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Sonic Youth, Theresa’s Sound World, 1992

Text/Musik/ Thurston Moore, Sonic Youth

Produzent/ Butch Vig

Label/ DGC

Das Ganze ist weniger als die Summe seiner Einzelteile. Früher wurde der Song an seiner Einheit erprobt, doch Gruppen wie die Pixies, Hüsker Dü, Pere Ubu oder Sonic Youth trieben in den 80er Jahren die Fragmentierung des Songs voran, um der Stagnation der Musik zu entkommen. Sie produzierten einen Rock für Metropolen, verbreiteten die Unruhe in Text und Musik.

Sonic Youth aktualisierten das Erbe der Velvet Underground in einem Sound des Zorns und der Tristesse, inszenierten Klanggewitter wider den kalten Glanz der Achtziger. Unter dem Einfluss der Trash-Kultur suchten sie das Material in den Abfalltonnen der Wegwerfgesellschaft. Sonic Youth waren eine klassische Quartett-Formation, frei nach Lou Reeds Behauptung aus dem „New York“-Album: „You can’t beat two guitars, bass, drums.“ In Ermangelung korrekter Ausbildung am Instrument haben sie sich auf Lärm spezialisiert. Sonic Youth haben das „shaping of sound into music“ zur Meisterschaft gebracht, das Verfahren aus elektrischen Gewittern Musik zu machen.

„Theresa’s Sound World“ von 1992 formuliert eine solche Störaktion. Es findet sich auf dem Album „Dirty“; wo sonst die Texte abgedruckt sind, leuchten fünf weisse Seiten. Sound world: Der Sound als Welt in Trümmern. Gitarre, Bass und ein dumpf trommelndes Schlagzeug sind nach vorne gemischt, die lethargischen Worte des Sängers sind kaum zu verstehen, man hört etwas von „vibrations“ und „sea“ sowie die Zeile „Theresa’s walking in the rain“ bevor die dröhnende Gitarre den Song überflutet.

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Sonic Youth, Goo, 1990

Produzent/ Ron St. Germain, Nick Sansano

Label/ Geffen Records

Ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Goo“ reiste der Filmmacher Dave Markey zusammen mit Sonic Youth nach Europa. Das Resultat, eine Dokumentation mit dem Titel „The Year That Punk Broke“, die 1991 veröffentlicht wurde, ist ein faszinierendes, chaotisches Dokument einer Zeit, in der Sonic Youth selbst, Dinosaur Jr. und die neu aufkommenden Nirvana an der Grenze zum grossen internationalen Erfolg standen.

1981 gegründet in New York, adaptierten Sonic Youth die von Velvet Underground inspirierten Dissonanzen und den experimentellen Lärm der NYC No-Wave-Scene. Viele ihrer Kniffe lernten sie vom Avantgarde-Komponisten Glenn Branca, in dessen Gitarrenensemble Thurston Moore und Lee Ranaldo von Sonic Youth spielten. Im Laufe der 80er Jahre verfeinerten sie ihren Stil und bewegten sich von einem freien Experimentalismus zu den strukturierten und von Kritikern gefeierten Alben, „Evol“, „Sister“ und „Daydream Nation“.

Obwohl „Goo“ ihr erstes Album war, das auf einem Majorlabel veröffentlicht wurde, war es kein Ausverkauf. Mit einem mächtigen Hintergrundgesang von J. Mascis und einem Crossover mit Chuck D. von Public Enemy („Kool Thing“) war „Goo“ zwar in Sachen Struktur zugänglicher, doch weniger in Bezug auf Ton und Text. Zeilen über den Tod durch Magersucht von Karen Carpenter („Tunic“) und einminütige Ausraster („Scooter And Jinx“) wiesen auf weitergeführte kreative Energie hin, während das nihilistische Comic-Cover des Albums, geschaffen von Raymond Pettibon, ihre andauernde Hippness aufzeigte.

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Sonic Youth, Dirty, 1992

Produzent/ Sonic Youth, Butch Vig

Label/ DGC

„Dirty“ war Sonic Youths gezielter Schuss auf den Grunge-Mainstream. Es ist eine alles übertreffende Leistung, ein Klassiker für jeden, der sich für die Indie-Revolution im Rock interessiert, die gegen Ende der 80er Jahre ihren Anfang nahm. Das Album schwingt noch immer mit wellenförmiger Elektrizität, natürlicher Coolness, schwindelerregenden Texten und einer kritischen Weltanschauung nach.

Aufgenommen wurde die Platte im Magic Shop in Manhattan vom Produzenten Butch Vig, der für Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ verantwortlich war. Diese Kollektion zeigt New Yorks Katalysatoren des Noise-Rock, die ihre eigene musikalische Geschichte bewältigen. Spuren von konzeptioneller Kunst, Hardcore-Punk und abgedrehten Experimenten werden in einer geschlossenen, deutlichen Art und Weise serviert. Es wird ein Rock-Sound geliefert, den sie nur gelegentlich so eindringlich und effizient wiederschufen.

Die Gitarristen/Sänger Thurston Moore und Lee Ranaldo arbeiteten reiche Klangflächen und versteinerte Riffs aus, die von verträumt ( „Theresa’s Sound-World“) bis aggressiv („Youth Against Fascism“) reichen, während sich die Bassistin Kim Gordon in verschiedenen Stimmlagen versucht, die sich zwischen feministischer Wut („Swimmsuit Issue“) und der groben Anmut des letzten Track „Créme Brulée“ bewegten. Nicht zu vergessen sind die einfallsreichen Beiträge des Drummers Steve Shelley oder die Tatsache, dass die Kraft der Alternative-Rock-Hits wie „100%“ und „Sugar Kane“ das Album zu einem Meilenstein machen.