weisses Gegenstück zu Bessie Smith oder Big Mama Thornton ist.

Die übrigen Mitglieder der Band sind nicht schlecht – einer der beiden Leadgitarristen, James Gurley nämlich, spielt teilweise unglaubliche Gitarrensoli, etwa das Intro zu „Ball And Chain“ – doch sie stehen alle im Schatten von Janis Joplin. Wahrscheinlich wäre die Band ohne Janis eine sehr gute Gruppe geworden, doch mit ihr wurde sie zur blossen Begleitband degradiert.

„Cheap Thrills“ – ursprünglich „Sex, Dope & Cheap Thrills“ benannt, doch die Firma fand den Titel zu anstössig, ist ein Album, das ich immer wieder gern höre. Aus der heutigen Perspektive betrachtet, ist es eine Zeitkapsel des Jahres 1968. Dieses Jahr markierte wohl den Moment, als Big Brother, Janis und die ganze LSD-getränkte, komplett überdrehte Frisco-Szene der 60er überkochte. Das Cover stammt übrigens von Robert Crumb und kommt auf der Vinyl-Platte natürlich besser zur Geltung.

The Mothers of Invention, Freak Out, 1966

Produzent/ Tom Wilson

Label/ Verve

„Freak Out“ war die erste Platte des schlagartig erwachenden Undergrounds. Frank Zappa hatte nicht nur „money at the bank“, sondern auch Recht. Er hatte etwas ganz Besonderes, was die anderen nur andeuten konnten. Zappa entwickelte eine im Pop noch unbekannte Kunst-Form. Er organisierte seine Kompositionen aus allen nur erdenklichen Genres von zeitgenössischer E-Musik über Jazz bis Doo Wop. Die überdrehten Sound- und Vortragseffekte der Fünfziger-Jahre-Novelty-Hits verband er mit suitenhaft angelegten Grosskompositionen, integrierte Hörspiel und Satyrspiel.

„Freak Out“ beginnt mit ein paar gelungenen Teenie-Balladen und Rock’n’Roll-Parodien. Es gibt etwas Gesellschaftskritik, ist aber insgesamt harmlos, bis Zappa in dem 11. Song die Frage stellt: „You’re Probably Wondering Why I’m Here?“. Dann bricht die Hölle über die Popgemeinde herein, zerplatzt neue Musik in Herzen und Hirnen. Ein langer, frenetischer, negrophiler Polit-Rap „Trouble Every Day“ wird von einem bluesigen Gitarrenriff angetrieben. Der Text behandelt die Rassenunruhen von 1965 in Watts, dem schwarzen Ghetto in Los Angeles; sie dauerten sechs Tage, 34 Menschen starben, über tausend wurden verletzt. Zappa beschreibt die Vorfälle aus der Sicht des Zuschauers, analysiert den Sensationalismus der Fernsehstationen und die Auswegslosigkeit des Ghettos, ohne dabei die weissen Opfer des schwarzen Mobs zu ignorieren: „I’m not black/ But there’s a whole lots a times/ I wish I could say I’m not white.“

Danach kommt dieser szenisch, aufgelöste, verfremdete Geniestreich „Help I’m a Rock“, um mit der Synthese „The Return of the Son of Monster Magnet“ zu schliessen: Macht zusammen die 27 besten Minuten, die das Album „Freak Out“ zu bieten hat. Ich meine: Frank Zappa war gut, genial, politisch, subversiv und lustig, aber man muss wirklich nicht alles von ihm mögen, speziell nicht diese jazzigen Endlos-Teile.

J. J. Cale, Grasshopper, 1982

Produzent/ Audie Asworth, J. J. Cale

Label/ Island

Wenn ich jemandem eine einzige Platte von J. J. Cale empfehlen müsste, wäre es „Grasshopper“. Da ist alles drin ist, was J. J. Cale ausmachte. Zur stilistischen Vielfalt kommt eine ausgereifte Produktionstechnik. Hier ist der Mann auf der Höhe der Zeit, klingt modern und dennoch ganz nach J. J. Cale. Ein perfekter Spagat! Mit dabei ein paar der besten Sessionmusiker; Reggie Young, Ken Buttrey, David Briggs, Tommy Cogbill und John Christopher an der Rhythmusgitarre.

Das Herz von „Grasshopper“ aber sind selbstverständlich die Songs, die Geschichten. Bereits die Eröffnungsnummer setzt die Latte hoch; mit dem sonnigen „City Girls“ war Cale einem Pop-Hit so nah wie nie zuvor. Der zweite Song „Devil In Disguise“ ist vermutlich der schnellste Rock-Song, den er je aufgenommen hat. „Drifter’s Wife“ spielt Cale ganz allein, mit Okie-Akzent und virtuosem Fingerpicking erzählt er die Geschichte eines umherziehenden Musikers, auf Augenhöhe mit Woody Guthrie oder Bob Dylan. „You Keep Me Hangin’ On“ berührt mit verletzlichen Texten und einer Klavier-Begleitung in allerbester Elton John-Manier. In „Downtown L.A.“ zeichnet er ein deprimierendes Porträt der Grossstadt-Dekadenz, in „A Thing Going On“ zaubert er eine beängstigend mystische Stimmung aus dem Ärmel, und im von Christine Lakeland und ihm geschriebenen „Don’t Wait“ wird dieser Schwere ein umwerfend charmanter Optimismus entgegengesetzt.

Keines der vierzehn Stücke gleicht einem andern, doch jedes verkörpert seine bestimmte Rolle, sogar die beiden kurzen Instrumentals, die für sich allein irgendwie seltsam klingen. „Grasshopper“ hat dieses innere Gleichgewicht, welches sich nicht erklären lässt. Wer also noch gute Musik für ein Stündchen im Schaukelstuhl braucht, ist mit dieser Platte von J. J. Cale bestens bedient.

Lou Reed, Coney Island Baby, 1976

Produzent/ Lou Reed, Godfrey Diamond

Label/ RCA

„I’m just a gift to the women of this world…“ singt er, der gute alte Lou, in stolzer und ungebrochener Selbstironie und mit vertraut-erschreckendem menschenverachtendem Zynismus – und wie man ihn so hört wundert man sich einmal mehr, wie er es doch immer immer wieder mal geschafft hat, so mitreissende Platten wie diese auf die Beine zu stellen und trotzdem so abgeschlafft zu klingen, als stünde er an der Schwelle zu Koma.

Klar, es ist die alte kaputte Masche, die Lou Reed hier wieder abzieht, mit seinen „Kikikikikikikikikikikikicks“ und seinen „Watch-Me-Nows“, aber es ist halt auch der alte Mr. Android, der da singt, und zwar mit seiner unnachahmlich, spröden und verzögernden Stimme, aus der sich die ganze Gebrochenheit des modernen Grossstädters heraushören lässt („Hey kid, what’s your style? How do you get your kicks from livin?“).

Die Begleitmusiker auf „Coney Island Baby“ setzen nicht so sehr auf instrumentale Virtuosität wie Reeds alte Gruppe auf „Rock’n’Roll Animal“, stattdessen legen sie mehr Gewicht auf zurückhaltende Klarheit und Exaktheit – etwas bescheidener, etwas ruhiger und solider, aber nicht weniger mitreissend. Die Platte ist ein wahres Geschenk, nicht nur an die Frauen dieser Welt!

The Violent Femmes, The Blind Leading The Naked, 1986

Produzent/ Jerry Harrison

Label/ Slash

Zwischen die interessanten Monologe Gordon Ganos, die geheimnisvollen Gesänge und wuchernde Instrumentierungs- und Stilvielfalt der durchweg anrührenden Femmes, mischen sich so solide klingende Sachen wie original englischer R & B („ Faith“ klingt sehr nach Yardbirds) und eine Coverversion von „Children of the Revolution“. Die an das Original angelehnte Fassung erfährt hier allerdings eine wunderliche Behandlung: Ein altertümlich-funkiges Daddel-Intro leitet zur weidlich ausgespielten Schleimgitarre, Gordon Gano greint abgehackt darin rum – aber doch auf bescheidene Art schön. 

Das ganze Album scheint mir ziemlich „witzig“ zu sein, mit vielen humorträchtigen Details. Zum Glück nicht zu viele, denn: ich mag seriöse Leute. Und G. G. ist über die Massen seriös. Das Album hat auch den Vorteil, dass die Femmes, egal wie geschwind die Musik dahingehoppelt, immer wie gelähmt wirken. So gelähmt, wie man sich fühlt, wenn es einem gelungen ist, die Hose über den Kopf und die Jacke über die Beine zu ziehen. Sie sind reizend, das reizendste Zitat aber ist: „l can’t even remember if we were lovers, or if I just wanted to“.

Holly Goligthly, The Good Things, 1995

Produzent/ Holly Goligthly

Label/ Damaged Goods

In unseren unseligen Zeiten sind sie rar geworden, die (musikalisch) wirklich unverwechselbaren Gestalten. Ich erspar mir hier mal die übliche „früher war alles besser“ Leier (dass das so ist wissen wir doch eh alle…), dabei würde die genau hier doch wunderbar passen: schliesslich liegen die im Schaffen von Miss Goligthly so geschätzten Dekaden doch schon so zwischen 80 und 50 Jahren zurück. Mit ihrer unnachahmlichen Art, die die Dame zu eben so einem Charakter macht, wie er eingangs beschrieben wurde, ist auch diese eingespielte Scheibe ein Volltreffer.

„The Good Things“ ist ein herrlich unaufdringliches Album voller Perlen, die grob zwischen Country, Folk und Blues schweben; dabei sind sie ohne das geringste Anzeichen von Staub herrlich „altmodisch“, ohne 2026 unpassend zu wirken. Das liegt wohl daran, dass die Musik einfach zeitlos ist. Vierzehn wahnwitzige Beat-Hymnen mit laszivem Gesang, wummerndem Bass, polternden Drums, Quängel-Gitarre und quietschender Schweine-Orgel. Und weil das Ganze so herrlich dilettantisch, komisch, verwegen und doch vertraut klingt, findet sich hier natürlich Hit um Hit: „Wherever You Were“”, „Expert“, „Without You“ oder Wreckless Eric`s „Comedy Time“. Das alles im hippen Blümchen-Cover, selbstproduziert, in Kleinstauflage vertrieben und doch so belebend wie der erste Kaffee. Grandios.

The Go-Betweens, Before Hollywood, 1982

Produzent/ John Brand

Label/ Rough Trade

Die Go-Betweens sind bedrohte, sensible Geschöpfe, die vor der Welt zurückschrecken (die fürchten, es könne zuviel von ihnen verlangt werden, sich dann aber auf andere Weise wieder an das Leben herantasten). Dabei schaffen sie facettenreiche Gebilde, zarte Blüten von karger, brüchiger Schönheit und Transparenz. Wunderschöne, sehnsüchtige Folk-Pop-Melodien.

Ein weiter Himmel, darunter eine Schafherde, ein Junge in kurzen Hosen, Grant McLennan, einer der beiden Songwriter der Go-Betweens erinnert sich in „Cattle And Cane“ an seine Kindheit auf einer Farm im australischen Queensland. McLennan starb am 6. Mai 2006 im Alter von 48 Jahren.

The Who, Meaty Beaty Big And Bouncy, 1971

Produzent/ Kit Lambert, Shel Talmy

Label/ Polydor

Mehr noch als viele ihrer Zeitgenossen wie die Beatles oder die Stones, die gerne mal eine Single veröffentlichten, die nicht auf einem Album unterkam, waren die Who in den 60er Jahren primär eine Singles-Band. Und als solche fanden sich ihre grössten Hits eben nicht auf den Studioalben. Tatsächlich gab Townshend zu Protokoll, dass er erst mit „Tommy“ die Kunst des Albums entdeckt habe. Aus diesem Grund ist diese 1971 erschienene Compilation mitsamt ihrem grossartig melancholischen Cover ein Rückblick auf das Frühwerk der Band. Und zu diesem gehören ja schliesslich einige der besten Songs der 60er Jahre.

Diese LP konnte ich mir zur Zeit ihrer Veröffentlichung nicht leisten, daher existierte von „Meaty Beaty Big And Bouncy“ jahrelang nur eine Cassetten-Kopie, deren Qualität von vorneherein nicht die Beste war und im Laufe der Zeit immer schlechter wurde. Später habe ich mir dann das Album zugelegt und es auch nicht bereut: besonders reizvoll an den Who ist hier ihre Fähigkeit einen Gesamtsound hinzulegen – reiche Arrangements und üppige Harmonien von musikalischen Könnern.

The Specials, 1979

Produzent/ Elvis Costello

Label/ 2 Tone

Es hat eigentlich lange gedauert, bis die starke Sympathie und Solidarität zwischen Punks und Schwarzen in England einen gemeinsamen musikalischen Ausdruck gefunden hat, frühe Versuche von Kombinationen Punk-Reggae waren eher vereinzelt und bei weitem nicht immer glücklich, obschon hier auch Spitzen wie „White Man in Hammersmith Palais“ von den Clash herauskamen. Die Specials, als Mischgruppe aus Schwarz und Weiss begannen mit beidem, stellten dann fest, dass sich zur Verbindung, der alte, härtere und schnellere Ska, eine Reggae-Vorform, besser eignet; sie halfen damit entscheidend bei der Wiedergeburt und Neugestaltung des Ska weiter.

Die Musik auf dem ersten Album der Specials kann mal böse-aggressiv („Do The Dog“), kann bittersüss („You Wondering Now“ sentimental sein, aber sie lässt einem nicht eine Sekunde in Ruhe, immer ist da diese unwiderstehliche Rhythmik, Coffein und Adrenalin, immer voll wach, nie verpennt und ungeheuer menschlich. „Too Much Too Young“ ist so ein verflucht rührendes Stück, aber ich habe jetzt eigentlich keine Lust mehr, sinnlose Worte über dieses Album zu verlieren. Hört euch das an!

Blondie, Rapture, 1980

Text/Musik/ Debbie Harry, Chris Stein

Produzent/ Mike Chapman

Label/ Chrysalis Records

Im Video ist ein weissgekleideter Schwarzer zu sehen, der in einer Seitengasse tanzt. Mit goldenem Zylinder und schwarzer, blinkender Sonnenbrille nähert er sich einem vergitterten Fenster und blickt in einen Raum. Die Kamera schwenkt auf Debbie Harry, die einer Statue gleich dasteht. Sie bedeckt ihr Gesicht halb mit dem Kragen ihrer Chiffon-Weste und setzt sich langsam in Bewegung. Sie zieht die Weste aus, beginnt zu singen und läuft vorbei an erstarrten Personen. Debbie Harry lässt die Leblosen aufwachen. Musik und Stimme beleben die Situation und versetzen die Menschen in Verzückung: Rapture.

Die Personen im Raum tanzen linkisch zum Disco-Beat, den ein schwarzer DJ vorgibt. Der weissgekleidete Schwarze, der Eingangs in den Raum blickt, sowie der DJ, sind die eigentlichen Protagonisten des Songs. Sie liefern den Weissen den Sound, die ihn aufgreifen ohne ihn zu begreifen. Als die Kamera wieder nach draussen führt, wird klar, dass Blondie hier die Geschichte der Ausbeutung der schwarzen Kultur zeigt. Neben schwarze Graffiti-Künstler und Tänzer gesellen sich Uncle Sam, eine kleine Ballerina sowie ein Nervenarzt, die dem Geschehen kaum folgen können. Und der weissgekleidete Schwarze zieht mit den Weissen weiter, vermutlich in den nächsten Club. Dies ist die Geschichte einer anfänglich schwarzen Clubkultur, die vom weissen Markt verschluckt und ihrer eigentlichen Identität beraubt wurde.